6. Juli 2007
Eines der dümmsten Worte aus den klischeeblöden Debatten der Fernsehtalkshows ist die Hohnvokabel „Gutmenschentum“. Sie beeilt sich, den Moralismus der anderen als Weltfremdheit zu denunzieren, ohne sich noch aus den Höhen der Abgeklärtheit in die Niederungen der Argumente und Fakten hinab zu bemühen. Seit die künstlich animierten Debatten um Political Correctness aus den marktschreierischen Feuilletons verschwunden sind, hat der Begriff zum Glück sein Verfallsdatum erreicht. Es ist deshalb umso erstaunlicher, dass ausgerechnet die gescheiterte
documenta 12 als Anlass seiner Wiederbelebung herhalten muss.
In einem seltsamen Loblied auf die ästhetische Weltmacht Deutschland, die heute „die Früchte eines umsichtigen, geradezu missionarisch geführten Einsatzes für die aktuelle Kunst“ abernte, lobt Beat Wyss in der Süddeutschen Zeitung vom 3. Juli die in Kassel anverwandelte „deutsche Methode“ der Kunstpräsentation (Panofsky!) als das Ende der „praktizierenden Kunsttheorie“. So habe nämlich Roger Martin Buergel als übersinnliches Medium des Hegelschen Weltgeistes die neue Reife der Gegenwartskunst sichtbar gemacht. Das pubertierende Kind „Bildende Kunst“ sei nun flügge geworden und brauche die Kritik, die Theorie und sogar die Kuratoren nicht mehr. Es walte nunmehr das Großmarktprinzip, das endlich belohne, was teuer ist und zu seiner Präsentation wie in Kassel nur noch der „vergleichenden Bildbotanik“ bedürfe. Die Kunst schulde die neu gewonnene Freiheit den Mächten des Marktes. Diese vollendeten, so Wyss, einen beharrlichen Kampf, den einst schon die Aufklärer führten.
Dabei handelt es sich allerdings nicht um den Streit zwischen den Alten und den Modernen, zwischen akademischer Gemütlichkeit und fürchterlicher Avantgarde. Es kämpft nicht der Bürger gegen den Kaiser, DADA gegen das Jagdstillleben oder der den Intellekt kitzelnde Witz gegen das vorhersehbare Starsystem der Popindustrie. Wyss zufolge emanzipiert sich vielmehr just dieser Tage die Kunst von den Fesseln der störenden Reflektion. Konzeptkunst und Kontext, das war nämlich bloß Autorenfilm. Kassel aber zeige nun an, dass neuerdings Hollywood herrsche. Das beschert uns nicht länger nur Tom Cruise als Stauffenberg und Spielberg als Holocaustdeuter, sondern auch die Handelsmesse als bessere Weltausstellung. 300 Galerien mit 2000 Künstlern waren in Basel zu sehen. Und alles dort war „erste Sahne“, wie Wyss umsichtig bezeugt. Da muss man sich kaum noch fragen, wie diese 1a-Künstler zur verdienten Messeware geworden sind, wer sie produziert hat und an welchen Orten jenseits der Messepforten ihre Karriereanfänge stattgefunden haben.
Oder sollte man sich als Anwalt des Marktes wenigstens Gedanken darum machen, wer eigentlich dem Markt die langfristige Rendite, die Wertbeständigkeit der Markenstrategien und die Innovation der Produktentwicklung garantiert? Die neuen Apologeten einer entfesselten Marktwirtschaft, für die Wyss nur ein besonders kurioses Beispiel ist, verkennen mit einer verblüffenden Naivität, dass mancher Händler sich längst die gute alte Zeit zurückwünscht, in denen behäbige Sammler lebenslang an den Objekten ihrer Leidenschaft festhielten, Museen durch geduldiges Vergleichen und Sichten den Wert der gehandelten Werke stabilisierten und Künstler Zeit für die Entwicklung ihrer renditeträchtigen Schlagrahm-Schöpfungen hatten.
Es mag für den einen oder anderen Blockbusterfan beklagenswert langweilig sein, sich einen schauerlichen europäischen Autorenfilm anzusehen. Aber prägen die „Die Harder“-Artefakte Damien Hirsts die Weiterentwicklung des bildkünstlerischen Idioms? Wäre man Mitglied eines Galeristenverbandes – würde man sich nicht in schlaflosen Nächten fragen, ob aus dem Lob der „souveränen Macht der Verschwendung“ langfristige Kundenbeziehungen zu leidenschaftlichen Sammlern entstehen? Wenn Kunst nämlich zum Lamborghini wird, wie Wyss freudigen Herzens unterstellt, muss man mit der Autoindustrie auch die Verkürzung der Produktzyklen fürchten. Man müsste vielleicht einen Kfz-Sachverständigen fragen, ob das die Langlebigkeit der ausgelieferten Fahrzeuge erhöht.
Anders nämlich als die verspäteten Marktliberalen meinen, entreißen gegenwärtig nicht die Händler den Theoretikern die Macht. Vielmehr haben sich die Institutionen so weit den kaufmännischen Prinzipien des Entertainment-Gewerbes angedient, dass umgekehrt den Händlern nichts anderes übrig bleibt, als sich die Wertschöpfungsstrategien der Museen zu Eigen machen. So produzieren Galerien mit der größten Gelassenheit und unter Berücksichtigung der obligaten künstlerischen und redaktionellen Autonomie foliantenschwere Kataloge und Bücher. So setzen Galeristen an den öffentlichen Sammlungen vorbei langfristig marktbeherrschende Künstler durch. Und so werden wohl bald auch die Broker und Banker des Kunstbetriebs einen Preis für den scharfzüngigsten Kunstjournalisten ausloben. Der überhitzt volatile Markt nämlich bedarf dringend einer Wiederherstellung kritischer Evaluierungswerkzeuge – eine Leistung, die weder von den tourismusverflachten Ausstellungshäusern noch von marktberauschten Akademieprofessoren zu erwarten sein wird.
Die documenta 12 beweist also etwas ganz anderes. Sie zeigt ein erschütterndes und öffentlich zu beweinendes Krankheitsbild. Das kuratorische ebenso wie das kritische Handwerk siechen still und leise auf der Intensivstation. Der Kunst produzierenden Zunft fehlt ebenso wie ihren Händlern eine kritische Instanz, die unbeirrt vom Markt- und Marketingrummel die richtigen Fragen stellt. Zu beklagen ist der Verlust der Gewaltenteilung. Diese Harmonie der totalen Fraglosigkeit lässt sich nicht dadurch heilen, dass man Kunstmessen zu Ausstellungen umdeklariert und ihnen Aufgaben zuweist, die sie nie erfüllen wollten. Die Kunst wird nicht besser und schöner, wenn man den Handelswert zum Maßstab ihres Gelingens macht.
Seit langem schon lässt sich beobachten, dass die Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Kunstmarktes in die Kleininstitutionen, die Projekträume und Kunstvereine, die Nahwuchsgalerien und Künstlerresidenzen ausgelagert wird. Dieses Outsourcing macht einen kuratorischen Kontrollverlust wie die aus dem Bauch heraus kuratierte documenta 12 erst möglich. Die Frage ist also, wie der poptrunkene Markt seine kleinen, feinen Diskursmanufakturen am Leben erhalten will. Interessant ist, wie sich in Zeiten musealer Sprachlosigkeit Händler und Kritiker den Dialog über Methodologie und Qualitätsmaßstäbe teilen wollen. Gänzlich uninteressant ist es dagegen, den Markt als Bestätigung der eigenen Intellektualitätsmüdigkeit misszuverstehen. Kunst wird auch künftig Arbeit machen und Überlegung kosten. Nicht nur bei der Buchführung des Messegeschäfts. Wirklich und durchaus auch bei der Betrachtung.