4. Juni 2007
Während das „documenta Magazine No. 1“ von den vielfältigen Bedeutungen des Begriffs der Moderne und den Formen des Modernismus handelte, versammelt das „documenta Magazine No. 2“ unter dem Titel „Life!“ Artikel, bei denen es um die ästhetische Verbundenheit von Subjekt und Welt geht. Es spannt das zweite Leitmotiv der
documenta 12 auf: „Was ist das bloße Leben?“. Die „documenta Magazines“ sind, wie die Ausstellung, ein kuratiertes Projekt. Die Redakteure haben die abgedruckten Beiträge aus einer Fülle von Artikeln ausgewählt, Chefredakteur
Georg Schöllhammer bezeichnete das bei der Präsentation des Magazins in der Berliner Buchhandlung
b-books als eine „gerahmte“ Auswahl. Anders als bei den Publikationen der
documenta 11 bleiben akademische Beiträge weitgehend außen vor. Nach der Eröffnung der Ausstellung werden alle Artikel, auch die nicht in die Publikationen aufgenommenen, in einem Web-Magazin zusammengeführt, aus dem sich jeder selbst seine eigene Edition herstellen kann.
Die wenigsten der Beiträge von Künstlerinnen und Künstlern, die man in dem Magazin findet, stammen von Teilnehmerinnen oder Teilnehmern der documenta-Ausstellung. Im Vergleich zur dokumentarischen Funktion eines Katalogs bietet das „documenta Magazine“ ein autonomes Format, das nicht die Ausstellung repräsentiert, sondern – so die Redakteurin Cordula Daus – „einen offenen Raum zwischen der Ausstellung und ihren Leitmotiven“ darstellt. Man findet diese Autonomie auch im Verhältnis von Text und Bild. Die Abbildungen illustrieren nicht die Beiträge, sondern laufen parallel und frei neben ihnen her. Deswegen erscheinen auch neue Kategorien wie zum Beispiel „Videoessays“ – so nannte Georg Schöllhammer eine Serie von Videostills der New Yorker Künstlerin Zoe Leonard.
Zwei theoretische Texte bilden die Eckpfeiler des „documenta Magazine No. 2“. Einer davon ist der des Frankfurter Kulturwissenschaftlers Klaus Ronneberger über Giorgio Agambens Begriff des „bloßen Lebens“, den er zu Walter Benjamins Text Kritik der Gewalt von 1921 zurückverfolgt. Einen kritischen Punkt in Agambens Theorie sieht Ronneberger darin, dass sie die Geschichte der sozialen Kämpfe, auf die Benjamin sich bezog und die Michel Foucault nachzuzeichnen suchte, enthistorisiere und keine Perspektive der kritischen Auflehnung gegen die Machtverhältnisse eröffne.
Im zweiten der beiden Theorie-Beiträge stellt Leo Bersani, emeritierter Spezialist für psychoanalytische Literaturtheorie an der Universität Berkeley, dem Zurückgeworfensein des Subjekts auf das bloße Leben die real einflussreichen Möglichkeiten der Fantasie gegenüber. An Beispielen aus Film, Malerei und Literatur analysiert er formale Korrespondenzen zwischen Subjekt und Welt. Die Fantasie ist für Bersani nicht nur – wie in der von ihm kritisierten Auffassung der Psychoanalyse – eine individuelle Projektion auf die äußere Realität, sondern eine Art von Interface, durch das die Welt auch praktisch neu erfunden werden kann. Von den Künstlerbeiträgen kann man die Arbeit von Simryn Gill (Singapur) aus dieser Perspektive sehen. Er zeigt Menschen, die Gegenstände dazu einsetzen, um ihren Bezug zur Welt zu artikulieren. In diesem Fall verschwinden die Köpfe der Dargestellten hinter einem Arrangement von tropischen Früchten. So verbergen sie ihre ethnische Zugehörigkeit, ihre Gesellschaftsschicht und ihre wirtschaftlichen Verhältnisse, um eine neue Beziehung zwischen Subjekt und Welt freizusetzen.
Die Homosexualitäts-Karte Welcome to Gayside der Kanadier Onya Hogan-Finlay und Logan MacDonald und des US-Amerikaners Ginger Brooks Takahashi lenkt die Fantasie auf humorvolle Weise in ein Territorium, wo man eine Küste findet, die „Clit“ heißt, oder eine „Oral Sea“. Klassischer sind die Fotografien von Jo Spence aus den 1980er Jahren, die auch in der documenta-Ausstellung vertreten sein werden. In fiktiven Selbstporträts untersucht Spence unterschiedliche Möglichkeiten ihres Verhältnisses zur Welt. Ihre Kritik an der dokumentarischen Fotografie steht in direktem Bezug zur Fantasie des Subjekts, das in diesem Fall nicht ein vom Fotografen kontrolliertes Objekt ist, sondern seine eigenen Vorstellungen auswählt. So erfolgt die visuelle Zuschreibung der Identität nicht von außen wie in der Dokumentarfotografie, sondern durch die Künstlerin selbst.
Mit dem „bloßen Leben“ – einem von Walter Benjamin übernommenen Begriff, den dieser auf barocke Monarchen bezogen hatte – präsentiert uns Giorgio Agamben seine Analyse von Leben und Gewalt unter moderner Regierung. Im Vergleich zum Präfix „zoe“, das nur das Fakt des Lebens bezeichnet, erklärt bios eine bestimmte Lebensweise, die ein Individuum oder eine Gruppe – wie die Regierung – einnimmt. Die Suspension rechtlicher Bestimmungen wurde bis in unsere gegenwärtige Situation – siehe Guantanamo – erweitert und Agamben nennt die dem Schutz des Gesetzes entzogene Lebensart „nacktes Leben“. Er stellt damit ein neues biopolitisches Paradigma der Moderne vor: das „Lager“ als Ort, in dem die Norm von der Ausnahme nicht mehr zu unterscheiden ist.
Weitere Artikel des „documenta Magazines“ knüpfen an diese Diskussion an: Nidhi Eoseewong (Thailand) untersucht den Unterschied zwischen einem Befehl der Regierung und einem Befehl, der von Banditen erteilt wird: ein Unterschied, der bisweilen nicht besteht. Nancy Adajania (Mumbai) macht die Struktur des „bloßen Lebens“ auch in Talkshows und Internetforen aus, in dem man schutzlos den Regeln des Spektakels ausgesetzt ist. Die populären Medien werden zu einer Art Staatsmacht und gestalten das Szenario eines Kolosseums. Wie Agamben festgestellt hat, gibt es hier auch modernen Widerstand: Die Fotografien des Rumänen Mircea Cantorkönnen als Metapher der Selbstermächtigung und des Widerstands des Subjekts verstanden werden, das seinen eigenen Weg gestaltet, ebenso wie die Bilder, die Ion Grigorescu von den späten 1970er Jahren bis 1989 aufgenommen hat, wobei er sich unter höchstem Risiko über ein strenges Fotografieverbot hinwegsetzte.
Der Begriff des Lebens, besonders wenn er als „bloßes Leben“ radikalisiert wird, ist untrennbar an den Tod gebunden. So markiert „Life!“ mit seinem Ausrufezeichen eine Notsituation. Aber haben alle in der Publikation vertretenen Positionen die gleiche Möglichkeit, ihre Subjektivität zu ermächtigen und zu erweitern? Ist es ein Zufall, dass die beiden theoretischen „Leittexte“ von einem seit langem in den USA lehrenden Argentinier (Leo Bersani) und von einem deutschen Publizisten (Klaus Ronneberger) stammen? Gibt es immer noch eine theoretische „Regierung“ von den traditionellen Zentren aus über den Rest der Welt? Wird den Künstlern und Intellektuellen aus den „prekären“ Regionen wirklich mehr zugestanden als die Dokumentation ihrer Opferrolle? „Die Regierung“ hieß eines der wichtigsten bisherigen Ausstellungsprojekte von
Roger M. Buergel und
Ruth Noack. Die kritische Frage „Wer regiert?“ wird auch innerhalb der documenta 12 weiter zu verfolgen sein.