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4. berlin biennale

Büro im Plattenbau, Auguststraße 44 Vorderhaus EG

Belinda Grace Gardner

23. März 2006 

Schon von außen wirkt das Haus an der Auguststraße 44 wenig einladend: gekachelte Fassade, körniger Sichtbeton, Plattenbau eben, leicht verrutscht und in die Jahre gekommen. Ein ideales Ambiente, dachten sich wohl Kai Althoff und Lutz Braun, um so richtig heftig in die Mottenkiste der Trash-Art zu greifen. Die beiden Künstler haben ein leer stehendes ehemaliges Hausmeisterbüro im Gebäude mit ihrer überbordenden Gemeinschaftsinstallation Kolten Flynn, 2006, in eine Chaos-Bude verwandelt: Merkwürdige Draperien und Folien hängen von der Decke; die Fenster sind zugemalt oder anderweitig verbarrikadiert; der Boden ist mit jeder Menge Streumüll bedeckt; auf hässlichen Möbeln liegen Haufen von undefinierbarem angekokeltem Material und anderer Unrat herum, Essensreste, zerbrochenes Glas, Ziergräser, Weihnachtsschmuck, plastische Plastiknoten, Zeitschriften, alte Bücher. In der Kloschüssel schwimmen bunte geometrische Formen und irgendetwas, das an Erbrochenes denken lässt. Im Flur prangt eine Wandmalerei voller Leute – man denkt dabei an Otto Dix, aber nur flüchtig. Knet-Figuren kopulieren auf einem Minisofa. Ansonsten bevölkern klumpige Stoffwesen die wüste Raumfolge, die in einer Ecke ziemlich stinkt. Kein Wunder: Hinter einer Tür verbirgt sich ein Haufen echter Exkremente. Dafür duftet es in einem anderen Raum entsetzlich nach Parfümspray der üblen Art. Ein mit altmodischem Rosenmotiv geschmückter Briefbogen an der Wand im vermüllten Wohnzimmer verkündet in bester Schönschrift ein Rezept, das allerhand unappetitliche Zutaten zu einem Potpourri der Schrecklichkeiten zusammenbraut. Vor lauter Ekel-Effekten übersieht man glatt die eine oder andere gelungene Malerei und einige durchaus interessante Zeichnungen zwischen dem ganzen Wust. Wobei darunter wiederum ein Blatt, das drei orthodoxe Juden repräsentiert, Befremden auslöst. Fazit: Diese Boy-Group-Nummer kommt reichlich krachend daher und geht einem schnell auf die Nerven. Der Overkill der (vielfach unangenehmen) Eindrücke animiert zur zügigen Rezeption und hinterlässt höchstens ein allgemeines Unbehagen. Das aber hat man auch angesichts einer überquellenden Abfalltonne. Da hilft auch nicht das kleine Wandwortspiel in der Toilette, wo A = Alle, B = Balle, C = Calle und so weiter ergibt. Ganz lustig, aber eben nicht lustig genug. Die Schlagkraft der Absurdität, das wusste Samuel Beckett profund in Dichtung zu fassen, bedarf nicht des großen Auftritts und alberner Megagesten. Sondern kommt mit präzise gesetzten, reduzierten Mitteln aus.



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