29. März 2007
Lässig lagert
Roger M. Buergel auf dem Rasen an der documenta-Halle, als unsere Autoren zum Interviewtermin eintreffen. Der Eindruck, er ruhe sich aus, täuschte. Auch die intensive Vorbereitung der Ausstellung findet „in Schönheit“ statt, einem für Buergel in allen Lebenslagen zentralen Thema. Zu weiteren Fragen äußerte er sich im artnet-Interview.
artnet: Herr Buergel, welches spezifische „Wissen“ vermittelt uns die Kunst?
Roger M. Buergel: Ich würde es wahrscheinlich gar nicht Wissen nennen, im Sinne positivierbarer Informationen, von Zeitungs- oder Enzyklopädiewissen. Die Kunst lehrt eher so etwas wie die Disziplin, Beziehungen herzustellen und jenseits der Kategorien zu denken, in denen wir konditioniert sind. Damit das nicht ganz in der Luft hängt, führt die Kunst hier und da auch so etwas wie Daten, historische Fakten ein, die man bisher nicht so wichtig fand, wie diesen UNCTAD-Modernismus in Chile (siehe den Beitrag im ersten documenta 12 magazine, S. 78 ff., Anm. d. Red.), und man lernt auch andere Dinge, die eigentlich westlicher Natur sind, genauer kennen, beispielsweise in der Arbeit von Dierk Schmidt, die die Kongo-Konferenz in Berlin thematisiert und dabei zugleich Bismarcks Rolle. Im Prinzip geht es aber bei jedem Kunstwerk letztlich um die Frage des Verhältnisses von Material und Bedeutung. Das ist einerseits ganz einfach, es gibt aber andererseits auch keinen Rahmen, der dieses Verhältnis in einer eindeutigen Weise bestimmt.
artnet: Kann uns die Kunst etwas über die Welt erzählen? Was ist unter dem Begriff des „Erzählbildes“ zu verstehen, den sie bei der Ausstellung „Dinge, die wir nicht verstehen“ 2000 in Wien eingeführt haben?
Roger M. Buergel: Es ist ein Unterschied, ob ich über eine Ausstellung oder ob ich über einzelne Arbeiten rede. Es gibt natürlich künstlerische Arbeiten, die extrem narrativ und andere, die antinarrativ sind. Kunstwerke haben so etwas wie einen Entstehungszusammenhang, den man in einer Ausstellung nicht adäquat repräsentieren kann, denn das führt meines Erachtens zu kuratorischen Fehlleistungen. Man muss einen neuen, einen synthetischen Kontext stiften und der kann nur darin bestehen, dass man die Arbeiten in Verhältnisse setzt und dass das Publikum gleichsam in ein Gespräch eintritt, das zwischen den künstlerischen Arbeiten bereits stattfindet. Das haben wir mit „Erzählbild“ gemeint.
artnet: Wie sehen Sie die künstlerische Tätigkeit unter neoliberalen Bedingungen? Hat sich die gesellschaftliche Rolle von Künstlerinnen und Künstlern verändert?
Roger M. Buergel: Ich glaube, dass sich das Rollenbild nicht so richtig wandelt, dass Künstlerinnen und Künstler eigentlich immer so etwas wie virtuose Opportunisten gewesen sind und dass es nicht so ein großer Unterschied ist, ob das unter absolutistischen Bedingungen passiert oder unter neoliberalen. Die Frage ist nur, ob damit ein Mehrwert verbunden ist, der in anderen gesellschaftlichen Teilbereichen nicht ins Spiel kommt. Und das kann man immer nur im Einzelfall entscheiden und es hat auch sehr viel mit Glück und Zufällen zu tun.
artnet: Ist es sinnvoll, Künstler als Werktätige zu sehen wie andere Menschen auch, oder Kunst als eine Form von Sozialarbeit? Sie sind stark an sozialen Prozessen interessiert, bis hin zu Regierungsformen, andererseits scheint Ihnen aber auch der künstlerische Individualismus wichtig zu sein.
Roger M. Buergel: Ja, und das hat wiederum mit dem Opportunismus zu tun. Wenn man Künstler als Arbeiter und Werktätige sieht, wirken manche wie Beamte, andere wie Unternehmer. Da gibt es alle Facetten, und die Künstler selber spielen ja damit auch. Zur künstlerischen Tätigkeit gehört auch ein Moment des Singulären und des Nicht-Identifizierbaren, was ich mit dem besagten Mehrwert assoziieren würde. Ich glaube nicht, dass Individuen sehr gut darin sind, alleine mit Systemen zu spielen. Deshalb kann man auch beobachten, dass Künstlerinnen und Künstler immer wieder mit ihren Kontexten arbeiten, seien es Institutionen, seien es informelle Netzwerke oder Zeitschriften. Der scheinbar einfache Gegensatz zwischen Künstlerindividuum und Gesellschaft erweist sich als eher kompliziertes Verhältnis.
artnet: Sie betonen, dass Sie eine „menschenfreundliche“ documenta machen wollen, aber ist das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nicht auch manchmal unfreundlich? Sind Haltungen und Strategien, die Ihrem Plädoyer für die „Schönheit“ sehr entgegenstehen, Boshaftigkeit und Zynismus, Dinge, die unter die Gürtellinie gehen, für Sie auch interessant?
Roger M. Buergel: Wenn die künstlerische Form stimmt, habe ich damit keine Probleme. Ich habe mit meinen Statements in Deutschland generell das Problem, dass Ironie nicht verstanden wird. Es werden Äußerungen von mir zitiert, bei denen evident ist, dass sie ironisch gemeint sind, aber es kommt dann bierernst rüber. Ich bin da wohl ein bisschen durch Wien verdorben.
Ein Moment der Negation, ja der absoluten Negation ist wichtig, auch gibt es ein Moment der Perversion, dass man akzeptieren muss, wenn man erwachsen ist. Nein, ich habe da keine Berührungsängste.
artnet: Und wie sieht es aus im Umgang mit Sponsoren? Ist Ironie für Sie da auch ein Weg, Widersprüche abzufedern?
Roger M. Buergel: Ja sicher, ich kehre es ja auch nach außen. Man muss in der Lage sein, nicht nur mit Widersprüchen zu leben, sondern sie auch auszutragen. Meine Präsenz im Rahmen einer Sponsorendarstellung ist kein Raum, wo ich mein moralisches Hochplateau verteidige, auch wenn die Ausstellung selbst auf Integrität basiert.
artnet: Und wenn Sponsoren sich in die Inhalte einmischen würden?
Roger M. Buergel: Dann wäre natürlich Schluss.
artnet: Sie fahren im Vorfeld der documenta eine ziemlich restriktive Kommunikationspolitik. Besteht nicht die Gefahr, dass es zum Gegenteil des Intendierten führt, wenn sich die Leute nicht über Inhalte unterhalten, sondern nach geheimgehaltenen Künstlernamen wie nach Ostereiern suchen?
Roger M. Buergel: Ich glaube nicht, dass ich der Öffentlichkeit irgendetwas schulde. Deshalb würde ich auch nicht von einem Geheimnis reden. Die Ausstellung beginnt am 16. Juni und das ist es. Viele Leute verstehen nicht, dass eine Ausstellung ein sehr komplexer Kompositionsprozess ist, der sich natürlich verändert, wenn mehr Augen darauf schauen. Für mich ist es auch persönlich eine sehr wichtige Erfahrung, mit Künstlerinnen und Künstlern zusammenzuarbeiten. Manche sind im Umgang mit der Presse gut, da habe ich dann auch keine Angst, andere mögen das einfach nicht, wenn sie angerufen werden. Je mehr Augen darauf gucken, desto schwerfälliger wird die interne Freiheit, die dieser Kompositionsprozess hat. Es ist wichtig, dass man sagen kann, das etwas in die falsche Richtung geht und wir ganz anders weitermachen wollen. Wenn da viele Schaulustige herumstehen würden, könnte ich nicht mehr mit dieser Nonchalance operieren, von der ich glaube, dass sie am Ende auch eine Qualität der Ausstellung sein wird.
Aber als Kompromissangebot legen wir ja die Magazine vor und wer sich wirklich inhaltlich auseinandersetzen will, der hat da eine gute Basis.
artnet: Es entsteht der Eindruck, dass Sie ähnlich wie Catherine David bei ihrer documenta X 1997 nicht unbedingt an Themen der Sub- und Populärkultur interessiert sind. Täuscht dieser Eindruck?
Roger M. Buergel: Es gibt ja sehr viele Künstlerinnen und Künstler, die sich mit Populärkultur auseinandersetzen, etwa nach dem Politisierungspotential von Pop fragen, worüber es in Deutschland und Frankreich ja sehr starke Debatten gibt, an denen auch Träger der Popkultur, Bands usw., hängen. Das interessiert mich schon sehr.
artnet: Neben der documenta X ist ja vor allem die erste documenta 1955 für Sie eine wichtige Referenz und Sie haben sich intensiv mit den Anliegen befasst, die damals vermittelt werden sollten. Was wäre eine übergreifende „Botschaft“, die sie den Besucherinnen und Besuchern 2007 vermitteln möchten?
Roger M. Buergel: Dass Europa unendlich provinziell ist, dass das westliche Publikum unendlich ungebildet ist. Überall wo man hinkommt, in Asien, in Lateinamerika, wissen die Menschen viel mehr über Europa und seine Geschichte als wir über ihre Traditionen. Ich würde das Publikum gern mit seiner kompletten Ignoranz konfrontieren, mit dem völlig falschen Bewusstsein, noch in irgendeiner Weise Zentrum zu sein. Das könnte eventuell auch ein Mittel sein, aus dieser unendlichen Mittelstandslethargie gegenüber dem Globalisierungsprozess herauszufinden. Die Leute haben ja auch eine vage Angst, dass ihnen irgendetwas weggenommen wird, sind aber zu schlapp, ihr eigenes kulturelles Potential ins Feld zu führen und sich wirklich an einer Debatte zu beteiligen. Als documenta können wir jetzt noch auf Leute in Indien oder China zugehen. In fünf oder zehn Jahren interessiert sich kein Schwein mehr dafür.