Search the whole artnet database







bb04








4. berlin biennale

Alter Garnisonfriedhof Kleine Rosenthaler Straße 3

Belinda Grace Gardner

23. März 2006 

Der Garnisonfriedhof an der Kleinen Rosenthaler Straße, dessen wechselvolle Geschichte ins 18. Jahrhundert zurückreicht, ist Schauplatz von vier Künstlerbeiträgen, die großenteils im weiteren Sinne um Erinnerung und Identität, das Flüchtige, Fragmentarische, Fragile und Ungreifbare kreisen. Im ehemaligen Wärterhaus, wo sonst eine Ausstellung zur Historie des Garnisonfriedhofs und der Garnisonkirche zu besichtigen ist, zeigt Tobias Buche seine Installation von Fotokopien auf Stellwänden Tactics flow from a superior position, 2006. Eine Materialsammlung aus selbst geschaffenen und gefundenen Images, die in Bezug zu Lebensphasen des Künstlers stehen und – obwohl sie wie eine zufallsbestimmte Loseblatt-Sammlung wirken – einer inhärenten Logik folgen. Die vorwiegend schwarzweißen Kopien haben etwas Verhuschtes, Diffuses. Oft sind die von Unschärfen gekennzeichneten Motive kaum zu erkennen. Dennoch entdeckt man, nimmt man sich die Zeit, wiederkehrende visuelle Bruchstücke. Es gibt Verweise auf das politische Tagesgeschehen, doch ist das kollektive Erleben stets durch das individuelle gefiltert. So tasten sich die Betrachter durch ein Netzwerk von Informationen, die großenteils unentwirrbar und höchstens atmosphärisch, punktuell durch persönliches „Andocken“ an das eine oder andere Image entschlüsselt werden können.

Die Qualität des Unfassbaren teilt Buches künstlerisches Lebensmapping-Projekt mit Jorge Queiroz Video June 17 1972, 1998, eine aus animierten Zeichnungen und Filmbildern collagierte Arbeit, in der Aufnahmen angeblicher Versuche von Geistern, aus dem Jenseits zu kommunizieren, zum Tragen kommen. Ein – gezeichneter - Dozent spricht über dieses paranormale Phänomen vor starrem Publikum, während auf einem gezeichneten Screen wie in einem Fenster zu einer anderen Dimension kryptische bewegte Bilder flackern. Sphärisches Rauschen, entnommen aus einer Radiosendung über Geisterkommunikation, bildet den Soundtrack zum surrealen Geschehen.

So ephemer und rätselhaft die Bilder der beiden Künstler im Wärterhaus sind, so schwebend ist der Gesang der in Belfast und Berlin lebenden Künstlerin Susan Philipsz, die meistens mit eigener Stimme bekannte Lieder und Popsongs vorträgt. Follow me, 2004, heißt ihre Soundinstallation, die zur Biennale aus vier Lautsprechern erklingt. So steht man zwischen hohen Bäumen und blickt vielleicht auf die mit goldenen Lettern beschriftete Grabstätte Clara von Hochwächters, geboren 1824, verstorben 1913, auf den Anfang des Gesangs wartend, der von periodischer Stille unterbrochen immer nur kurz zu hören ist. Vögel zwitschern, während die Künstlerin ein Lied von der Suche nach Bedeutung singt, und von einem Ort, an dem sie schon einmal war: „…sinking deep into the well of time.“

Die traumartige Stimmung, die klanglich evoziert wird und die Gedanken auf die Zeitlichkeit des Seins und andere große Fragen lenkt, wird im Lapidarium, erbaut auf den Fundamenten der einstigen alten Friedhofskapelle, mit der haptischen Repräsentation von Vergänglichkeit in bizarrer Gestalt eines Pferdewesens der belgischen Künstlerin Berlinde de Bruyckere konfrontiert. Der jetzt trotz Frühlingsanfang von frostiger Kälte durchströmte Raum beherbergt zudem den Altartisch aus der zerstörten Garnisonkirche, das Kruzifix der Grabanlage, erhaltene Relikte von Steingrabmälern und andere historische Stücke, die auf die frühere Geschichte des Orts verweisen. Dazwischen steht das monströse Objekt lichaam (corpse), 2006: ein mit lappig herunter hängendem Pferdefell überzogenes Geschöpf, dessen Kopf und Rumpf zu Stümpfen verkürzt sind, als sei es einem Experiment von Dr. Frankenstein entstiegen. Die hybriden, horrenden Wesen der Künstlerin (oft aus Fragmenten von Pferdekörpern, aber auch aus menschlichen Bruchstücken zusammengesetzt), wecken eine Reihe von Assoziationen: Man denkt an physisches Leid, an das, was am Ende vom Leben übrig bleibt und an die fragile Natur des Daseins. Die Biennale-Station an diesem Ort der Stille, der jenseits des normalen Zeitflusses zu existieren scheint, hat trotz – oder vielleicht gerade wegen – der dort vertretenen stellenweise schwer zu durchschauenden künstlerischen Bildwelten etwas geistig Stimulierendes. Man muss sich eben eigene Bilder machen.



Feedback abgeben

   Artikel drucken   Bookmark and Share Share

artnet – Die Welt der Kunst online. ©2012 Artnet Worldwide Corporation. Alle Rechte vorbehalten. artnet® ist eine eingetragene Handelsmarke der Artnet Worldwide Corporation, New York, NY, USA.