Wetterleuchten, Blitze, Nebel - Schnitt: Kleine Mädchen halten sich die Hände vor die Münder. Stille - Schnitt: Tosender Lärm, da ihre Finger, manche mit lackierten Nägeln, auf den Schultischen trommeln. Summer Lightings, 2004, ist eine beeindruckende, nur zweieinhalb Minuten lange Filmarbeit von Viktor Alimpiev. So beginnt der Parcours im Erdgeschoss der ehemaligen Jüdischen Mädchenschule, wendet man sich am Eingang nach rechts. Linker Hand erwartet die Besucherinnen und Besucher hinter einer Tür eine der brutalen Installationen von Micol Assaël. Sechs Turbinen versuchen einen wegzublasen, man hat kaum Platz, den Windstößen auszuweichen. In Paul McCarthys Bang Bang Room von 1992 klappen die vier Türen der vier Wände auf und zu, bis sich auf einmal auch die Wände aufklappen und zurück bleibt der Grundriss des Zimmers. Alle 20 Minuten, zehn Minuten lang. Eine ältere, gelungene Arbeit des Amerikaners. Bouchet hat ein paar kleine Räume im Erdgeschoss mit schwarzer Komposterde bis über Kniehöhe voll geschüttet: Berlin Dirty Room ist ein Remake von Walter de Marias New York Earth Room von 1977. Manchem mag die Zitierwut überhaupt nicht gefallen. Anri Sala hat für sein Video time after time von 2003 ein klappriges Pferd an die Straße gestellt, Autos rauschen vorbei, im Hintergrund ein Wohnhaus. Niemand hilft, keiner rettet. So traurig.
Auf der ersten Etage wartet einer der Höhepunkte dieser Biennale: Eine Stunde dauert der 16-mm-Farbfilm von Tacita Dean mit dem Titel Presentation Sisters von 2005. Schwestern im Geiste, Nonnen. Die starre Kamera zeigt sie beim Fernsehen, beim Beten; warmes ockerfarbenes Licht fällt schräg, ohne Kraft, in die dunklen Räume und wirft Schatten. Melancholie, ja, aber gefasst in einen ruhigen Rhythmus, so dass man gerne eine Stunde zuschaut, wie sich ein paar alte Damen ihren Tag und die Zeit vertreiben. Michaela Meise legt einen bemerkenswerten Auftritt hin: the house von 2004 bildet einen Grundriss mit Tischlerplatten in Lila- und Brauntönen, an der Wand hängt das reliefartige intelligente Glossy Moll 2 von 2005. Paloma Varga Weisz kann nur mit einer ihrer Büsten überzeugen, Kopfporträt, aus dem letzten Jahr: Die Büste aus Lindenholz ist nackt und roh belassen, die Farbe bedeckt Kopf und Hals. Dorota Jurczak teilt sich mit Tadeusz Kantor einen Raum. Ihre feinen Radierungen, die Art-Brut-Atmosphäre atmen, stehen seiner Jungenpuppe hinter einer Schulbank aus der Arbeit Die tote Klasse, 1975, entgegen. Die junge Polin kann vor allem mit dem kleinen Blatt Marszalek i Dodo überzeugen. Eine stimmige Zusammenführung beider Künstler. Nathalie Djurberg zeigt drei ihrer kurzen Animationsfilme, fröhlich brutal, offen pervers: Immer wieder muss der Tiger schmatzend der Dame den Po lecken in Tiger licking girl's butt von 2004, sie will es so. Sebastian Hammwöhner, Dani Jakob und Gabriel Vormstein haben eine weiße Platte in Hüfthöhe in ihren Raum gestellt, ein schmaler Gang an den Seiten bleibt frei. Auf der Platte sind gefundene Objekte in absurden Kombinationen zusammengefügt; das Zufällige, artistisch in den Griff genommen. Egal, was es soll, es macht Freude.
Der Flur auf der zweiten Etage zuckt im an- und ausgehenden Licht von Martin Creeds Work No. 160: The lights going on and off von 1996. Felix Gmelin zeigt seine provokante Film- und Videoinstallation Sound and Vision, 2005. Der Film zeigt Blinde beim Sexualunterricht, sie dürfen ein nacktes Pärchen befühlen. Widerpart dazu ist ein dahinter postierter Monitor, der den Vater des Künstlers zeigt, einen Experimentalfilmer, wie er seinem Sohn Gegenstände zeigt unter seltsamen Geräuschen – das der Künstler sich selbst ausstellt, hebt die Arbeit auf ein anderes Niveau. Thomas Zipp hat in seiner Rauminstallation viel in Angriff genommen: Eine Fototapete zeigt den Raum, wie er vorher aussah, Schutt am Boden; seine Arbeiten hat er dem perspektivischen Schnitt des Fotos angeglichen, schräge Rahmen, schräge Bilder und Zeichnungen. Astro Black, 2006, kann nicht ganz überzeugen, zu sehr lebt die Arbeit von der Adaption. Ian Kiaer hat sich mit Alexander Beer project dem Architekten der Jüdischen Mädchenschule zugewandt. Wie und was er in seinen kleinen und filigranen Arbeiten macht, bleibt rätselhaft – bis auf das am Boden stehende, identifizierbare Holz- und Papiermodell der Schule. Thomas Bayrle, der Meister des Seriellen mit enorm ornamentaler Wirkung, die Bezugsfigur vieler junger Künstler, hat einen tollen Raum mit drei Arbeiten: Superstars, 1993, und Sunbeam, 1993-94, laufen auf zwei Monitoren. Die kurze Sequenz zweier Menschen, die ein Auto besteigen, löst sich im Loop und in verschiedenen Zooms in Pixel auf; multiplizierte Bilder bilden eine bunte ornamentale Welt, die sich immer wieder verändert. Zusammen mit Stefan Seibert hat Bayrle 1988-89 den schwarz-weißen 16-mm-Film Autobahn-Kopf produziert und Autobahnszenen zu einem Kopf zusammen geschnitten. Arbeiten voll strenger Logik, einem Mantra gleich, großartig. Christopher Knowles sortiert in seinen „Typologien” in Schreibmaschinenschrift auf Papier die Welt neu, raffinierte bis grandiose Wortexperimente eines Autisten. In der Mitte seines Raumes stehen zwei Skulpturen von Rachel Harrison, Hans Haacke with Sculpture , 2005, und ihr Pink Stool aus demselben Jahr, Müll mit rosa oder goldener Farbe überzogen. Bei Bruce Connors 35-mm-Film Crossroads, 1976, Aufnahmen einer Atombombenexplosion, denkt man unwillkürlich an Stanley Kubricks „Dr. Seltsam oder wie ich lernte die Bombe zu lieben“, nur das der Witz fehlt. Wunderbar dagegen die 29 Silbergelatine-Abzüge und Laser Prints aus der Serie Evidence, 1977, von Larry Sultan und Mike Mandel: Kleine schwarz-weiße Querformate, die nichts Besonderes zu zeigen scheinen – doch Unheil schwebt über ihnen.
Das Niveau der ersten Etagen wird auf der dritten zum Teufel gejagt, als sei es ein kuratorisches Bemühen gewesen, die weniger guten Arbeiten dort zu versammeln. Weder kann Markus Schinwald mit seiner Puppe Otto, 2004, überzeugen noch Roland Flexners kleine Grafitarbeiten – zu wenig Tiefe, zu wenig Raum. Roger Ballen enttäuscht mit seinen zwölf Fotografien des burischen Südafrika. Absichtsvoll, ohne jede andere Dynamik, als allein den Schrecken zu bringen, setzt er Menschen und Tiere in unnatürliche Stellungen. Diego Perrone hat ein totes gehäutetes Tier - einen Hund? - in seinem Animationsfilm belebt: Vier Minuten, die sehr langsam vergehen. Robert Kuśmirowski hat für seine Attrappe eines Eisenbahnwagons sogar an alte Schwellen gedacht, sodass es im Raum stinkt - ein riesiges tautologisches Missverständnis. Nicht alle kleinen Polaroids von Saul Fletcher sind gut, aber Untitled # 11, 1997, das Bild eines Mannes, der eine Puppe seiner selbst auf den Rücken gebunden trägt, berührt ungemein. Auf dem Gang hängen an Haltern zehn Flaggen von Pravdoliub Ivanov. Territories, 1995/2003, sind mit Lehm überzogen, hängen starr herab. Matthew Monahan greift gut aus, die Verbindung von Zeichnungen – auf einen Sockel gelegt, darauf eine Skulptur gestellt – macht das Arrangement zwar spannend, letztlich wirkt es jedoch beliebig. Michaël Borremans führt mehrere Techniken vor. Allein seine Ölbilder, vor allem der lange Hals von The Swan, 2005, können überzeugen.
Der gesamte Flur der vierten Etage gehört Marcel van Eeden und seinen 137 Zeichnungen mit weichem Bleistift auf Papier, Bilder mit unterlegtem Text, Filmstills ähnlich, die er dem Leben eines gewissen K. M. Wiegand widmet. no title (K. M. Wiegand. Life and Work), 2005-2006, überzeugt nicht nur durch Masse, sondern auch durch Intelligenz und Witz. Die 1981 verstorbene Amerikanerin Francesca Woodman bietet in Selected Video Work, 1975-1978, sowie in ihren Fotografien aus den 1970er Jahren verstörende Dokumente körperlicher Selbsterfahrung. Ein Gemälde und mehrere kleinformatige Zeichnungen gibt es von Tomma Abts zu sehen. Aeid, 2006, ist ein polierter Aluminiumguss, der nur eine Farbe braucht, um konzentriert und vielschichtig zu wirken. Die Zeichnungen mit Bunt- und Bleistift dagegen wirken zu gefällig und ausbalanciert. Von Christiana Soulou hängen zehn Zeichnungen, die dem Betrachter zu austariert erscheinen. In Jaan Toomiks Father and Son, 1998, nähert sich über spiegelglatter Fläche ein nackter Eisläufer der Kamera, dreht ein paar Runden und verschwindet wieder am Horizont, während eine hohe, klagende Frauenstimme ihn begleitet. Zwei Minuten Film, die man immer wieder sehen möchte. Eine wieder kehrende Schwierigkeit bei Mark Manders ist seine hermetische Präsentation. Worum soll es gehen, wenn sich in - / - / - / - / - / - / - / -, 1992-2006, eine bemalte Bronze, englische Teebeutel und eine Kinderpuppe begegnen? Wahrscheinlich ist es großartig, wie häufig bei Manders, aber wer weiß das schon?




























