Dokumentarfilm „Eames: The Architect and the Painter“

Vergnügen muss man ernst nehmen

Nora Sobich
28. Dezember 2011

Die peinliche Szene fand 1956 in New York statt. Eingeweiht wurde der heute als Ikone des Midcentury American Design gefeierte Eames Lounge Chair. Eine forsche Moderatorin des NBC-Senders interviewte die beiden Designstars Charles und Ray Eames, befragte allerdings Ray eher wie eine vom Erfolgsgatten Charles mitgeschleppte Küchenfee: Wie unterstützen Sie denn so Ihren Mann beim Stühleentwerfen? Ray lächelte verlegen. Charles kam zur Hilfe, erwähnte, dass seine Frau bei dem New Yorker Expressionisten Hans Hoffmann studiert habe. Doch es half nichts. Ray blieb in diesen fünf überkandidelten Fernsehminuten des spießig wertkonservativen Amerika der Nachkriegsjahre festgenagelt wie eine kleine Zierpuppe auf die Rolle der Frau „behind a man but terrible important“.

Die Frage, wie „terrible important“ die 1912 geborene Künstlerin Ray Kaiser für das gewaltige Eames'sche Gesamtkunstwerk des Sehens und der Weltbetrachtung war, ist oft gestellt und unterschiedlich beantwortet worden. Wobei die Frage etwas trennen will, was nicht zu trennen ist. Auch in dem neuen Dokumentarfilm „Eames: The Architect and the Painter“ kommen die US-Regisseure Jason Cohn und Bill Jersey nicht um die Frage herum. Zum Glück aber weniger im Stil eines schulmeisterlichen Geraderückens von Leistungen, vielmehr im Kontext der künstlerischen wie privaten Dynamik dieses so einflussreichen Designerpaares. Immerhin haben die beiden die Welt der Gestaltung mit einer amerikanisch organischen Version des Bauhauses völlig umgekrempelt. Ihr Werk entblättert sich bis heute als ungebrochene Avantgarde immer wieder neu.



Selbst diejenigen, die in den letzten Jahren keine der so zahlreich zu den Eames erschienenen Neuerscheinungen verpasst haben, erfahren bei Cohn und Jersey noch Neues, vor allem aus den Interviews mit Lucia Eames, Charles Tochter aus erster Ehe, dem Enkel Eames Demetrios, dem Filmemacher Paul Schrader, dem Ted-Mitbegründer Richard Saul Wurman und ehemaligen Mitarbeitern des legendären Eames Studios am 901 Washington Boulevard in Venice, Kalifornien. Mit fabelhaften Aufnahmen wird hinter die Kulissen der wie eine Wunderkammer bis zur letzten Ecke gefüllten Werkstatt geschaut, in der Charles und Ray insgesamt 45 Jahre ihren erfrischend heiteren Zirkus des Alltäglichen betrieben. Hier entstnad ganze Bogen: von den ersten Billigmöbeln im Ikea-Stil für Herman Miller bis hin zum Designer als visuellen Kommunikator des Informationszeitalters.

Der schiere Reichtum des Eames'schen Kosmos scheint den privaten Blick auf diese beiden so sympathischen Künstler zurückgedrängt zu haben. Jedenfalls ist über die Liebe der Eames wenig bekannt. Der Mythos Biografie hat im Designgeschäft – anders als bei Schriftstellern oder Schauspielern – auch keine Tradition; kaum einer würde sich dem Werk eines Wilhelm Wagenfeld oder Hans J. Wegner über deren private Affären nähern. Wobei die Eames einem süffisant-biografischen Blick genügend Stoff böten. An Drama und Tragik hat es in dieser mitreißend inspirierenden Künstlerehe nicht gefehlt. Es ist nur die Frage, ob die Gossip-Gier nicht manchmal am Thema vorbeiläuft, wie jüngst bei T.C. Boyle und dessen missglückter Frank-Lloyd-Wright-Womanizer-Romanze. Auch Cohn und Jersey entgehen der Gefahr der intimen Über-Information nicht. Doch hält sich das ablenkend Indiskrete in Grenzen. Auch wenn sich die Regisseure die Information hätten verkneifen können, wie rührend unbeholfen die von Charles mit Anfang Dreißig an Ray verfassten Liebesbriefe waren, übersät mit Rechtschreibfehlern wie bei einem Schuljungen. Charles, der Anfang der Siebzigerjahre auch Vorlesungen zu dem US-Dichter Charles Eliot Norton an der Harvard Universität hielt, erscheint hier plötzlich nicht mehr als Mann der großen Worte, sondern eher als ein Mann der Ideen und Bilder.

An der Cranbrook Academy of Art, vor den Toren Detroits, hatten sich Charles und Ray Anfang der 1940er-Jahre kennengelernt. Sie gehörten zu einer prominenten Künstlerclique, die hier zusammentraf: Eero Saarinen, Florence Knoll, Harry Bertoia. Charles – von Eero Saarinen als Lehrer angeheuert – war damals noch in erster Ehe mit Catherine verheiratet und gerade erst Vater geworden. Er kam aus St. Louis, aus dem „Rust Belt“ Amerikas. Das Architekturstudium hatte er abgebrochen. Bedeutsame Belege für ein Frühwerk gibt es nicht. Den Durchbruch schaffte er relativ spät, erst als er gemeinsam mit Eero Saarinen 1940 den legendären Organic Design-Wettbewerb des Museum of Modern Art in New York gewinnt. Ray Kaiser war fünf Jahre jünger als er, studierte in Cranbrook Weberei, Keramik und Metallarbeiten. Sie kam aus Sacramento. Und an die Westküste gingen die beiden 1941 frisch verheiratet wieder zurück: Zwei Zauberkünstler, getrieben von Neugierde und Fantasie und kommerziell ungemein erfolgreich.

Die jahrzehntelange Tätigkeit der Eames für das Coprorate America – ihre Zusammenarbeit mit IBM, Boeing und Polaroid - hat sie zu kreativen Botschaftern der Vereinigten Staaten gemacht, zu Protagonisten einer Zeit, in der galt: „Was gut für General Motors ist, ist gut für Amerika.“ In diversen Filmen vermittelten sie im Auftrag von Industrie, Regierung und Bildungseinrichtungen die Möglichkeiten neuer Technologien. Weniger kritisch als didaktisch animierend, wie eine kunstvolle „Sendung mit der Maus“: etwa auf der Weltausstellung in Moskau 1959, wo ihr Multi-Media-Film Glimpses of the USA lief. Ihre mediale Welterfahrung nahm vorweg, was im Grunde heute mit der digitalen Demokratisierung passiert, wo jeder fotografiert, sich Grenzen und Hierarchien auflösen, die Augen überall hin schweifen. Am Ende waren die Eames auch hier weniger naiv amerikanisch als geistreich und eben unglaublich heiter. „Vergnügen muss man ernst nehmen“, wie Charles oft sagte.

In Cohns und Jerseys Dokumentarfilm kommt auch der betagte wunderbare US-Architekt Kevin Roche zu Wort, erinnert sich an eine Abendeinladung in dem berühmten, von den Eames als einem Prototypen des preiswerten Serienbauens selbst zusammengeschraubten Case Study House No. 8 in Los Angeles. Zum Nachtisch, wie Roche erzählt, gab es jedoch nichts zum Löffeln, sondern bloß etwas fürs Auge, drei kleine Blumensträuße als Betrachtungsvergnügen. „Verrückt“ nennt Roche diese Fetischwelt. Die Eames'sche Technik, eben alles aufzunehmen und einfließen zu lassen, was die Welt an Formen und Farben hervorbringt, sprengte selbst barocke Ausmaße. Allein 350.000 katalogisierte Dias versammelte ihr privates Kuriositätenkabinett. Vor allem Ray war wohl die ewige Sammlerin, fand in jedem noch so alltäglichen Fundstück Schönheit und Archetypus. Mitarbeiter erzählen, dass sie in den letzten Jahren des Eames Studios kaum mehr ins Büro von Ray gehen mochten, so übervoll war es geworden. Der Perfektionismus der systematischen Unordnung habe Rays Kreativität irgendwann „verkrüppelt“.

Ob man das wissen muss? Ob diese harte Bemerkung und Interpretation zutrifft? Jedenfalls hielt die gemeinsame Zauberwelt der Eames wohl nicht ewig. Charles, der sich zunehmend für Wissenschaft und Mathematik interessierte, distanzierte sich von Ray mit Projekten wie dem genialen Film Powers of Ten. Die Gemeinsamkeit ihres Arbeitens verlor an Intensität. Charles begann Liebesaffären. Ihn hatte wohl zunehmend die Idee gereizt, Studio und Ehe zu verlassen und mit einer neuen Geliebten nach New York zu ziehen. Was nicht passiert ist. Doch der Bruch war da. Und das letzte große gemeinsame Projekt der Eames – die Ausstellung „The World of Franklin and Jefferson“ im Jahr 1975 anlässlich des 200. Geburtstages der USA – wurde aufgrund einer überbordenden Objekt- und Detailfülle auch ein riesengroßer Flop.

Dass noch heute zum Teil die populären Eames-Möbelklassiker ohne Nennung von Ray als Entwürfe von Charles Eames gekennzeichnet werden, verkennt die unverzichtbare Bedeutung des gemeinsamen Arbeitens. Unter seinem Label, nicht anders als in den Werkstudios der Renaissance, flossen, so erzählen es die Mitarbeiter, in der Regel alle Leistungen namenlos ein, egal wie unabdingbar die jeweiligen Arbeitsanteile für die Entstehung gewesen waren. In Cohns und Jerseys Dokumentation kommen allerdings nur Mitarbeiter zu Wort, die ausschließlich das eher schwierige Spätwerk der Eames begleitet haben, und die hier nun eher verhalten über Ray erzählen. Dafür aber geradezu hingerissen vom charmant charismatischen Charles berichten, den viele von ihnen als die wichtigste Person ihres Lebens bezeichnen, als wäre er eine Art Guru für alle gewesen – einschließlich Ray. Charles starb 1978 am 21. August. Ray folgte ihm zehn Jahre später, auf den Tag genau. Glaubt man einer ehemaligen Mitarbeiterin, hatte Ray selbst hier die Symbolik beabsichtigt, einige Tage dem Sterben widerstanden und länger gelebt, um ein allerletztes Detail in dieses wundersam perfekte Gesamtkunstwerk einzufügen.

„Eames: The Architect and the Painter“ – Ein Dokumentarfilm von Jason Cohn & Bill Jersey, 2011. First Run Productions, DVD, Englisch (84 Min.) US-Dollar 23,99 .


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