25. Juni 2007
Bis zuletzt noch bestand die Erwartung, dass sich die Mosaiksteine nach und nach sinnvoll verbinden würden. Die ersten beiden
documenta 12 Magazine umkreisten die Themen „Moderne“ und „bloßes Leben“ in essayistischer, undogmatischer Lockerheit. Das dritte, mit direkter pädagogischer Zielsetzung verbundene Leitmotiv „Was tun?“ sollte nun doch klarere Konturen zeigen. Das Gegenteil ist der Fall. Von Anfang an fragt man sich, worum es in der letzten der in Zeitschriftenform kompilierten Auswahl aus 90 internationalen Kunstpublikationen überhaupt gehen soll.
Auch das mit einem prägnanten Buergel-Zitat beginnende Editorial hilft nicht weiter: „KünstlerInnen bilden sich selbst, indem sie Formen und Inhalte durcharbeiten; das Publikum bildet sich, indem es Dinge ästhetisch erfährt. Wie man der jeweils singulären Erscheinung dieser Dinge gerecht wird, ohne sie in Schubladen zu stecken, ist eine der großen Herausforderungen, denen sich eine Ausstellung wie die documenta zu stellen hat.“ Doch welche Lösungen folgen auf diesen Schlachtruf? Buergel zu Folge geht es ums ganz Große und Ganze: „In der Kunst und ihrer Vermittlung spiegelt sich der globale Prozess kultureller Übersetzung, der wiederum die Chance einer allumfassenden öffentlichen Debatte bildet.“
Ästhetische Bildung sei demnach die „einzig tragfähige Alternative zu Didaktik und Akademismus“ – aber wie sie aussehen soll, erfährt man leider nicht. Stattdessen dürfen wir uns durch eine höchst akademische Abhandlung zur US-amerikanischen Gegenkultur der späten 1960er Jahre quälen. In diesem längsten Beitrag des Magazins erstickt Felicity D. Scott, Juniorprofessorin für Architektur an der Columbia University, die erregenden Diskussionen und „Acid-Visionen“ rund um Buckminster Fullers geodätische Kuppeln in trockener Aufzählerei. Das ermuntert wenig, sich dann auch noch der Kultur des Siebdrucks in der Allende-Zeit in Chile zu widmen oder von der ägyptischen Autorin Arwa zu hören, die 1997 Selbstmord beging. Und hätten wir Salahs Auseinandersetzung mit revolutionärem Kitsch nicht wenigstens ansatzweise gern in Originalzitaten kennen gelernt?
Lesenswert ist allerdings David Riffs lebendiger Essay über „Selbsterziehung im postsowjetischen Raum“, der wie ein Flaneur der Frage nachgeht, wie sich die heutige russische Gesellschaft auf den Ruinen des sozialistischen Gemeinwesens organisiert. Und dann natürlich das Interview mit Jacques Rancière, fast hätten wir ihn vergessen, dabei steht er doch offenbar als Leitdenker ähnlich prägend hinter dem documenta-Leitmotiv „Was tun?“ wie Giorgio Agamben für das wirkungsmächtige Schlagwort vom „bloßen Leben“ verantwortlich ist. Rancières Beschreibung einer „Mainstream-Fiktion“, welche die polizeiliche Ordnung bestätige, und einer Kunst voller subversiver Potenziale, welche die landläufigen, offiziellen Grenzen zwischen dem Realen und der Fiktion immer wieder in Frage stellt, bietet deutlich spitzer geschärften Denkstoff als die flottierenden Aussagen des documenta-Leiters.
Das Thema des dritten Magazins scheint am Ende letztlich weniger „Erziehung“ zu sein als eine Auseinandersetzung mit radikalen gesellschaftlichen und künstlerischen Aufbrüchen der 1960er und 1970er Jahre, die aus heutiger Sicht als mehr oder weniger gescheiterte Utopien dastehen. Kurze Beiträge widmen sich einer Reihe damaliger Events und Performances, etwa den multimedialen „9 Evenings“, an denen 1966 in New York unter anderem John Cage, Yvonne Rainer und Robert Rauschenberg mitwirkten, oder den 1969 von slowenischen Dichtern, Künstlern und Laien in ganz Jugoslawien aufgeführten „Pupilija“-Szenen, die zu den zentralen Ereignissen der osteuropäischen Performance-Tradition gehören.
Mag die Auswahl der Beispiele auch beliebig wirken, findet sich doch interessantes ergänzendes Material zu den Wiederentdeckungen, die die documenta-Ausstellung aus dieser Zeit präsentiert. So gibt es beispielsweise eine Einführung in das Werk der Bildhauerin Charlotte Posenenske. Was aber hat ein Beitrag über die zweifellos wichtige Österreicherin Valie Export in diesem Zusammenhang zu suchen, die gar nicht an der documenta teilnimmt und zudem wirklich keiner Neuentdeckung bedarf, ja, derzeit auch noch prominent auf der Biennale in Venedig vertreten ist? Und wie ist diese Aufgabe einem russischen Autor zugefallen, dem nichts anderes einfällt, als Exports Hinterfragen körperlicher Authentizitätserfahrungen den passenden Theoremen von Deleuze und Lacan zuzuordnen?
Wenn man zuviel „Education“ auf einmal will, bleibt am Ende doch nur die „Lehre vom Zerfall“ übrig, die der geniale Aphoristiker E. M. Cioran postulierte. Aber wir sollen die Bildung ja auch gar nicht von außen empfangen, sondern uns „selbst“ bilden. Verantwortlich sind bei dieser documenta grundsätzlich die Rezipienten. Irgendwie erinnert das an den guten alten Marshall McLuhan, der in den „Acid-Visionen“ auch am Rande vorkommt. Auf Kritik an einem Vortrag entgegnete der Pionier postmoderner Medientheorie: „Ihnen gefallen meine Ideen nicht? Macht nichts, ich habe noch andere.“ Von so entwaffnender Herausrederei kann selbst Roger M. Buergel noch einiges lernen.