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4. berlin biennale

Container in der Auguststraße 52

Henrike Schulte

23. März 2006 

Österreich hat Manfred Deix, wir haben Erik van Lieshout. Während der eine seit Jahren mit spitzer Feder im Dienste der Gesellschaftskritik die Hässlichkeit seiner Landsleute abbildet, benötigen die Deutschen einen holländischen Künstler (geboren 1968), dem sie ihre schlimmste Fratze entgegenhalten können. In einem engen graublauen Container in der Auguststraße 52 zeigt die 4. berlin biennale einen Kurzfilm, den Van Lieshout 2005 während einer Fahrradtour durch Deutschland drehte.

Sächsische Saufbrüder beim Lamento über die Schuld des Staates an ihrer Misere, brandenburgische Skinheads, die beteuern, noch nie ihre Frau geschlagen zu haben und Berchtesgadener Alte, die den Künstler fragen, ob es in Holland denn auch reiche Juden gebe. Dazwischen idyllisch vernebelte Ansichten deutscher Landschaften im Wechsel mit Plattenbauwüsten und öden Kinderspielplätzen. Nur am Obersalzberg durfte der Künstler nicht drehen. Am Hotel Intercontinental, das seit 2005 an der ehemaligen Stelle von Hitlers Berghof finanzkräftige Feriengäste beherbergt, wurde er rüde abgewiesen.

Jede Einstellung in Van Lieshouts 17-minütigem Film bietet abgrundtiefe Einsicht in die gemeine deutsche Volksseele. Auf Van Lieshouts Frage „Wie geht’s?“ antwortet der Gefragte mitnichten „I have to go“, wie der englische Untertitel suggeriert, sondern: „Muss“. Und doch: Keines der Bilder befremdet oder verstört. Vielmehr muss man sich ständig zusammenreißen, um nicht laut loszulachen, so grotesk scheinen einem die lebendigen Karikaturen, die ja eigentlich gar keine sind. Van Lieshouts quäkende, gelegentlich fast hysterische Stimme begleitet den Film und verleiht dem Ganzen zusätzliche Absurdität.

Im Kontakt zu den vielen flüchtigen Protagonisten seines Films bleibt der Künstler höflich und sanft. In einem zweiten Erzählstrang jedoch berichtet er bedrückt von einer verflossenen Liebe und verflucht sie etwas später obszön. Als am Ende auch noch sein Mobiltelefon von einem Auto überrollt wird, bricht der gebeutelte Wandervogel in Tränen aus und will wieder nach Hause. Die deutsch-niederländische Katharsis hat ein Ende.



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