Der Londoner Künstler Jeremy Deller, bekannt für interventionistische Arbeiten in öffentlichen Räumen, hat bei der Manifesta vor zwei Jahren in San Sebastian eine bunte, lärmende Parade organisiert, bei der unterschiedlichste Interessengruppen der Stadt singend, tanzend und musizierend durch die Straßen zogen. Für die 4. berlin biennale hat er nun über eine örtliche Klezmerschule die Gruppe „Klezmer chidesch“ kennen gelernt und ein gemeinsames Projekt mit der vierköpfigen Band realisiert.
Die Musiker, allesamt Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion, spielen eine eigens für die Biennale komponierte Melodie: Klezmer Chidesch spielen ihre Komposition für die 4. berlin biennale. Ihre Performance ist filmisch festgehalten und als Projektion in den Pferdeställen des Postfuhramts zu erleben.
Der Spaß, den die Musiker dabei haben, teilt sich dem Betrachter sofort mit. Zwischendurch unterbrechen sie ihr Spiel, um im Chor herzlich zum Besuch der Biennale-Ausstellung einzuladen. Am Schluss bläst der Schlagzeuger Kerzen auf einer üppig garnierten Geburtstagstorte aus und lässt so das Publikum an einem privaten Moment teilhaben. Auch wenn es kitschig klingt: Innerlich erwärmt, mit einem Lächeln auf dem Gesicht, verlässt man den Raum und hat das eigenartige Gefühl, ein Stück Heimat am Wegesrand erlebt zu haben.
Gleich nebenan ist die höchst anmutige dreigeteilte Freitreppe Yellow Escalator des in Berlin lebenden Künstlers Michael Beutler zu sehen, eine gelb leuchtende, von Folie überzogene, fragile Konstruktion, die Besucher nur mit den Augen, sozusagen, betreten können. Beutler, der aus einfachsten Materialien den Raum füllende Installationen produziert und oft auch die Werkzeuge oder selbstgebauten Apparate zu deren Fertigung mit ausstellt, liefert hier mit seiner temporären Architektur, die ins Nichts führt, ein poetisches, aus der Divergenz zwischen „armem“ Baustoff und eleganter Gestalt Spannung beziehendes Statement. Das verweist zugleich implizit auch auf die Produktionsbedingungen und materiell ausgerichteten Werte unserer Konsumgesellschaft.
Der bis auf einen auf dem Boden liegenden Turnschuh leeren Raum des Warschauer Künstlers Pawel Althamer irritiert zunächst, entpuppt sich bei näherer Betrachtung aber als Rahmen für einen Aufruf, der am Ausgang zu lesen ist. Hier geht es um eine in Berlin lebende türkische Familie, der die Abschiebung aus Deutschland droht. In seiner aktuellen Arbeit Fairy Tale appelliert Althamer an den Innensenator von Berlin, eine „humanitäre Lösung“ für diesen Fall, stellvertretend für zahlreiche vergleichbare Schicksale, zu finden.
So hofft er, mit dem Vehikel der Kunst tatsächlich etwas in der sozialen Realität vor Ort zu bewegen. Alle drei Künstler dieser Biennale-Station überzeugen durch ihren gesellschafts- und wirklichkeitsnahen Ansatz, ohne dass dieser jeweils kippen würde oder holzhammerhaft daherkäme. Dabei ist eines ganz besonders angenehm: Von Zynismus keine Spur.









