Die Zeit, die Toten und die Kunst im Werk von Jean-François Lyotard

Lyotard Now!

Erik Porath
4. Dezember 2007
Wenn das artnet Magazin nach der Aktualität von Jean-François Lyotards Denken, gar nach einem kommenden Lyotard fragt, so verdankt sich das der Beobachtung, dass der philosophische Stichwortgeber der Postmoderne zugleich mit der heiß geführten Diskussion um Begriff und Sache aus dem Fokus der Öffentlichkeit verschwunden ist. Dem Gestus der Verabschiedung von Moderne und Aufklärung in den 1980er Jahren folgte eine Konjunktur der Erinnerung und der Geschichtspolitik in den 1990er Jahren, wobei die Debatten um beide Kulturtendenzen mit dem Tod ihrer Protagonisten verblasst sind: Die mit den Namen Roland Barthes (†1980), Jacques Lacan (†1981), Michel Foucault (†1984) verbundenen theoretischen Ansätze sind Teil der Geschichte geworden, deren Universalität sie selbst doch zu durchkreuzen suchten; Lyotard (†1998), Jacques Derrida (†2004) und Jean Baudrillard (†2007) haben unlängst eben jene Bühne verlassen, an deren Umbau die Dekonstruktion sich zu schaffen machte.

Als Orientierungshilfe tritt nun die Erinnerung auf den Plan: „Was haben uns die intellektuellen Leitfiguren heute noch zu sagen?“ Lyotard hat solche Formen der Gegenwärtigkeit und Vergegenwärtigung kritisch befragt, um die Fragwürdigkeit im Zentrum von Gegenwart selbst auszumachen. Wenn Peter Sloterdijk an Jacques Derrida und die Dekonstruktion erinnert, Derrida seinerseits an Lyotard und den Widerstreit, Lyotard wiederum an Immanuel Kant und das Erhabene, dann schreibt sich die Geschichte als eine wiederholte Anknüpfung der Gegenwart ans Vergangene fort. Sie wird wiederholten Umschriften unterzogen, wodurch sich ein „Jetzt“ des Erzählens gegen die Vergangenheit absetzt und erneuert, um sich selbst gleichzeitig zu überleben und hinter sich zu lassen. Was heißt es da überhaupt, sich an jemanden zu erinnern? Wie kann nach Lyotard gefragt werden, ohne nur eine weitere Konjunktur des Meinungsmarktes – das Vergessen von x, die Wiederentdeckung von y – zu provozieren? Ohne Lyotards Schriften als bloße Hinterlassenschaft eines abwesenden Autors zu nehmen, um etwas von ihnen zu verlangen, was sie nicht zu leisten vermögen, nämlich für ihre eigene Aktualität zu sorgen?

In seiner Erinnerung an Derrida ruft Sloterdijk dessen eigene Überlegungen zu Erinnern, Vergessen und Heimsuchen auf. Dabei erweist sich die Frage nach den Möglichkeiten des Nachlebens als Derridas eigene Angst, mit dem Tage seines Todes vergessen zu werden. Diese Angst koexistierte in aller Widersprüchlichkeit neben Derridas Gewissheit, dass wenigstens sein Werk vom kulturellen Gedächtnis bewahrt werden wird. Genau darin zeigt sich das Verhältnis der Lebenden und der Toten in seiner aporetischen Spannung. Derrida als Denker der Spektralität, der Geister und Wiedergänger wird so selbst zu einem unheimlichen Gast des gegenwärtigen Diskurses. Und das, obwohl er, im Gedenken an Lyotard, von den Unmöglichkeiten einer Annäherung spricht: Lyotard und wir heißt der Text, den Derrida dem Werk seines verstorbenen Freundes widmete. In Der Widerstreit hat Lyotard selbst eindringlich dieses „wir“ befragt, dessen allzu eindeutige Identifikation in Frage gestellt, ja zurückgewiesen. So aber muss die Frage, was Lyotard uns (noch) bedeutet oder welche Bedeutung Lyotard gegenwärtig zukommt, unweigerlich auf eine Selbstbefragung hinauslaufen.

So wie das Wörtchen „wir“ seine Fraglichkeiten mit sich führt, so auch der Zeitpunkt, in dem es geäußert wird: Die Gegenwart, dieser einzigartige Moment des Ereignisses, in dem die Reflexion über das „wir“ und „hier“ und „jetzt“ sich vollzieht, ist alles andere als homogen oder fix. Alexander Kluge hat 1985 den Angriff der Gegenwart auf die übrige Zeit als radikale Ausweitung der Gegenwart und als Machtergreifung über die Zeit schlechthin gedeutet. Aber nicht nur die Verplanung der Zukunft und die Konstruktion der Vergangenheit nach den Bedürfnissen einer erlebnishungrigen und versicherungsbedürftigen Präsenz setzen der Zeit zu. Auch die mögliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen – im Zeichen eines Karnevals der vergangenen Kulturepochen und einander überholenden Trends im Retrochic – gehört zu den am wenigsten hinterfragten Selbstverständlichkeiten des Gegenwartsbewusstseins.

Doch gerade in diesem Kontext gilt es, nach einer besonderen Art der Gegenwart zu fragen: der der Toten nämlich, an deren Abschaffung doch die Moderne so nachdrücklich gearbeitet hatte. Denn die Toten sind ja nichts anderes als eine Figuration der Ungleichzeitigen, die auf die eine oder andere Weise gegenwärtig sind. Die Spannung zwischen einer „neuen Sichtbarkeit des Todes“ (Thomas Macho/Kristin Marek) und seiner gleichzeitigen Unsichtbarkeit, zwischen seiner Überhöhung und seiner Verdrängung, zwischen Bewahren und Wegwerfen, zwischen kruder Materialität und symbolischer Sinnproduktion, zwischen der Absolutheit der Todesgrenze und ihrer kulturellen Verhandelbarkeit – diese Spannungsverhältnisse werden von vielen aktuellen Künstlern inszeniert.

So kann Olga Neuwirths auf der documenta 12 gezeigte Medieninstallation …miramondo multiplo… (2007) als ein Gedächtnistheater gelten, in dem das Verschwinden und Untergehen zur Bedrohung für das Aufzeichnen und Erinnern wird. Auf Bildschirmen kann man die Entstehung und Überarbeitung einer Komposition auf Notenpapier verfolgen. Wie von Geisterhand geführt, hinterlässt die Bleistiftspitze ihre Spuren: Die Notenschrift bleibt als sichtbares Zeichen der Urheberin, die sich allein durch den Schatten der Hand verrät. Währenddessen reflektieren Texte Walter Benjamins und Hannah Arendts die Möglichkeit des Fortlebens geistig-kultureller Hervorbringungen in einer von Innovation und Zerstörung geprägten Welt. Dabei werden die leise vorgelesenen Passagen immer wieder von Wellen des Klangs übertönt, die das Verstehen erschweren, ja verhindern. Das In-, Über- und Gegeneinander von sichtbarer Notenschrift, gesprochenem Text und gespielter Musik inszeniert nicht nur eine Medienkonkurrenz in Form einer performativen Präsenz, sondern reflektiert zudem die Vergänglichkeit der Medienarchive – und damit einer auf Dauer und Nachleben zielenden Kulturtechnik.

Nicht nur für Lyotard (Person, Werk, Wirkung), sondern erst recht für die Kunst stellt sich die Frage: Was bleibt, was wird bleiben? Was mit Lyotard zur Debatte steht, ist das Schicksal des Ereignisses, das in seinem Erscheinen bereits zu vergehen beginnt, und damit auch das Fort- und Nachleben der Kultur. Insofern Kultur und Künste in ihrem dynamischen Charakter, im Wandel ihres Entstehens und Vergehens in den Blick genommen werden, kann man von ihrer Lebendigkeit reden – einer hybriden Form von Leben, bei dem mit unvorhersehbaren Verknüpfungen ebenso zu rechnen ist wie mit Verrückungen der Grenze zwischen Leben und Tod.

Lyotard hat den Menschen immer als einen passageren Träger dessen angesehen, was er ohne Scheu mit dem hohen Namen des Geistes belegte. Als bloße Durchgangsstation auf dem Weg zu einer transhumanen Intelligenz war ihm der Mensch nur das Zurückbleibende einer vorüber ziehenden Kunst/Technik, die wie alle Kultur möglicherweise jenseits irdischer und leiblicher Grenzen eine Fortsetzung finden könnte. In seiner Leidenschaft für die Differenz und seiner Aufmerksamkeit für das Passagere verkörpert Lyotard einen nahezu altmodischen Zug: die Verteidigung des Unaussprechlichen, des Inkommensurablen. Darin liegt seine Unzeitgemäßheit, sein bleibende Aktualität.

Wollte man es also zur Aufgabe der Kunst erklären, als Darstellung vom Undarstellbaren Zeugnis abzulegen, dann ist zu bedenken, dass jeder Darstellung immer ein Akt, eine Technik, ein Material zugrunde liegt, das jedoch „hinter“ ihr verschwindet oder zu verschwinden droht. Zugleich aber ist mit Lyotard gerade die Unvorhersehbarkeit und Unberechenbarkeit der Effekte hervorzuheben, die durch ganz präzise Handlungen, durch strenge Übung, durch die Rechenkünste von Maschinen oder durch einen spröden Stoff erzielt werden. Das von Stephen Greenblatt in seinen Shakespeare-Studien so emphatisch formulierte „desire to speak with the dead“ vollzieht eben auch eine grundlegende Anerkennung der Kontingenz und Unbestimmbarkeit von Gegenwart, wie sie Lyotards Denken einfordert.


Mehr im Dossier  Art Happens

Trompetenklänge ins Grüne hinein von Sabine B. Vogel
Die documenta-Künstlerin Olga Neuwirth ist die bekannteste österreichische Komponistin der jüngeren Generation.


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