documenta 12

Jetzt geht’s los!

Ludwig Seyfarth
15. Juni 2007
Buergel hört auf, war letzte Woche zu lesen. Er werde nach der documenta keine Ausstellungen mehr machen, sondern sich der angewandten Kunst und den Werken vergangener Zeiten widmen. Er scheint so einigen der auf der documenta 12 vertretenen Künstlerinnen und Künstlern folgen zu wollen, die nach einer kurzen, konzentrierten Phase der künstlerischen Produktion sich ganz anderen Dingen zuwandten. Etwa die Bildhauerin Charlotte Posenenske, die 1968 ihre künstlerische Arbeit aufgab, weil sie diese als politisch nutzlos empfand: „Es fällt mir schwer, mich damit abzufinden, dass Kunst nichts zur Lösung drängender gesellschaftlicher Probleme beitragen kann.“ Oder wird Buergel eher der Rückzugsstrategie Lee Lozanos folgen, die von 1971 bis zu ihrem Tod 1999 der Kunstwelt völlig den Rücken kehrte? Angesichts der eindringlichen Werke beider Künstlerinnen möchte man sich wünschen, dass sie ihren Rückzug doch noch hätten revidieren wollen – ein Urteil, das Buergels trickreichem Entschluss, zur rechten Zeit Geschichte zu werden, noch nicht völlig sicher ist.

Das artnet documenta-Dossier hingegen wird sich erst zurückziehen, wenn die Ausstellung am 20. September dieses Jahres ihre Pforten schließt. Nach einer ausführlichen Vorberichterstattung mit detaillierter Vorschau auf die Namen und Ideen, die aus den inneren Zirkeln der Ausstellungsleitung drangen, gilt es nun, in die Ausstellung selbst einzusteigen, ihre Themen, ihren Aufbau, die einzelnen Kunstwerke näher zu durchleuchten. Wir haben namhafte Autorinnen und Autoren um ihre Berichte zur documenta gebeten, die im Laufe der nächsten Wochen erscheinen werden. Vom journalistischen Faktum bis zum theoretischen Expertenvotum werden wir zeigen, was aus dem kuratorischen Projekt „Weltkunstausstellung“ unter Alltagsbedingungen wird.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Frage, ob sich die zahlreichen theoretischen Verlautbarungen und besonders die Vorgaben der drei Leitmotive in der Ausstellung bewähren. Wird es eine epochale Schau, in welcher der Spagat gelingt, sowohl ästhetische Formfragen zu lösen als auch die heute virulenten politischen und sozialen Probleme angemessen zu thematisieren? Und wie sieht die im Vorfeld so gepriesene Vermittlungsarbeit in der Praxis aus? Wie lässt sich das anvisierte unhierarchische Vorgehen bei den Führungen verwirklichen? Wir beobachten auch die Kasseler Bürger, die seit vielen Monaten als Mitglieder des documenta-12-Beirats tätig sind, um die Ausstellung mit den unmittelbaren Lebensumständen der Bevölkerung zu vernetzen. Wie sieht das „bloße Leben“, das zweite Leitmotiv der documenta 12, auf dem Boden des Kasseler Arbeitsmarktes aus? In einer Stadt, die eine der höchsten Erwerbslosigkeitsquoten Deutschlands hat?

Wird der Weg der vergangenen beiden documenta-Programme fortgesetzt, als 1997 ansatzweise Catherine David und 2002 entschlossener Okwui Enwezor den Anspruch einzulösen versuchten, eine verengte eurozentrische Sicht auf die „Weltkunst“ aufzubrechen? Was zeichnet die documenta 12 im Umfeld der zeitgleichen Konkurrenz aus? Wie lässt sich das Konzept eines mitteleuropäischen Kuratorenpaares etwa vom Vorgehen des amerikanischen Biennale-Kurators Robert Storr unterscheiden? Venedig zeigt in diesem Jahr viele Kunstwerke, die sich mit den Kriegs- und politischen Krisengebieten der Welt auseinandersetzen, hinterlässt aber dennoch den unterschwelligen Eindruck, die afrikanische oder asiatische Kunst sei eine Summe von Derivaten der europäisch–nordamerikanischen Moderne. Kann die documenta dieser „Falle“ entgehen?

Roger M. Buergel hat hohe Erwartungen geweckt. Seine fein dosierte Informationspolitik war bereits sein erster Erfolg: Wir sind gespannt auf ein kuratorisches Vorhaben, das die documenta entschlossen vom Kopf auf die Füße stellen will. Umso intensiver werden unsere Autorinnen und Autoren die praktischen Auswirkungen nun unter die Lupe nehmen.

Mehr im Dossier  documenta 12

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