DI/VISIONS im Haus der Kulturen der Welt

Festmahl fremder Erfahrung

Gerrit Gohlke
17. Dezember 2007
DI/VISIONS. Kultur und Politik im Nahen Osten. Stimmen, Gespräche, Projektionen im Haus der Kulturen der Welt, Berlin. 8. Dezember bis 13. Januar 2008.

Das konnte man doch nicht ahnen. Dass gerade dies es sei, was man, ohne es zu wissen, seit langem ersehnte. Eine große, geschützte, platonische Höhle der nahöstlichen Intellektualität; ein aus manchmal meterhohen Videoprojektionen zusammengesetztes virtuelles Symposion aus der Ferne herbeizitierter sachlicher Stimmen. Ein ganzes Gebäude voller unvermutet von den Wänden herableuchtender Physiognomien als Spiegel biografischer Erfahrungen; ein mit Hochleistungsbeamern gegen den Beton gestrahlter Gesichtergarten, in dem sich nun aus allen Winkeln der baulichen Masse Individuen an Utopien erinnern und von den Mauern herab die Geschichte einer verschütteten Moderne erzählen, die nicht nur von den Medien ignoriert und vom politischen Krisenbewusstsein ausgeblendet wird, sondern dem Bildungsdurchschnitt der westlichen Öffentlichkeit nie je zu Gesicht gekommen ist. Eine Fata Morgana ungehörter Erfahrung ist diese Ausstellung und damit ein Gegenbild zu einem großen Teil der politischen Gegenwartskunst. Sie verschafft Gehör, wo sonst der Kunstbetrieb Kommentare versendet. Man kommt und gewinnt den Eindruck, diese Aussagen und Beschreibungen seien dem Publikum bisher fahrlässig vorenthalten worden. Das ist nicht nur eine Korrektur am Libanon-, Syrien- oder Ägypten-Klischee der Medienwelt. Es ist, von einer prominenten Kuratorin ersonnen, vor allem eine radikale Kritik dessen, was sonst in Kunstausstellungen als wirksames Politikbild verstanden wird. Ein Manifest gegen voreilige Schlussfolgerungen. Das hat der Kunstbetrieb schon lange gebraucht.

Dabei ist das Prinzip dieses Langzeitprojekts so einfach wie es vordergründig schnell zu beschreiben ist. Die Kuratorin Catherine David hat mit den Produktionskonventionen des Kunstbetriebs gebrochen. Sie hat dabei nicht mit der wohlfeilen Koketterie ihres diesjährigen Nachfolgers im Amt der documenta-Leitung die Flucht aus der Kunst praktiziert, sondern ausgehend von den Erfahrungen vergangener Großausstellungen mit der Frage experimentiert, was eigentlich noch ernsthaft ausstellbar sei. Dieses Projekt der Überprüfung und Erprobung ließ sich schon kurz nach der documenta X 2001 unter dem Titel „Der Stand der Dinge“ in einer weithin unterschätzten Ausstellung in den Berliner Kunstwerken beobachten und hat sich dann und wann im Rotterdamer Witte de With-Zentrum fortgesetzt, dessen Direktorin David von 2002 bis 2004 war. Es setzt sich nun aber um so radikaler in der für den West-Berliner Aufbau hochsymbolischen Fünfzigerjahrearchitektur der ehemaligen Kongresshalle in Rufweite des monumentalen Berliner Bundeskanzleramts fort.

Keineswegs übrigens handeln die Aussagen der Kuratorin, aller Begleithefte und öffentlichen Verlautbarungen von solcher Ausstellungspolitik. David, die in der Schau vor allem die Rolle der unsichtbaren Interviewpartnerin spielt, spricht später in einem Gespräch mit Silvia Fehrmann von den Paradoxien und Verwirrungen einer nahöstlichen Kultur, die sich jeden Freiraum mühsam erkämpfen muss und dennoch ungeahnte, manchmal erschütternd kurze Blütezeiten durchlaufen hat. Sie schildert die Verteidigung der intellektuellen Reflexion in einem Umfeld, das jeden autonomen Gedanken unwahrscheinlich macht. Am Ende fordert sie gar eine eingehendere Analyse der nahöstlichen „Governance“, das heißt der Offenheit und Effizienz der politischen Systeme, von deren Schauplätzen sie die in Berlin projizierten Gespräche importiert hat.

Wer aber durch die leer gebliebenen Hallen des Hauses der Kulturen der Welt geht, um in einer Nische hier, oder am Ende einer weitläufigen Langstreckendistanz dort Kahim Jihad Hassans poetologisch-philosophischen Reflexionen oder Etel Adnans Erklärungen über die Bedingungen des Schreibens zuzuhören, erhält nicht nur Einblicke in die politische Fragilität selbstbestimmter Ideen und Gegengedanken. Er läuft auch durch die provisorischen Hallen einer Gegenausstellung, einer Überblicksmesse der verschiedensten Techniken geistiger Abstandnahme, vor deren Hintergrund sich grundlegend neu und noch einmal die Frage stellt, wie viel Kenntnis die sonsthin politisch agierende Ausstellungskunst sich zu eigen zu machen im Stande ist, wie viel Wissen die Voraussetzung für Bilder ist, wie naiv der stetig erneuerte Mitteilungsdurst der kommentarsüchtigen Politkunstprojekte ist, die in manchem Berliner Kunstverein und mancher Kasseler Riesenschau nach diesem Projekt mit einem Moratorium belegt werden müsste.

Der Passant steigt im Haus der Kulturen die Treppe hinan, schaut durch die hohen Scheiben zur Traufkante der überkragenden Betondecke hinauf unter die ein Monolog Saadi Youssefs projiziert wird, großes Kino einer Lakonie, die nicht Pose, sondern Lebensmittel ist. Youssef erzählt, wie seine Bücher im autoritär geordneten Irak verboten waren und nun im chaosgepeinigten Irak erlaubt worden sind, aber dem Desinteresse der Umstände geopfert werden. Es liegt eine seltsame Heiterkeit in seiner Schilderung, die weder komisch, noch zynisch ist. Er schildert die Grenzbedingungen einer nicht gegebenen, sondern erst herauszuarbeitenden Kultur, so wie Hala Al Abdalla mit souveräner Genauigkeit einen kinematografischen Aufbruch in Syrien schildert, an den sich am Ende langer Verfolgung fast niemand mehr erinnern kann.

Catherine Davids Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt kehrt das Wissen gegen die Naivität hervor. So also muss man von den Utopien, der verschütteten Moderne, den Wort- und Bildschätzen der abgedrängten Gegenwart des Nahen Ostens reden. So muss eine Ausstellung aussehen, in der die kommentierenden Künste bescheidenerweise Urlaub genommen haben. Jemand fragt. Das sachlich und effektfrei von der Wand schimmernde Gesicht sagt, was der Fall ist. Das Publikum flaniert zwischen den hinreißend wirkungsbewusst platzierten Gesichtern, hört vor einem Bild schon die entfernt herüberdringenden Geräusche des nächsten Gesprächs und entdeckt, verführt zum sprunghaften Hören, eine unbekannte Welt. Es scheint wirklich sehr lange her, dass der politischen Gegenwartskunst dergleichen mit solcher Wucht gelungen wäre.

Das Ausstellungsprogramm besteht neben den geschilderten Dauerinstallationen auch aus einem umfangreichen Gesprächs- und Filmprogramm, das sich unter www.hkw.de einsehen lässt.


Gefangen im Gefühl von Astrid Mania
Das Haus der Kulturen der Welt, Berlin, will das Potenzial der Wut erkunden. Doch die Schau zeigt Werke, deren Themen wütend machen.


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