Diktatur der Fotografie

Fotografie ist allgegenwärtig. Ihre Omnipräsenz lässt Kunstwissenschaftler vom Iconic Turn sprechen und Urlauber in Erinnerungen schwelgen. Ist es tatsächlich so, dass Fotografie das erfolgreichste Mittel ist, um uns unserer Realität zu versichern? – Wenn ja, dann stellen sich einige Fragen. Denn im Kern ist Fotografie eine sechshundert Jahre alte Bildtechnik. Jede Kamera ist im Grunde Maschine gewordene Zentralperspektive und reproduziert damit Raum- und Zeitkonzepte der Frührenaissance. Dass die menschliche Wahrnehmung ganz anders funktioniert weiß man spätestens seit dem Manierismus. Dennoch bleibt die zentralperspektivische Formatierung unseres Blicks durch die Fotografie erstaunlich präsent. Welche Gründe es gibt, warum vormoderne Bildkonzepte nach wie vor wirkungsmächtig sind und welche künstlerischen Verwertungs-, oder Gegenstrategien es gibt, zeigt das von Eric Aichinger betreute Dossier.

Die erste Digitalkamera war groß wie ein Toaster und langsam wie eine Plattenkamera. Heute bestimmt die Verfügbarkeit von Fotografien zu jeder Zeit an jedem Ort grundlegend unser Verständnis von Bildern. Alles ist abbildbar. Alles lässt sich manipulieren. Damian Zimmermann zeichnet eine Entwicklung nach, die mit einem Chip begann und heute sogar die Weltpolitik beeinflusst.

Auf welche Weise sich in der Zentralperspektive ein westlicher Wahrheitsbegriff manifestiert, der als Bildprogramm noch heute so mächtig ist wie schon vor Jahrhunderten, hat das artnet-Dossier zur Fotografie anschaulich gemacht. Thomas W. Eller sieht nun den Zeitpunkt gekommen, die gegenwärtige Kunstproduktion zur bildtheoretischen Revolution aufzurufen.

Längst leidet die Ideologie des Bildjournalismus an Altersschwäche. Noch immer glaubt sie an den alles entscheidenden Moment, in dem Kriege und Katastrophen zum aussagekräftigen Bild zusammenzufassen wären. In Wahrheit ist die größte Beschränkung eines realistischen bildjournalistischen Blicks der Fotoapparat selber. Gerrit Gohlke beschreibt ihn als permanente Bildstörung unserer Sicht auf das Weltgeschehen.

Hans Belting ist ein doppelter Coup gelungen: Seine westöstliche Geschichte des Blicks historisiert nicht nur das europäische Konzept von Blick und Bild. Sie sucht auch dessen Ursprung im fernen Orient. So öffnet sich eine unbekannte Welt. Michael Mayer erzählt von einer Spezialgeschichte des Sehens mitten auf der Grenze zwischen Abendland und Morgenland.

Sieht die Fotografie zu wenig oder zu viel? Die einen unterstellen ihr, sie sehe mehr als der menschliche Blick. Die anderen werfen ihr vor, sie friere das Leben in ungenügenden Bildern ein. Als Antwort auf dieses Dilemma ist das Zentrorama entstanden. Gunnar Schmidt beschreibt die Fotografie als vieläugigen Satelliten des beobachteten Objekts.

Fotografie ist Freiheitsberaubung. Sie nimmt ihrem Publikum die Entscheidungsmöglichkeit. Fotografien suggerieren, das Abgebildete sei eine Tatsache und das Foto ein Fenster zur Wirklichkeit. Seit einiger Zeit aber sind Gegenmittel gegen diese Blickverengung bekannt. Multiperspektivität heißt das Antidot gegen den perspektivischen Zwang. Eric Aichinger schildert in einer Fallstudie fotografische Kunst für mündige Betrachter.

In einer Studie über die Epoche des perspektivischen Apparats rekonstruiert Jean-Louis Déotte die Erfindung der Zentralperspektive als den entscheidenden Gründungsakt der Neuzeit. Michael Mayer schildert, wie es einem brillanter Autor gelingt, an einem Spezialproblem die Entstehung des Individuums in der Frührenaissance nachzuzeichnen.

Wissenschaftsbilder sind eines der größten Missverständnisse überhaupt. Sie sind Modelle und werden für Fotografien gehalten. Sie sind als fachlichen Illustrationen artfiziell konstruiert. Ihrer Herkunft wegen hält man sie aber für die wahrsten Bilder überhaupt.  Kris Belden-Adams erklärt, warum die Erdporträts der NASA Kommentare über unser postmodernes Zeitempfinden sind.

Mitte der 1980er Jahre besiegt die digitale die analoge Fotografie. Ab jetzt ist alles möglich. Nicht nur der gemeine Knipser ist Nutznießer der neuen Technik, auch Künstler entdecken die unendlichen Möglichkeiten des digitalen Fotos. Eric Aichinger schildert, wie weit sich die Kunst auf dem Weg der digitalen Manipulation bis jetzt wagte.

In den späten 60er Jahren begann das Jahrzehnt der Wahrheit für die Fotografie. Die konzeptuelle Kunst stellte plötzlich alles in Frage, woran die Kunstfotografen einmal geglaubt hatten. Das Bild galt nichts mehr. Schlechte Bilder waren gut. Das Foto wurde zum Diener der Idee. Eric Aichinger schildert, wie die Kunstfotografie erwachsen wurde.

Im langen ruhigen Fluss der Fotografiegeschichte gibt es eine Phase des Aufruhrs, der offenen Rebellion. Die Separatisten um Rodtschenko, Moholy-Nagy und Roh entwerfen die Gegensprache zu den Traditionen der ehrwürdigen Malerei. Sie suchen neue Bilder für neue Zeiten. Eric Aichinger schildert, wie nah die Fotografie schon einmal dem „Neuen Sehen“ war.

Die Fotografie ist blutjung. Nicht viel mehr als eineinhalb Jahrhunderte sind seit der chemischen Entdeckung vergangen, mit der sich die Außenwelt auf Fotopapier bannen ließ. Das zugrundeliegende Prinzip der Zentralperspektive freilich ist älter. Eric Aichinger erklärt, wie ein Weltbild aus dem 15. Jahrhundert noch immer die Fotografie beherrscht.

Fotografie ist überall – auch dort, wo man sie nicht sieht. Denn wo Malerei auf Bildvorlagen zurückgreift oder der Bildjournalismus Konflikte und Krisen zusammenfasst, gelten unangefochten die uralten Gesetze der Geometrie. Der fotografische Apparat bringt die Zentralperspektive als allgegenwärtige Ideologie in Umlauf. Die Perspektive bestimmt die Bedeutung. In seinem Editorial schildert Thomas W. Eller, warum die Kunst gut daran täte, diese Konventionen der Fotografie nachdrücklicher in Zweifel zu ziehen.
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