10. März 2010
Dominik Sittig: „Dekade & Dekor“ – Galerie Christian Nagel, Köln. Vom 27. Februar bis 13. April 2010Wenn es irgendetwas gibt, das die diversen künstlerischen Ansätze der letzten Dekade gemein haben, dann vielleicht einen Hang zur Patina, zum künstlich inszenierten Alter. Sei es der modisch dezente Retro-Touch mit Seventies-Kindergarten-Flair in der Installationskunst, ein eleganter Formalismus à la Anselm Reyle oder eine ambitionierte Historienmalerei im Stile von Daniel Richter, sentimentale Moderne-Revision oder akademische Architekturkritik, wie wir sie von Künstlern wie Monika Sosnowska oder David Maljkovic her kennen: Kunst musste plötzlich geradezu danach aussehen, als käme sie direkt aus einer italienischen Profimanufaktur für Stilmöbel. Umso bemerkenswerter erscheint da eine Ausstellung, bei der es nicht um künstliche Alterung, sondern gleich ums Altsein zu gehen scheint. Wo nicht nur die Oberflächen der Bilder alt, patiniert, ja ganz und gar altersverkrustet aussehen, sondern die gesamte konzeptuelle Anordnung, die dieser Malerei zugrunde liegen muss, tief ins Historische vorstößt. Und dies, obwohl es sich bei dieser Schau um ein Debüt handelt. „Dekade & Dekor“ ist der vollmundige, ja vielleicht sogar ein wenig großmäulige Titel dieses solistischen Erstlings des Berliner Malers Dominik Sittig.
Vierzehn Bilder recht unterschiedlichen Formats hat Sittig (Jg. 1975) zu einem straffen Rundgang arrangiert – oder sollten wir sagen, installiert? Denn „Dekade & Dekor“ wirkt auf den ersten Blick, als wäre die Schau auf die immer etwas unattraktiv nach Drogeriemarkt aussehenden Ausstellungsräume des Kölner Stammsitzes von Christian Nagel regelrecht zurechtgeschnitten. Die durchwegs unbetitelten, mit einem dumpf schillernden grauen Impasto eher zugeschmierten als malerisch sorgfältig entwickelten Bilder hängen also nicht einfach nur da. Vielmehr hat diese Ausstellung eine Anmutung, wie wir sie von den installierten Bild-Placebos Allan McCollums, seinen seit den 1980er-Jahren entstehenden „Plaster Surrogates“ her kennen oder von den Bildräumen Rémy Zauggs, die er requisitenhaft mit seinen monochromen Übermalungen einrichtet. Als wäre das künstlerische Heil nicht im schön und ansprechend gestalteten Detail der Einzelbilder, sondern nur im konzeptuellen Großen und Ganzen zu finden. Offensichtlich sind Sittigs Bilder aber individuell gestaltet, sind sie Gemälde für Gemälde in langwierigen Herstellungsprozessen erarbeitet. Wobei selbst das Wort „Impasto“ unzutreffend ist, denn die Leinwände ächzen unter allerhand ungeschlacht modellierter Farbmasse, erzeugen dennoch oftmals bis ins Detail aus Lösungsmittel und Nachlackierung, farbversprechender Lasur und blickdicht auf den Träger gekneteter Malmasse eine auch bildimmanent tragfähige Spannung.
Natürlich ist Sittigs Malerei auf die kunsthistorische Bühne gestellt und reiht sich ein unter den notorischen „Schmierkandidaten“ von WOLS und Asger Jorn über Eugène Leroy und Albert Oehlenbis hin zu Jonathan Meese und André Butzer, denen sie aber in mancher Hinsicht überlegen sind. Denn Sittigs Bilder sind, selbst wenn sie so besonders „bad“ wie ein offenbar nur in zäher Kleinarbeit herbeigetrotztes Kleinformat (Ohne Titel,
2005-2009) oder so betont lapidar wie das aktuelle Ohne Titel (2009) im Entree der Galerie tun, merkwürdig weich. Da geht es im allerbesten Fall auch um eine Malerei mit emphatisch großem „M“. Aber den Gestus des Ingeniös-Kreativen, gar des Viril-Genialen – eine Rhetorik die jede Menge zumal deutscher Malerei der letzten dreißig Jahre ziemlich ungenießbar macht – sucht man in diesem Gekrakel und Gefriemel in der Malmasse, in diesem mit schier analer Begeisterung ausgelebten Herumdoktern und -wühlen in Ölwürstchen und Ölhäufchen vergebens. Dafür geht es hier zu verkappt zu. Zu ungroßzügig auch, zu kleinlich gar. Diese Bilder, sie drängen uns nicht mit imperialer Pose des so-und-nicht-anders-sein-Könnens ihr schier pathologisch-pastoses Genie auf. Nein, ist es nicht eher so, dass man sie liebhaben muss?
Dennoch: Man riecht förmlich, dass an diesem Braten, an dieser kläglich-opulenten Kulinarik-Deklination in Öl und Geste etwas faul sein muss. Dass sich mehr dahinter verbirgt als der Reiz der Einzelbilder und die Kohärenz, mit der die Ausstellung als Ausstellung auftritt. Immerhin heißt diese mit einem schicken Poster sehr aufwändig beworbene Schau ja auch „Dekade & Dekor“. Und neben einem existenziell „Geist & Angst“ betitelten Finissage-Vortrag gibt‘s ja auch noch ein kleines, grafisch allerliebst im Fünfzigerjahre-Stil designtes Büchlein als Werkverzeichnis von Sittigs bisherigem Œuvre dazu. Das klingt ambitiös, riecht gar nach Hybris und soll es wahrscheinlich auch. Trotzdem mehren sich die Symptome dahingehend, dass Sittig weit mehr daran interessiert ist, eine Art diskursiver Messlatte zu setzen, als bloß ein bisschen aktuelle Produktion zu zeigen. Denn vom Verfahren her – im Ineinandergreifen der verschiedenen Elemente vom Einzelbild bis hin zu PR-Auftritt und Ausstellungsperformance – erinnert dies ja nicht wenig an die jüngsten Berliner Schauen von Seth Price, an dessen Revisionsvorschlag zur Kunst der „Nuller Jahre“ anhand des eigenen Karriereverlaufs. Wo sich Price aber, gleichsam aus einer historisierenden Perspektive, selbst zur Diskussion stellt, scheint sich Sittig eher zur Idee von Geschichte vorzuwühlen.
In diesem Sinne wäre der brutal ausgestellte Historismus seiner Versuchsanordnung – von der gerade im Vergleich zu ihrem rhetorischen Auftrumpfen konzeptuell-malerischen „Schwäche“ seiner Gemälde bis hin zu all dem Pathos-Brimborium aus Titel, Poster, Buch und Vortrag – am ehesten als Strategie, als Tool, womöglich als Tarnung zu lesen. Dahinter dringt man dann schnell zu den entscheidenden Fragen vor: Etwa, was es eigentlich heißt, heute eine Kunst zu machen, deren formalästhetische und diskursive Problemlage uralt ist. Was es heißt, wie Butzer einfach alte Lösungen noch einmal aufzuführen bzw. wie Meese nur im Gewand des Alten aber Etablierten riskieren zu können. Was es heißt, wenn wir Dinge nur mehr zur Bestätigung unseres Geschmacks ansehen. Wenn Befindlichkeit jedes anders gelagerte Interesse übertüncht. Wenn wir uns all das ehrlich fragen, so muss die Antwort lauten, war die meiste Kunst der letzten Dekade höchstwahrscheinlich nur zu deren Dekoration gut. Eine desillusionierende Erkenntnis, zu der Sittig uns da bringt.