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4. berlin biennale

Private Wohnung in der Auguststraße 17

Henrike Schulte

23. März 2006 

Was denn den Unterschied zwischen der New Yorker und der Berliner Kunstszene ausmache, fragte man Massimiliano Gioni, einen der Kuratoren der 4. berlin biennale, während der Pressekonferenz. Der antwortete ohne Zögern: „In Berlin it’s not about synthesis“. In New York liefen alle immer zu denselben Ausstellungen, alle wüssten mehr oder weniger, was der andere gerade plane oder wo etwas stattfände. In Berlin sei das ganz anders, die gesamte Szene viel komplexer. Seine Kollegin Ali Subotnick ergänzte: „ Berlin is such a friendly city for artists to work”. Mieten, Lebenshaltungskosten – alles kein Vergleich zu anderen großen Kunstmetropolen.

Keine Frage also, dass eine Station der Biennale in einem jener Winkel Berlins stattfinden musste, in denen mehr oder minder im Verborgenen Kunst entsteht. In einem der wenigen noch nicht restaurierten Wohnhäuser in der Auguststraße stellt der Bremer Künstler Norbert Schwontkowski über 20 seiner nahezu monochromen, verschwommenen Landschaftsbilder und Porträts in der eigenen Wohnung aus. Immer wenn der Künstler in die Stadt kommt, nutzt er sein kleines Domizil im zweiten Stock des Gebäudes. Das Haus hat eine bewegte und für seine Umgebung zugleich charakteristische Geschichte: Verschiedene jüdische Einrichtungen hatten in dem Gebäude ihren Platz, 1942 wurden über 70 Personen aus den Wohnungen nach Auschwitz abtransportiert und bis heute wird es von der Jewish Claims Conference verwaltet.

Aus dem Fenster von Schwontkowskis Wohnung schaut man über einen traurigen verdorrten Kaktus hinweg auf den hoch umzäunten, von zahlreichen Kameras bewachten Hinterhof der Synagoge an der Oranienburger Straße. Die Wohnung ist rar möbliert, den meisten Platz nehmen die noch funktionstüchtigen Kachelöfen ein. Fast meint man, der Künstler habe für den in den nächsten zwei Monaten erwarteten Besuch aufgeräumt. In der Ecke zum Fenster seines „Berliner Zimmers“ liegen fein säuberlich aufgereiht einige Werkzeuge und Malutensilien auf dem Tisch. Erst auf den zweiten Blick fallen dem Besucher auch andere Details ins Auge. Die auf dem Fensterbrett stehende Weinflasche ist nur zur Hälfte ausgetrunken, in einer Ecke des Raumes hat Schwontkowski sieben seiner Gemälde wie zum Transport mit einfachem Klebeband zusammengebunden und zur Wand gedreht, eine scheinbar in Eile hervorgeholte Perlenkette liegt auf der Ecke seines Schreibtisches. Wurde die Wohnung hastig verlassen? Blieb dem Künstler zum Aufhängen weiterer Gemälde keine Zeit? Mit einem bedrückenden Gefühl verlässt der Besucher die puppenstubenartige Wohnung. Beim Hinausgehen fällt sein Blick auf einen kleinen Zeitungsausschnitt aus dem englischen Daily Mirror, der zwei feixende Männer mit Stahlhelmen abbildet, und versteckt über dem Gaszähler klebt: „Achtung Surrender!“.



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