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bb04

4. berlin biennale

Der Mythos kehrt zurück

Frank Frangenberg

23. März 2006 

Arme-Sünder-Gasse hieß sie um 1708. 1723 verkümmerte sie zur Armengasse. 1833, am 1. Juli, erhielt sie den Namen Prinz Augusts von Preußen, eines Neffen Friedrichs des Großen: Die Auguststraße in Berlin-Mitte ist ein Mythos. Einer der wenigen, auf den sich die junge Kunstmetropole Berlin stützen kann, denn dieser gehört ihr wirklich.

Der Mythos datiert – erinnert sich Klaus Biesenbach, der erste Direktor der Kunst-Werke – auf den Tag der Währungsunion am 1. Juli 1990; genau 157 Jahre, nachdem die Straße ihren heutigen Namen bekam. Als Ost und West in D-Mark vereint wurden, saßen eine Handvoll Leute beisammen und gründeten eine Kunstinitiative, die später in die Kunst-Werke in der Auguststraße 69 mündete. 16 Jahre nach den Anfängen, als sich hier die ersten Galerien zusammen fanden, und 14 Jahre, nachdem Klaus Biesenbach und seine Mitstreiter 37 Räume in der Auguststraße für eine Woche zu Kunstorten erklärten, erleben wir bei der 4. berlin biennale ein Remake: die Belebung des Mythos. Die bb04 zitiert ihn unverhohlen – warum auch nicht?

Berlin, die junge Stadt mit einem Moloch gewaltsam beendeter Geschichten, sucht ihre Identität. Und die 4. berlin biennale hilft ihr dabei, indem sie die junge Stadt, die auch als Kunstmetropole noch Profil finden muss, über ihren jungen Mythos Auguststraße zurück in die Vergangenheit taumeln lässt. Die bb04 erklärt verlassene wie bewohnte Orte an der Auguststraße, die auch ihre eigenen Geschichten erzählen dürfen, zu Kunstorten. Eine vielstimmige, mehrdeutige Erzählung, deren Motto „Von Mäusen und Menschen“ den Roman John Steinbecks von 1937 über die wirtschaftliche Depression im Amerika der 1930er Jahre zitiert: Menschen ohne Arbeit, voller Verzweiflung, ein Leben ohne Trost. Gilt das auch für Berlin 2006?

Ihren Katalogtext beginnen Maurizio Cattelan, der munter-boshafte Künstler aus Mailand, Massimiliano Gioni, ebenfalls Mailand, ephebischer Kurator der Trussardi Foundation, und Ali Subotnick, die sympathische amerikanische Autorin vieler Kunstmagazine aus New York, mit den Worten: „Wir glauben…“ – was sind sie anderes als Gralsritter, die sich vor Publikum als Komödianten ausgeben und ihm dann tragische Geschichten erzählen? Woody Allen, auf den Kopf gestellt: Bei der bb04 wird nicht aus Tragödie endlich Komödie, sondern aus Komödie eine fast endlose Tragödie.

Und doch könnte diese Biennale der jungen Stadt Berlin das Vertrauen in den eigenen Mythos schenken und die Weise, wie er auch benutzt werden kann. Indem die Kuratoren darauf beharren, dass dies keine Ausstellung über die Auguststraße ist, befreien sie die Kunstmetropole von ihrer Kleinkariertheit. Sie sind so clever, das darf man ihnen nicht vorhalten. Citymarketing ist ein Begriff, der eine Ruhepause verdient hat. Es zeigt sich, dass der Komödiant das wahre Leben, von der Geburt bis zum Tod, von der Jüdischen Mädchenschule bis zum Garnisonsfriedhof, besser im Blick hat als der Spekulant.

Was die bb04 pulsieren und wirken lässt – und das macht den großen Unterschied zu allen Berlin Biennalen bisher aus – ist, dass in ihr das Herz eines Künstlers schlägt, unverfroren, allumfassend. Wenn die Kuratoren am Ende ihres Vorworts zur Ausstellung ankündigen, „sich im Innersten zu verstecken“, bedeutet das nichts anderes als den Triumph des Herzens. Und das Herz dieser dunklen, schwermütigen Biennale schlägt im Spiegelsaal von Clärchens Ballhaus, wo in der Arbeit Kiss von Tino Sehgal ein Paar sich unentwegt küsst.

Wahrscheinlich ist das das größte Geschenk der drei Kuratoren an Berlin: Sie haben mit dieser Biennale einiges dafür getan, die junge Stadt von ihrer schroffen Schwermut zu befreien. Es ist nun an ihr, das Gefühl aufzugreifen und umzusetzen. Von hier aus. Von der Auguststraße in Berlin-Mitte.


Überblick zur 4. berlin biennale


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