Sein Körper ist ihm Werkzeug, Instrument, Skulptur, meist entblößt oder mit Lehm und Mulch bedeckt, eingewickelt in Bandagen, beladen mit Steinen oder in Selbstkasteiung wie Schlachtvieh an den Füßen aufgehängt. Als der ausgebildete Sänger Dieter Appelt 1979 im Alter von 44 Jahren die Deutsche Oper in Berlin verlässt, um sich ganz der bildenden Kunst zu widmen, bringt er einen Hauptstrang seines Werks zur vollen Entfaltung: die Darstellung der menschlichen Existenz als Erfahrung eines Aufgespanntseins zwischen Extremen, zwischen Diesseits und Jenseits,Vernunft und Gefühl, Freiheit und Zwang.
Seine fotografierten Selbstinszenierungen, die – anders als bei seinem Vorbild Joseph Beuys – nie öffentlich sind, evozieren archaisch-mythische Rituale ebenso wie christliche Leid- und Erlösungsvorstellungen. Dabei ist überdeutlich, dass Appelt, der parallel zur Musik auch ein Studium der experimentellen Fotografie bei Heinz Hajek-Halke absolvierte, das Medium nicht nur als Mittel zur Dokumentation flüchtiger Body-Art-Aktionen und Performances nutzt. Im Gegenteil: Seine Schwarz-Weiß-Fotoserien fügen sich zu großen Tableaus, die Ergebnis einer beharrlichen Arbeit an der grafischen Qualität des Mediums sind. Appelts abstrahierender Umgang mit Tiefen und Schwärzen sowie mit Lichtern und rein weißen Partien nimmt seinen Aufnahmen das Pathetische und verleiht ihnen eine kühle, würdevolle Ruhe. In den 1980er Jahren wuchtet Appelt sein Werk neu aus. Er wendet zunehmend experimentelle Verfahren wie Mehrfachbelichtung und Collage an und verlagert das Gewicht weg von der Allegorisierung des Körpers und hin zur Grenze des Sicht- und Erinnerbaren. Auf der Biennale von Venedig zeigt er 1990 den Tableau-Raum. Die 40 Arbeiten bestehen aus bis zu fünfzigtausendmal belichteten Aufnahmen von rotierendem Schrott auf einer Töpferplatte. Die Spiegel Prismen Cinema Skulptur (1997) ist als Fragmentierungsvehikel gewissermaßen die Quintessenz von Appelts Schaffen: Die Welt ist ganz, der Geist zersplittert.
Dieter Appelt, 1935 in Niemegk/Brandenburg geboren, ist Professor an der Berliner Universität der Künste. In seinen Filmen, Fotografien und Skulpturen spiegeln sich Einflüsse des Modern Dance und der inszenierten Fotografie ebenso wie literarische Anregungen wider.