Die unsichtbare Arbeit des documenta-Beirats

Die Übersetzer

Thea Herold
3. August 2007
Am Anfang waren die Leitfragen. Woher kamen sie? Standen sie auf drei steinernen Tafeln? Trug Roger M. Buergel sie von der Wilhelmshöhe hinüber nach Kassel-Nord in das Kulturzentrum Schlachthof? Lag der documenta-Chef vielleicht in Kassel unter einer Beuysschen Eiche, als er sie träumte? Oder wurden sie ihm mit grüner Tischvorlage von den Kunstgöttern zugesandt?

Die Antwort steht aus. Schon vor anderthalb Jahren, als sich eine interessierte Runde aufrechter Kasseler Bürger zum ersten Mal mit dem Kasseler Neubürger und Kunstvisionär Buergel traf, blieb er die Antwort schuldig. Als man ihn – sehr höflich und um nichts falsch zu verstehen – um eine tiefer gehende Erklärung bat, um Erleuchtung in Sachen der großen Inhalte, die mit den Leitfragen gewälzt werden sollten, da wehrte der Maestro bescheiden ab. Nein. Nicht doch. Seine Leitfragen stünden für sich. Man könne jetzt selbst herausfinden, was sich dahinter tatsächlich verberge.

Den Eros seiner drei Fragezeichen hat Buergel seitdem ununterbrochen zelebriert. In den „documenta Magazines“ wurden sie rhetorisch versiert, aber immer blumiger in Szene gesetzt. Buergel selbst hat sich die möglichen Antworten auf seine Fragen in barocker Eloquenz auf zahllosen Podien längst zum Ornament zerredet. Auch gegenüber seiner unermüdlichen Runde von kunst- und kulturinteressierten lokalen Experten, die als der „Beirat“ in die documenta-Geschichte eingehen wird. Er war zwar ihr Erfinder, aber er hat dem Beirat doch erst am Ende des Magazins Vol. 3 ein kleines Denkmal gesetzt, weil er es dort gerade noch schaffte, die Liste ihrer Namen zu nennen.

Die Arbeit, die der Beirat Woche um Woche tatsächlich geleistet hat und immer noch leistet, wird sich ohnehin in keiner documenta-Vitrine präsentieren. Buergel hat ihnen neben seinen drei Leitfragen nur eins mitgegeben – den Anstoss. Wenn man ihn in Klardeutsch übersetzt und in kurzen Worten sagt, heißt er ganz einfach: „Liebe Kasseler - Macht mit!“ Das war die Aufgabe des Beirats: Mitarbeiten, Mitdenken, Mitreden und die für Sommer 2007 nach Kassel eingeflogene Weltkunst für die Bürger der Stadt in ihren Lokalkolorit übersetzen. Aus Leidenschaft und Einsicht. Eine  Mitfinanzierung aus dem Budget der documenta war von Anfang an nicht vorgesehen. Geistige Arbeit hat ephemeren Wert. In guter deutscher Tradition werden ehrenamtliche Dienste meist gern geleistet und mit herzlichem Händedruck honoriert. Oder, wenn sie bestimmte Umfänge übersteigen, mit einem Orden.

Beiratsmitglieder sind documenta-Mitarbeiter im Ehrenamt. Oder sie werden von anderen Strukturen finanziert. Noch nie hatte ein documenta-Leiter so offensiv um ihre resolute Zuarbeit gebeten. Noch nie gelang es einem Vorgänger in diesem Amt, seine „Einladung an die Stadt“ als so verlockendes, seriöses und fantastisches Angebot zu verkleiden. Dafür hat Buergel seine Ambitionen dem Beirat im Schlachthof immer wieder in ernsthaftester Art vorgetragen: „Kasseler, arbeitet Euch an meinen Leitfragen ab, füllt sie mit Aktivität, Herzblut und Ideen. Übersetzt meine Fragen in Eure Stadtgesellschaft. Das ist Eure Chance.“

Buergels Appell wurde ernst genommen, kam an und fand Echo. Im Schlachthof-Kulturzentrum arbeiten seit jeher gestandene Frauen mit Herzblut, Leidenschaft und guten Kontakten. Nicht nur Frau Wagner, die zur Beirats-Mutter, und Ayse Gülec, die zum Sprachrohr für „Roger“ wurden. Alle vierzig „documenta-Übersetzer“ haben Monat für Monat immer neu Zeit und Kraft investiert, um die luftigen Visionen des Übervaters ins praktische Leben herunter zu brechen. Wie bei allen guten Übersetzern bleibt die Essenz solcher Arbeit nahezu unsichtbar. Den Beirat zusammenhalten, die zahllosen Projekte managen, Elan und Frust kanalisieren, eine Idee durchstehen –  durchzuhalten hieß es selbst dann, als sich herausstellte, dass es dafür weder Budget noch verlässliche logistische Unterstützung geben würde.

Die Initiatoren hatten hatte die lokale Vernetzung nicht „geplant“. Ein Fehler? Nein, „weil der Beirat ja zum ersten mal existiert“, wie die documenta-Leitung einmal erklärte. Die Kasseler Eigen-Aquise für Drittmittel hatte mithin ermöglicht, dass zumindest einige Projekte wie beispielsweise die Stadtexkursionen dokumentiert werden oder einige Aktivitäten in Buchprojekten enden, die dann nachhaltig Mut machen können. Die vielen Begegnungs-Aktionen – wie jene mit den Erwerbslosen, die sich im „Salon des Refusés“ trafen – zeichnet ohnehin niemand auf. Die sind nur zu erleben.

So kam der Herr Pfarrer aus Kassel-Waldau zum Beirat, einer Gegend, wo ein Drittel der Bürgerinnen und Bürger deutschrussische Wurzeln hat. Er hat sonst nicht viel mit zeitgenössischer Kunst zu tun. Aber die immer wieder diskutierte Migrationsproblematik ist sein täglich Brot. Es fanden gemeinsamen Gesprächsrunden im Café „Samovar“ statt. Auch der Chef des Wohltätigkeitsvereins arbeitet im Beirat. Er ist unter anderem mitverantwortlich für die Idee zur „1+1“-Aktion. Wer mitmacht, kauft neben seiner Karte noch eine zweite, die an eine Person in prekärer finanzieller Lage vermittelt wird. Eine eigene Bildungs-AG – vom Beirat getragen, organisiert und durchgeführt - strukturierte das Programm im Bildungszelt. Hier suchen zweimal wöchentlich in redlicher Kleinarbeit Vortragende, Lesende und Diskussionsteilnehmer ihre ganz eigene Antwort auf eine der Buergelschen Leitfragen: „Was tun?“

Der Reiz von drei Fragezeichen und der Dunst der Vision, die documenta 12 in die Stadt an der Fulda zu holen und „lokal übersetzen zu lassen“, bestimmt die diesjährige documenta mehr als jede zuvor. Das hat schon gewirkt und funktioniert. Freilich hatten sich der „lokalen Einbindung“ in der Vergangenheit vor allem die Künstlerinnen und Künstler selbst mit ihren Kunstwerken angenommen. Man findet die örtlichen Spuren früherer Weltkunstparaden reichlich in der Stadt verteilt. Aber Buergel wollte keine Einzelarbeiten, er wollte auch hier mehr: Eine „soziale Plastik“ und eine Revolution in Sachen Kunst. Sein Traum ist, dass die documenta 12 mehr als die moderne Schule bilden soll.

Allerdings haben weder seine Predigten für die Umsetzung dieses Gedankens gesorgt noch hat er in Kassel eine konkrete, praktische Vorstellung davon vermittelt, wie dieses Projekt aus Schulung, Schönheit und Geschmack außerhalb der Ausstellungsräume Realität werden könnte. Es war der Beirat allein, der den hehren Ideen die Praxis erfinden musste und eine stadteigene soziale Aktion ins Leben rief, in der Bündnisse geschmiedet, Projekte erdacht, Ideen ausprobiert werden. Man wünscht Buergels verselbstständigten Räten, dass sie hoffentlich auch noch dann Wirkung haben oder die Wirkung dann erst wirklich ins Rollen kommt, wenn die documenta längst vorbei ist und „die Jahre dazwischen“ beginnen.

Im wirtschaftlichen Umfeld würde man das Ganze vielleicht eine „Produktentwicklung auf den Schultern des Kunden“ nennen. Und in Geschichte hatte ein W. I. Lenin mal eine solche Frage gestellt. „Was tun?“ stand als Überschrift über seinem Pamphlet, in dem er kleinbürgerliche Reformisten geißelte. Seine echte Revolution, die später folgte, ging an sich zwar schief. Aber der gedankliche Anstoß war, historisch gesehen, eigentlich doch gar nicht so schlecht.   


Mehr im Dossier  documenta 12

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