10. Mai 2007
Im April dieses Jahres war die chilenische Künstlerin
Lotty Rosenfeld (geb. 1943 in Santiago) in Kassel, um ihre Intervention Una Milla de Cruces sobre el Pavimento (Eine Meile aus Kreuzen auf dem Asphalt) von 1979 für die Präsentation auf der documenta 12 vorzubereiten. Mit dieser damals illegal durchgeführten und inzwischen mythischen Aktion des Widerstands gegen die Pinochet-Diktatur betrat sie als Erste in Chile das Feld der Kunst im öffentlichen Raum. Seit 1979 arbeitet die Künstlerin im und mit dem öffentlichen Raum, um Formen der Kontrolle und Konditionen unseres Verhaltens zu untersuchen und aufzudecken. Die Anbringung der Kreuze verändert geltende Codierungen von Mobilität im öffentlichen Raum und ihre Funktionen der Ein- und Begrenzung: Sie benutzt ein Zeichen der Straßenmarkierung, die unterbrochene weiße Linie, welche die Straßenspuren voneinander trennt, als Zeichnung und verändert deren Form. Durch das Hinzufügen einer weiteren Linie auf der Straße entsteht eine neue Zeichnung – ein Kreuz.
In ihrer ersten öffentlichen Aktion 1979 in Santiago inszenierte Rosenfeld die Kreuze als Zeichen des Todes, in direktem Bezug auf die Opfer der damaligen Diktatur in Chile. In den nächsten Jahren führte sie die Intervention wiederholt an unterschiedlichen Orten durch, wobei die neuen Kontexte auch eine veränderte Bedeutung mit sich brachten. 1989, zehn Jahre nach der ersten Aktion, standen die Kreuze in Chile für ein „Nein“ zur damaligen Kampagne für Pinochet als Staatspräsidenten. 1983 am Checkpoint Charlie in Berlin hingegen symbolisierten sie „Kreuzungen“ von West nach Ost. Im April 2007 führte die Künstlerin ihre Aktion dort nochmals durch. Auf der ehemaligen Grenze können die von der Künstlerin veränderten Zeichen auch als Verweis auf den Fall des Sozialismus gelesen werden. Weitere Orte der Aktion waren seit 1979 unter anderem Istanbul, London, Linz, Washington D.C., die Grenzregion Chile-Argentinien, Havanna, Vancouver und Neu-Delhi.
In Verbindung mit dem besonderen Interesse der diesjährigen documenta an den Erfahrungen der Besucherinnen und Besucher steht die Aktion in diesem Kontext für das Aufspüren unterschwelliger Formen von Macht und Kontrolle. Als Vorbereitung ihrer Aktion führte die Künstlerin während ihres letzten Besuches in Deutschland verschiedene Interventionen durch, die sie als „additional gestures“ für die zukünftige Intervention zur documenta 12 bezeichnete. In diesen Gesten zeichnete sie Kreuze etwa vor dem Brandenburger Tor und dem Reichstag in Berlin, um – wie sie sagt – die Macht, die diese Gebäude als Denkmal und Institution repräsentieren, zu befragen, sie durch die Kreuze anzukratzen und zu verletzen. Ähnliche Befragungen hatte sie bereits vor dem Weißen Haus in Washington D.C. (1982) und vor dem Präsidentenpalast in Santiago (1979) verwirklicht.
In Kassel hatte die vorbereitende Geste Rosenfelds darin bestanden, ein Kreuz auf eine Straße zu zeichnen, an der Joseph Beuys sein Kunstwerk 7000 Eichen aus 7000 Eichen und 7000 Basaltsteinen 1982 zur documenta 7 umgesetzt hatte. Damit wollte die Künstlerin in einen Dialog mit dem deutschen Künstler treten, der einen großen Einfluss auf sie und ihre Generation hatte. In den 1980er Jahren kam Lotty Rosenfeld zusammen mit der Schriftstellerin Diamela Elit nach Deutschland, um die kritischen Aktionen des C.A.D.A. (Kollektiv der Kunstaktionen) zu präsentieren und vermitteln. Damals versuchte sie, Joseph Beuys persönlich zu kontaktieren, doch mehr als ein Telefonat ergab sich vor Beuys’ Tod 1986 nicht mehr. Das aktuelle Kreuz neben Beuys’ Arbeit steht als Ergänzung dieses Dialogs und als eine Geste der Verehrung.
Jede Aktion von Una Milla de Cruces sobre el Pavimento wurde von der Künstlerin auf Videomaterial festgehalten. Obwohl die Aufnahmen in erster Linie einen dokumentarischen Charakter besitzen, markieren Rosenfelds Arbeiten den Anfang der Videokunst in Chile. Zusammen mit der neuen geplanten Aktion in Kassel wird die Künstlerin ihre erste Videoaufnahme von 1979 bei der documenta 12 im Fridericianum präsentieren.
Während der 1970er und 1980er Jahre befand sich Chile in einer politisch und kulturell isolierten Lage. Als Roger M. Buergel Santiago 2004 besuchte, hatte er Arbeiten chilenischer Künstler recherchiert. In seinen Gesprächen im Goethe-Institut in Santiago traf er Lotty Rosenfeld, die ihm ihre gesamten Arbeiten präsentierte – von der ersten Aktion aus dem Jahr 1979 bis zu ihrer letzten Arbeit Moción de Orden (Lageänderung), einer auf Computertechnologie basierenden Videoinstallation. Obwohl sie zunächst gehofft hatte, ihre neuesten Werke präsentieren zu können, entsprach sie letztlich dem Wunsch Burgels, den seine politische Archäologie zu ihren frühen Werken geführt hatte. Junge chilenische Künstler mögen sich derweil fragen, ob ihre an der heutigen Realität orientierten Arbeiten für den europäischen Blick nicht lesbar sind. Muss große Kunst aus Südamerika politisch sein? Eine erneute Aufführung von Rosenfelds Aktion in Kassel wird ihrer Arbeit in jedem Fall neue Aktualität jenseits der dokumentarischen Geste verleihen. „Diese Arbeit ist nicht tot“, sagte ihr Roger Buergel bereits in Santiago. Im Gespräch mit uns ergänzt Lotty Rosenfeld nicht ohne Ironie: „Und ich muss mein Kreuz für immer tragen“.