Dokumentation „Causa Kirchner“ erweitert

Hagemanns Liste

Henrike von Spesshardt
11. November 2006
Die dem artnet Dossier „Causa Kirchner“ neu hinzugefügte Liste ist auf den 9. März 1947 datiert und wurde mit großer Wahrscheinlichkeit von Werner Hagemann, dem Sohn von Carl Hagemanns nächstem Bruder Otto, kurz nach dessen Tod auf Grund der damals offenbar noch vorliegenden handschriftlichen Originalliste von Carl Hagemann verfasst. Sie diente als Grundlage für die spätere Verteilung von Hagemanns Erbe unter dessen Geschwister und wurde zur Bewertung auch an Carl Hagemanns Freund Ernst Gosebruch geschickt. Das Originalexemplar der Hagemann-Erben ging 2001 verloren, die hier abgebildete Liste ist eine Fotografie eines im Archiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg aufbewahrten Exemplars.

Daraus geht hervor, dass Hagemann die Berliner Straßenszene 1937 zu einem Preis von 3.000,- Reichsmark erstand. Sie dokumentiert ferner, dass der Sammler seit 1916 kontinuierlich Kunst des Expressionismus kaufte, meist bei den Künstlern selber, gelegentlich auch bei Händlern wie in der Berliner Galerie Nierendorf oder dem Frankfurter jüdischen Galeristen Ludwig Schames (verstorben am 3. Juli 1922) und dessen Neffen Manfred Schames, die die damals noch wenig anerkannten Künstler des Expressionismus ausstellten und förderten. Manche Werke erhielt der Sammler kostenlos, so zum Beispiel sein eigenes Bildnis aus den Händen Ernst Ludwig Kirchners, das der Künstler ihm als Geschenk übergab. Manfred Schames und Carl Hagemann besuchten den Künstler im August 1925 in dessen Davoser Atelier.

Hans Delfs, Großneffe von Carl Hagemann und Vertreter der Erbengemeinschaft, der artnet die Liste freundlicherweise zur Verfügung stellte, erläutert die Zuverlässigkeit der Aufstellung in einem Schreiben vom 9. November 2006 wie folgt: „Schon im Zusammenhang mit dem zur Zeit in der Ausstellung ,detective stories’ in der Münchner Pinakothek der Moderne [Anmerkung der Redaktion: bis 12. November 2006] gezeigten Selbstbildnis von Kokoschka aus Hagemanns Sammlung war ich gezwungen, diese Liste auf ihre Zuverlässigkeit hin zu untersuchen. Ich habe dazu sämtlichen Daten der Liste, die sich entweder in Original-Kaufbelegen oder direkten Abschriften davon finden, mit diesen Primärdokumenten verglichen. Insgesamt finden sich 87 einzelne Vergleichsdaten (Jahreszahl der Erwerbung, Provenienz, Preis). Von diesen stimmen 86 ganz genau mit der Liste überein, in einem Fall ist eine Preisabweichung von 10 % festzustellen, wobei aber bekannt ist, dass in diesem Fall 10 % Provision gezahlt wurden. Die Liste kann demnach, soweit sich das heute feststellen lässt, als sehr zuverlässig gelten. Diese Informationen lagen dem Brücke-Museum bereits zu Beginn der Restitutionsverhandlungen zur Kenntnis vor.“


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