Während es in einem frühen Botho-Strauß-Stück heißt „...als huschte ein Mäuslein über die Orchesterpauke...“, betritt man das Erdgeschoss und ist sogleich in medias res, nämlich bei Bruce Nauman und seiner irritierend-enervierenden, großartigen Videoinstallation Rats and Bats ( Learned Helplessness in Rats II ) von 1988. Nun hat die 4. berlin biennale ja erstmals ein Motto, und das heißt „Von Mäusen und Menschen“. Dieses im Kopf und die Frage „Was wird mich hier wohl erwarten?“ wird die Ratte im Video zuerst mal zu einem Mäuslein, bis einem klar wird, dass es mit einer solchen Arbeit am Beginn des Ausstellungsparcours gar nicht im Diminutiv weitergehen kann. Mit seiner Konstruktion aus realem Film und montierter Wirklichkeit, mit seinen genialen Versuchsanordnungen und den stakkatoartigen Geräuschkulissen ist Nauman also buchstäblich ein Motto-Geber.
Im selben Raum wartet, vertreten durch Roberto Cuoghi, gewissermaßen ein Alchimist, der seine Versuchsanordnung unter das Motto „pittura per evaporazione“ stellt. In mysteriösen Rätseln entwirft er Porträts mit Substanzen wie Azetat und Lippenpomade, die eine Nähe zu Laborexperimenten haben. So entsteht eine in Schummerlicht getauchte Fantastik, in der das Selbstbild durch die Versuchsreihe ersetzt ist.
Drei von Thomas Schüttes Capacity Men sehen in einem riesigen Raum real-beunruhigend und enigmatisch zugleich aus, wie sie da in ihren Riesendimensionen aus Stahl eben nur Schemen von Menschen symbolisieren und geisterhaft wirken. Im selben Raum stellt Michael Schmidt seinen 163-teiligen, monumentalen Fotozyklus EIN-HEIT vor. Während dieser Fotoessay faktisch sechs Jahrzehnte deutsch-deutscher Geschichte reflektiert, sind die ungezählten Graustufen der Fotos an sich schon so sublim wie die großen Grisaillen dieser Welt. Und je nach Laune lassen sich Jean Pucelles Miniaturen ebenso assoziieren wie Gerhard Richters graue Werke. Reflektiert man Richters Arbeiten zur deutschen Geschichte, dann gibt es in diesem Historienzyklus doch erstaunlich oft den berühmt-berüchtigten Onkel Rudi.
Aïda Ruilova bevorzugt Horrorfilme, die sie in ihren Videos zu manchmal lautstarken Synthetikszenarien zusammenführt. Die hektisch-schnellen Schnittfolgen lassen kein Verweilen zu, obgleich man sich an mancher bizarr-schönen Stelle eine Atempause wünschen möchte in diesem Kabinett aus Fetisch, Sublimation und Anspielung. Der gebürtige Rumäne Mircea Cantor arbeitet ebenfalls mit Video. Dabei tauchen die Wortspiele bereits in den Titeln auf: Deeparture, 2005, filmt einen Wolf und ein Reh gemeinsam im leeren Galerieraum. Zwar verfolgt der Wolf das Reh, greift es aber nicht an. Man fragt sich, ob der Beuys-Nauman-Mix so penetrant hätte ausfallen müssen und die Zitiersprache so epigonal.
Reichlich privat geht es dann bei Corey McCorkle zu, der uns in der Fotoserie Spiritual Midwifery Rush, 2005, mit der Geburt seines eigenen Kindes konfrontiert, die er inklusive Nabelschnur und Plazenta in Farbe festgehalten hat. Das Wunder der Geburt, der werdende Vater, die großen existentialistischen Themen, nur – was sollen wir damit? Auch die Bekanntschaft mit Gino De Dominicis, dem teils extravaganten Dandy, teils geheimniskrämerischen Einsiedler, kann man machen. Obwohl er in Italien berühmt war und eine ganze Generation italienischer Künstler beeinflusste, sind Fotografien seiner Arbeiten rar und so bleibt er, der sich mit existentiellen Themen wie Leben, Tod und Unsterblichkeit auseinandersetzte, ein Rätsel.
Ján Mančuška ist stark von der Konzeptkunst inspiriert, nimmt diese Form aber zu (auto)biografischer Introspektion. Als ob Carl André dekorative Worthülsen ausgeschnitten hätte, schweben in 20 minutes after, 2006, Wörter im Raum und es wird eine Geschichte auf die Wand projiziert: Koshut als Fortsetzungsroman – und sehr dekorativ.
Benjamin Cottam hat deutliche Affinität zum Tod. Ihn interessieren insbesondere die Todesarten (vorzugsweise Suizid) anderer Künstler, denen er sich in Form von Miniaturporträts nähert. Abgesehen davon, dass sich hier natürlich die Frage nach der Originalität solcher Einfälle stellt, ist es einfach ein Jammer, dass der Silberstift keinem Altmeister zur Ehre gereicht und es eben doch höchst mediokre Bildnisse wurden.
Die Art, wie Cathy Wilkes ihre eigenen Lebenserfahrungen verarbeitet, erinnert an einen Stabilo-Baukasten, bei dem die Betrachtenden Details einer Künstlerbiografie mit Do-it-yourself mischen und jedem dann seine eigenen Reminiszenzen zum Beispiel an Frauenrasierer bleiben. Natürlich kann da trefflich ein Diskurs zum Thema subjektive Wahrnehmung geführt werden, aber der intendierte Gesamtzusammenhang stellt sich doch nicht von selbst her.
Clemens von Wedemeyer und Maya Schweizer nähern sich unseren derzeitigen Alltagsthemen wie Migration und sozialer Isolation mit einer Filmarbeit. In Rien du tout, 2006, geht es formal zwar um das Mittelalter, aber der Drehort im Pariser „banlieu“ gibt einem fast zeitlosen Thema plötzliche Brisanz und die skandierenden Darsteller, angeblich inspiriert von Samuel Becketts reduzierter Theatersprache, scheinen aus den aktuellen Tagesthemen abgefilmt zu sein.
Wer die nächste Etage betritt, denkt zuerst vielleicht, er sei nun bei der Abteilung „Faller-Eisenbahn“ angekommen und so ganz falsch ist diese Assoziation nicht, denn Oliver Croy und Oliver Elser stellen mit Sondermodelle (seit 1993) ein noch nicht abgeschlossenes Forschungsprojekt vor, in dessen Zentrum die hier ausgestellten 387 Miniaturmodellgebäude stehen, die ein gewisser Peter Fritz herstellte, der mittlerweile verstarb. Je nach Bedarf modifizierte Fritz die real existierende Architektur. Und zu einem solchen Thema fallen einem gewiss ungezählte Fragen ein. Im Gegensatz dazu inszeniert Ricarda Roggan in ihren fotografischen Ansichten mit umsichtiger Vorsicht Objekte. Dabei bedient sie sich geläufiger Inszenierungsmodelle. Sie sammelt und bewahrt Aspekte zur DDR in ihren Fotos. Kommentare zum Thema des Verschwindens und wie traurig oder gerechtfertigt das wohl ist, werden in ihren kühlen Interieurs aber nicht ausgeleuchtet.
Mit seinem Ersatzturm, 2006, passt Florian Slotawa bestens in dieses Milieu. Die von einem Sammlerehepaar stammenden Gebrauchsgegenstände hat er zu einem Turm geschichtet und für die Zeitdauer der Ausstellung dort versammelt. Im Zentrum seiner künstlerischen Auseinandersetzung steht eine strategische Neudefinition privater und zuweilen intimer Alltagsobjekte zu Kunst. Kunst als soziologische Etüde. In diesem Klima behaupten sich die zwischen lapidar und poetisch, konkret und spekulativ oszillierenden Fotoarbeiten von Shirana Shahbazi auf ihre ganz eigene Art. Der Mitte (2006) betitelte Corpus aus schwarz-weißen und farbigen Fotos animiert dazu, sich und den Arbeiten Fragen zu stellen oder einfach mal einem Moment etwas nur schön finden zu dürfen. Ohne doppelten Boden.
Eine weitere Position in dieser Galerie stellen Reynold Reynolds und Patrick Jolley mit ihrem Video Burn, 2001, vor. Obwohl es sich um einen Elementezyklus handelt, geht es bei dem Feuerfilm auch um irritierende Einsichten, denn wiewohl hier ein ganzes Haus abzubrennen scheint, bemerken die Bewohner es nicht und die Naturgesetze scheinen auf sie auch keine Anwendung zu finden. Normen, Normalitäten und die unterschiedlichsten Deviationen davon sind es, die diese Etage so spannend, aber auch stark irritierend werden lassen.
Im obersten Stockwerk wird ausschließlich das Medium Film vorgestellt. Auf halber Treppe tanzt, in einer kleinen Kammer, Klara Liden vor verwirrten oder unangenehm berührten Passagieren eines Vorortzuges in einem Reich zwischen legal und illegal. Ihr Video Paralyzed, 2003, ist ausgelassen-anarchisch und stellt jede Form von gutem Benehmen und Das-tut-man-nicht radikal in Frage. Gillian Wearing begrüsst uns mit Drunk, seiner Videoarbeit von 1999. Im Zentrum stehen Alkoholiker, die vor klinisch weißem Hintergrund ihre Orientierung so verloren zu haben scheinen, wie einst Rosemarie Trockels alkoholisierte Spinnen das Spinnen vergessen hatten. Weniger die conditio humana im Allgemeinen, sondern vielmehr seine eigene Verfassung beleuchtet am anderen Ende Anthony Burdin, der sich selber bei Live-Performances filmt und sich auch dann noch filmt, wenn längst alle Leute gegangen sind. Wie ein Perpetuum mobile schwankt dieser Mann her und hin zwischen Ironie und Ernst, Wahr- und Lügenhaftigkeit. So bleibt er ein dauerndes Rätsel, egal wie neugierig man auf sein Oeuvre werden mag.
Vorbild für diverse in dieser Schau vertretene Positionen ist der recht abseits positionierte Otto Mühl, ohne dessen Befragungen von Grenzwerten und Grenzüberschreitungen kaum einer der meist wesentlich jüngeren Künstler vorstellbar wäre. Gottlob sind die ausgestellten Videos aus den 1960er Jahren. In ihnen können die Zutaten antibürgerlicher Rebellion und die Suche nach neuen Wegen in der Kunst exemplarisch studiert werden. Im Abstand von vierzig Jahren kann man den Rang und die Wichtigkeit der Wiener Aktionisten überhaupt nicht überschätzen. Nun ist viel davon in den manchmal recht beliebigen Zeitgeist absorbiert worden, der für einige Zeit an diesem Ort eingeladen ist. Otto Mühl ist wahrlich ein Anfang – als Endpunkt der Ausstellung jetzt ganz weit hinten ausgestellt.
















