8. Digital Life Design Konferenz, München

Mit Yoko auf der Datenautobahn

Evelyn Pschak
31. Januar 2012

DLD – 8. Digital Life Design Konferenz, München. Vom 22. bis 24. Januar 2012

DLD. Wem dieses Kürzel nicht geläufig ist, der hat sich vermutlich schon länger nicht mit Digitalisierung im Alltag, den Errungenschaften der New Media von Micro-Blogging bis Consumer Cloud oder den „Nutzungsmustern mobiler Endgeräte“ befasst. DLD steht für Digital Life Design, einer Medienmarke von Hubert Burda Media. Die dreitägige Konferenz dazu fand zum mittlerweile achten Mal in München statt, um anschließend auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos auszuklingen. Es kam, was digitalen Rang und Namen hat. Unternehmer traten auf. Politiker. Wissenschaftler. Netzkünstler. Insgesamt 150 Redner brachten in jeweils knappen 20 Minuten ihre komplexen Themen im „grenzübergreifenden Wissenstransfer“, so die offizielle Ankündigung, ans Publikum.

Ob Atari-Gründer Nolan Bushnell, der Mann hinter Twitter Jack Dorsey, Lady-Gaga-Manager Troy Carter, Medien-Protagonistin Arianna Huffington sowie Dimitar D. Sasselov, der Astrophysiker, Planetenentdecker und Harvard-Professor – Hochkarätiges gab sich ein Stelldichein. Mit Sasselov sprach Hans Ulrich Obrist über „Super-Earths“ und außerirdische Intelligenz, um im Anschluss Medienkunstikone Yoko Ono nach ihren Gedanken zum Universum zu befragen.

Ono trippelt im schwarzen, schmalen Anzug und tiefer Hutkrempe zum Sinatra-Klassiker Fly me to the Moon ein. Ein schöner Übergang, begleitete der Jazzstandard doch schon 1969 das Team von Apollo 10 auf deren Flug in die Mondumlaufbahn. In diesem Sommer wird die Japanerin bei Obrist in der Serpentine Gallery ausstellen. Bis dahin sollten die beiden noch ein bisschen an ihrer Kommunikation feilen, denn was immer der Kurator die Künstlerin auch fragte, Ono rief ihre Themen lieber selbst auf, und gab der Veranstaltung so unfreiwilligen wie charmanten Witz. Der Kurator startet das Interview mit der Billboard-Kampagne „War is over. If you want it“, die Yoko Ono und John Lennon 1969 in großen Städten lancierten. Dazu von Obrist befragt, betrauert Ono zunächst, dass „wir immer schüchterner werden“ und „immer kommunikationsunfähiger“. Das wiederum läge daran, dass viele Menschen per Kaiserschnitt geboren würden und ihre Hirne den „big squeeze“ vermissten. So bliebe auf immer „das Verlangen, diesen Spannungsmoment zu spüren, den wir schon zu Lebensanfang erwarteten, der uns aber verwehrt blieb“. Onos Schlussfolgerung: „Deswegen streben wir ins Universum“. „Faszinierend“ findet Obrist das. Und möchte aber doch noch mal auf die Plakatkampagne zurückkommen. Yoko Ono aber nicht. Denn ein „Herzensanliegen“ muss noch raus: „Viele sagen: Wir werden verschwinden und dann wird es nur noch Küchenschaben auf dieser Erde geben. Aber ich denke: Diese Küchenschaben, das sind wir. Wir sind die Küchenschaben! Es gibt also keinen Grund zur Sorge.“

Anschließend spielen sich Ono und Obrist im possierlichen Gegenüber Missverständnisse und Anekdötchen zu, an denen der kurz zuvor referierende Pong-Videospiel-Erfinder Nolan Bushnell seine wahre Freude gehabt hätte. Dann sind die 20 Minuten auch schon um. Die rasante Abfolge unterschiedlichster Sprecher und Thematiken der Konferenz erlaubt keine tiefgründige Einsicht in komplexe Zusammenhänge. Informationshunger und Netzwerkdenken treiben die DLD-Nomaden zwischen den zwei Konferenzräumen hin und her. Es heißt abzuwägen, ob lieber dem Wikipedia-Gründer Jimmy Wales gelauscht werden soll oder doch der zeitgleich auftretenden Zukunfts- und Trendforscherin Lidewij Edelkoort. Einige Besucher zappen: Entweder leibhaftig im Auf und Ab über die Treppe. Oder sie verfolgen die jeweils andere Diskussion über die DLD-Twittereinträge. „All you need is ... Data“ lautete das Motto der diesjährigen Konferenz. Es ist wohl das Credo der meisten Anwesenden.

Das von Hans Ulrich Obrist sicherlich. Kaum ein Kurator ist in den Medien so präsent, kaum einer beherrscht Informationsstreuung und Vernetzung so gut wie der gebürtige Thurgauer. Grund genug für Gründungs-Kodirektorin Steffi Czerny, ihn als „Teil der DLD-Familie“ und „Gärtner unseres Öko-Systems“ anzukündigen. Die Konferenz schulde dem Ausstellungsmacher viele große Namen aus der Kunst, erinnert sich Czerny: Ai Weiwei und Hans Magnus Enzensberger brachte er schon mit.

Einen Schootingstar der zeitgenössischen Szene präsentiert Obrist in anderem Zusammenhang. Der Vortrag „Lights on Africa“ vereint im Nachhaltigkeits-Panel zur sogenannten „Ecopreneurship“ Olafur Eliasson als Solarlicht-Vertreiber und Nick Heller, der auf afrikanische Bedürfnisse zugeschnittene Google-Suchfunktionen vorstellt. Eliasson präsentiert auf der Konferenz erstmals seine Geschäftsidee für Afrika: Kleine, tragbare Solarlampen, die im leuchtenden Gelb gebastelten Papiersonnen ähneln, sollen Licht in Hütten ohne Elektrizitätszugang bringen und künftig teures und schädliches Kerosin ersetzen. Ob es hier um das Produkt an sich geht oder um den Auftritt Eliassons, ist nicht so ganz gewiss. Auch ob der Kunst derlei Tatkraft bekommt, steht nicht auf der Agenda. Der Künstler erhält bei DLD großes Publikum und schnellen Eintritt in den Kontext. Das hehre Zwiegespann von „social and sustainable“ muss als Argument für die kunstferne Umtriebigkeit Eliassons genügen.

Dennoch nutzt DLD Interdisziplinarität und klingende Namen aber nicht – oder zumindest nicht nur – im elitär-glamourösen Selbstverständnis, sondern auch als Rechercheinstrument zur sinnigen bis sinnenfrohen Finger- und Hirnübung. Der amerikanische Multimediakünstler Paul D. Miller aka DJ Spooky beispielsweise bringt seine vom Polarkreis inspirierte Video-Sound-Komposition Antarctica zum Besten, das „akustische Porträt eines sich rasch wandelnden Kontinents”, begleitet von einer Geigerin und einem Kontrabassisten. Die sehr jungen Künstler der Generation „Post-Internet“ Jon Nash, Ed Fornieles, Rafaël Rozendaal, das Duo Daniel Keller und Nik Kosmas sowie Cory Arcangel und Oliver Laric sind im Panel „Ways beyond the Internet“ vertreten. Ihre Arbeiten finden sich auch in einer kleinen Ausstellung im HVB-Zwischengeschoss, die wieder einmal Obrist gemeinsam mit Johannes Fricke Waldthausen kuratiert hat.

Später wird Oliver Laric, Mitgründer des Kunstblogs und digitalen Ausstellungsraums vvork.com, eine 1-minütige Animation aus gezeichneten Web-Grußkartenfiguren im Loop (2000 Cliparts, 2010) vorführen, die aneinandergereiht eine Bewegung ergeben. In der schnellen Abfolge der Figuren wird so aus einem Fechter ein Radfahrer, ein Hochzeitspaar, ein Kanufahrer oder eine Mutter mit Kind. Der Netzkünstler verfolgt die Datenproliferation seiner Werke im Netz. Vor allem, wenn er entdeckt, dass eine Werbefirma sein Mutationsprinzip aufgreift und kopiert: „Sie haben sich entschuldigt, aber ich ließ dann meine Anwälte antworten und diese Firma wird die nächsten Jahre meine Miete bezahlen“ berichtet der Österreicher mit einiger Süffisanz.

Selbstbewusstsein ist bei digitalen Karrieren nun einmal nicht minder wichtig als im realen Leben. Die DLD ist dafür eine mehr als geeignete Plattform. München zeigte sich an diesem Wochenende ungewohnt spritzig, weltoffen und inspirierend. Und als Meisterin der großen Geste. Kleckern soll man ruhig woanders.


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