2. März 2007
Das erste
documenta magazine ist erschienen. „Modernity?“ heißt es und steht im Zusammenhang mit einer der drei früh verkündeten Leitfragen der documenta: „Ist die Moderne unsere Antike?“. Redaktionell verantwortlich für die drei Magazine, die bis zur Eröffnung der documenta erscheinen sollen, ist der Chefredakteur der österreichischen Kunstzeitschrift „springerin“,
Georg Schöllhammer. In einem schon seit anderthalb Jahren stattfindenden Kooperationsprozess mit 90 internationalen Kunstmedien von Algier und Auckland bis Zagreb und Zürich sind in den verschiedenen Zeitschriften und Online-Medien zahlreiche Beiträge erschienen, aus denen die Magazine nun eine fokussierte Auswahl in deutscher und englischer Sprache liefern.
Den Auftakt bildet der eigene Beitrag Der Ursprung des documenta-Leiters Roger M. Buergel. Dabei handelt es sich um ein ebenso engagiertes wie informationsreiches Bekenntnis zur ersten documenta 1955, die nicht nur der im Dritten Reich in Deutschland abgerissenen Diskussion um die Moderne Kunst einen neuen Boden bereitete, sondern an der Buergel auch hinsichtlich der Ausstellungsinszenierung bis heute Vorbildliches beobachtet. Neu ist der Text allerdings nicht, denn er erschien schon im Katalog der Ausstellung, die 2005 in Kassel zum 50-jährigen Bestehen der documenta stattfand.
Der zentrale Beitrag zur Frage „Ist die Moderne unsere Antike?“ stammt von dem in London lebenden Künstler Mark Lewis, der zu den Herausgebern der Zeitschrift „Afterall“ gehört. Sein gleichnamiger Text liefert auch das historische Zitat, das diese Frage vor 150 Jahren wohl erstmals aufwarf. Charles Baudelaire verkündete in seinem berühmtem Essay über Constantin Guys, den „Maler des modernen Lebens“:„Damit jede Modernität einmal Antike zu werden verdient, muss die geheimnisvolle Schönheit, die das menschliche Leben ihr unwillkürlich verleiht, herausgefiltert worden sein.“ Aber was ist Modernität? Sind es „Bilder des modernen Lebens“, wie sie Baudelaire wollte, oder „moderne Bilder des Lebens“? Der Unterschied wäre für Lewis der zwischen „Modernität“ und „Modernismus“, zwischen der Abbildung modernen Lebens und seiner produktionsästhetischen Reflexion in der Struktur der Kunstwerke selbst, also im weitesten Sinne der „Abstraktion“.
Man müsse „absolut modern sein“ verkündete der 19-jährige Arthur Rimbaud bereits 1873 und ganz in diesem Sinne schrieb der Wiener Architekt und Designer Adolf Loos 1908 seine polemische Programmschrift Ornament und Verbrechen, ein zentrales Dokument der modernistischen „Antike“, dessen Bewegungsrhetorik heute geradezu steinzeitlich fossil anmutet: „Das Tempo der kulturellen Entwicklung leidet unter den Nachzüglern. Ich lebe vielleicht im Jahre 1908, mein Nachbar aber lebt um 1900 und der dort im Jahre 1880. [...] Der Kalser Bauer lebt im zwölften Jahrhundert.“ Zentraler Gradmesser für Modernität war die Überwindung des Ornaments, und deshalb hielt Loos alle Kulturen, welche die Ornamentik und – noch schlimmer – die Tätowierung praktizieren, für rückständig, was seinen Thesen heute einen fast rassistischen Beigeschmack verleiht.
Aber waltet nicht immer noch Loos’scher Geist im Kunstbetrieb und in der Kunstgeschichtsschreibung, der nicht-europäische Positionen als modernistisch nicht auf der Höhe und kunstgewerblich marginalisiert? Wer sich in der modernen Kunst halbwegs auskennt, verbindet die CoBrA-Gruppe mit Namen wie Karel Appel, Asger Jorn und Constant. Aber wer weiß, dass auch der Maler und Bildhauer Ernest Mancoba, geboren 1904 in Südafrika, zu den Gründungsmitgliedern der Gruppe gehört? Nach wie vor ist Mancoba nur Insidern bekannt oder jetzt auch den Lesern des ersten documenta-Magazins. So war Mancoba zwar in Okwui Enwezors Ausstellung „The Short Century“ über die afrikanische Kunst des 20. Jahrhunders vertreten, nicht aber 2003 in der großen CoBrA-Retrospektive im Stedelijk Museum Schiedam. Dass Mancoba bereits um 1940 Bilder malte, die rückblickend als Wegbereiter des Abstrakten Expressionismus und des Informel der 1950er Jahre gelten könnten, wird kaum jemand bestreiten, der die Werke gesehen hat. Das Problem ist nur, dass es keinen nachweisbaren Einfluss Mancobas auf diese Kunstrichtungen gibt. Die „eurozentrischen“ Kunsthistoriker gab sich keine Mühe, Mancoba einen Platz in ihrer Fortschrittsgeschichte der Moderne einzuräumen.
Die Frage, wie der Beitrag Afrikas zur Kunst der Moderne endlich angemessen gewürdigt werden könnte, ist einer der Diskussionspunkte, die im ersten documenta-Magazin aufgeworfen werden.
Rasheed Araeen – Autor des Beitrags und Gründer der Zeitschrift „Third Text“, 1935 in Karachi geboren und seit 1964 in London – schuf in den 60er Jahren interessante, auf seriellen Gitterstrukturen basierende Skulpturen, die aber nicht so bekannt wurden wie die Werke des von ihm bewunderten
Anthony Caro oder die repetetiven Objektreihungen von Minimal-Künstlern wie
Donald Judd oder
Carl Andre. Ein Beitrag zum künstlerischen Werk Araeens ist eines von sieben kurzen Inserts zwischen den längeren Textbeiträgen des documenta-Magazins. Sie sind Künstlern und vor allem Künstlerinnen gewidmet, geboren zwischen 1903 und 1939, deren Beitrag zur Kunst des 20. Jahrhunderts bisher nicht weitreichend gewürdigt wurde.
Die Österreicherin Ruth Vollmer, die in Zürich geborene, in Brasilien lebende Mira Schendel oder die Inderin Nashreen Mohamedi, Redza Piyadasa aus Malaysia, die Slowakin Mária Bartuszová und Lee Lozano aus New York gingen in unterschiedlicher Weise vom „formalistischen“ Repertoire des Modernismus aus, versuchten aber, es in neue Richtungen weiterzudenken. Um wirklich zu verstehen, was die Werke dieser Künstlerinnen und Künstler von bekannteren, ähnlich „aussehenden“ unterscheidet, bedarf es aber ausführlicherer Informationen als der kurzen, eher lexikalischen Texte und wenigen, kontrastarmen Abbildungen. Von Lozano erfahren wir nicht viel mehr, als dass sie Konzeptkunst mit sexuell provokanten Inhalten verband, sich um 1970 aus der Kunstöffentlichkeit zurückzog und seitdem bis zu ihrem Tod 1999 angeblich nicht mehr mit Frauen sprach. Aber soll man das glauben?
Dass „Modernität“ auch erfunden werden kann, zeigt der unterhaltsamste Beitrag des Magazins, dessen Inhalt wie der Plot eines postmodernen Romans anmutet, aber aus der Feder des in Princeton lehrenden Literaturwissenschaftlers Rubén Gallo stammt und erstmals in der Zeitschrift „Cabinet“ erschien. In den 1920er Jahren hatte der französische Einwanderer und Inhaber des größten mexikanischen Tabakunternehmens El Buon Tono, Ernest Pugibet, ein Faible für technische Erfindungen, was auch seine Werbekampagnen zu absurden Blüten trieb. Pugibet besaß nicht nur ein kleines Luftschiff und einen Heißluftballon, sondern war auch ein glühender Anhänger des neuen Mediums Radio. So gründete er einen eigenen Radiosender, nannte eine Zigarettenmarke „Radio“ und ließ seine Messemitarbeiterinnen mit Antennenhüten herumlaufen.
Und dann veröffentlichte er eine Anzeige, auf welcher der norwegische Polarforscher Roald Amundsen, am Nordpol sitzend, eine „Radio“-Zigarette raucht. Amundsens weltweit Furore machende Nordpol-Expedition war auch in Mexiko in aller Munde, sein Reisetagebuch wurde in einer großen Tageszeitung veröffentlicht und der wagemutige Forscher galt als Inbegriff modernen, zukunftsweisenden Weltgeistes. Nun zeigte ihn die El-Buon-Tono-Anzeige am Nordpol unter seinem Zeppelin sitzend, eine Zigarette rauchend und die Leser auffordernd: „Rauchen Sie Radio!“. Das wurde schnell für bare Münze genommen und es entstand das Gerücht, Amundsen habe tatsächlich am Nordpol den Radiosender empfangen und Pugibets Werbebotschaft gehört.
Ist ein Zigarettenfabrikant vielleicht neben die großen Maler der mexikanischen Moderne, neben Frida Kahlo und Diego Rivera zu stellen – als Hauptvertreter dadaistischer und futuristischer Collagetechnik und Inszenierungskunst? Wurde ein Enthusiast der „Modernität“ unbeabsichtigt zum künstlerischen „Modernisten“? So weit, diese Frage zu stellen, geht das documenta-Magazin nicht. Als Anstoß für Diskussionen – und dazu ist es ja dezidiert deklariert – hätte es insgesamt ruhig provokanter und zugespitzter daherkommen können. Als Leser braucht man einige Zeit, bis die Fäden, die zwischen Mexiko und Afrika, Südostasien, Chile, dem Libanon, Polen und Schweden gespannt werden, sich zu zusammenhängenden Fragestellungen fügen.
Vielleicht hätte es gut getan, der exemplarischen Diskussion einzelner künstlerischer Positionen mehr Raum zu geben und damit auch mehr visuelle Denkanstöße zu geben? Langweilig ist die Lektüre nicht, auch wenn das Heft langweilig aussieht. Die Gestaltung durch Martha Stutteregger, von der auch das documenta-Logo stammt, folgt der puritanischen Linie, die auch das Stammblatt des Chefredakteurs, die „springerin“, prägt: Viel Text, viel Schwarzweiß. Adolf Loos hätte das wohl gefallen.
Das „documenta magazine no 1, 2007: Modernity?“ erscheint im Taschen-Verlag Köln und ist im freien Buchhandel für 12,- Euro erhältlich.