22. April 2009
Bisher war die Krise der
Temporären Kunsthalle Berlin ein Problem für Eingeweihte. Sammler ebenso wie Künstler zweifeln mehr und mehr am kuratorischen Programm des ehrgeizigen Berliner Vorzeigeprojekts. Dass die konzeptuelle Profillosigkeit des Ausstellungsortes aber zunehmend zu handfestem Streit hinter den Kulissen führte, blieb der breiten Öffentlichkeit verborgen. Nach der überraschenden Entlassung der Gesellschafterin und Mitgründerin des Projekts
Constanze Kleiner, aus ihrer Funktion als Geschäftsführerin der
Cube Kunsthalle Berlin GmbH wird nun aber auch für Publikum und Politik die Misere unübersehbar. Dabei gerät die Personalie aller Diplomatie zum Trotz zum handfesten Eklat. Denn Kleiner steht künftig einer neu gegründeten
Stiftung Temporäre Kunsthalle vor. Die eilig aus der Taufe gehobene Institution soll offenbar Kritiker der Kunsthalle aus Politik und Wirtschaft hinter sich scharen. Allem Anschein nach kommt es damit zur Spaltung zwischen der heutigen Führung der Kunsthalle und einem politisch vernetzten Kreis um die vertriebene Gründerin.
Schon am 3. April war Kleiner von ihrer Funktion entbunden worden. Vor etwa zwei Wochen erfuhr dann auch das schockierte Personal von Volker Hassemer, Vorstand des Kunsthallen-Mehrheitsgesellschafters Stiftung Zukunft Berlin, dass die umtriebige Managerin von allen Aufgaben freigestellt worden sei. Hassemer soll die Absetzung Kleiners – der im November 2008 der Künstler und Publizist Thomas W. Eller als künstlerischer Geschäftsführer zur Seite gestellt wurde – mit einem Konzept zur Abwendung einer Insolvenz begründet haben, wie es aus dem Umkreis Kleiners und der Kunsthalle heißt. Ein solches Konzept verlange personelle Konsequenzen. Auf der Betriebsversammlung soll Hassemer gesagt haben: „Wenn Frau Kleiner weg ist, wird alles besser.” Schon seit geraumer Zeit hatten Mitarbeiter der Kunsthalle von einem gestörten Vertrauensverhältnis des ehemaligen Berliner Kultursenators und der ambitionierten Managerin berichtet. Worin jedoch das neue betriebswirtschaftliche Konzept besteht, war von Seiten der Kunsthalle bisher nicht zu erfahren. Thomas W. Eller lehnte gegenüber dem artnet Magazin jeden Kommentar ab und berief sich auf arbeitsrechtliche Vereinbarungen.
Inzwischen ist die neue Stiftung Temporäre Kunsthalle darum bemüht, den Personalkonflikt in eine Programmdiskussion umzumünzen. Man wollte „Berliner und Unternehmer“ unter dem Dach der Stiftung versammeln, denen die Richtungslosigkeit der Kunsthalle ein Dorn im Auge gewesen sei, heißt es aus Kreisen der Stiftung auf Nachfrage des artnet Magazins. So sollen die von Thomas W. Eller eingebrachten neuen Ausstellungskonzepte den Renegaten zu unausgegoren und zu sehr an der Galerienszene orientiert sein. Kleiner und ihre Mitstreiter zielten demgegenüber auf eine Ausweitung des Konzeptes und auf einen Dialog mit Mittel- und Osteuropa. Die Kunsthalle brauche Projekte, die der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst mehr Raum gäben. Zudem habe man dann mit Unterstützung der Wirtschaft und Politik die Möglichkeit, Ausstellungen komplett fremdzufinanzieren, nicht nur durch Sponsoring, sondern auch mit EU-Mitteln. „Die Stiftung Temporäre Kunsthalle will weiterhin operativ für die Kunsthalle tätig sein, darüber hinaus die internationale Projektentwicklung betreiben und mit eigenen Slots für Ausstellungen den Fokus nach Osteuropa lenken“, verlautet aus dem Umfeld der neuen Stiftung, wo man hinter vorgehaltener Hand Hassemer scharf attackiert und den Richtungsstreit als politisches Schisma zwischen Ost und West und den Generationen schildert.
Beobachter aus der Kulturszene Berlins reiben sich verwundert die Augen. Immerhin hatte Kleiner gemeinsam mit Coco Kühn die ersten vier Ausstellungen der Kunsthalle mit verantwortet. Die Initiatorinnen hatten intensiv für ein Konzept geworben, das die Halle am Schlossplatz zur Präsentationsplattform für die Berliner Künstlerschaft machen sollte. Dabei hatte man sich für eine unheilvolle kuratorische Beiratskonstruktion entschieden, aus der heraus ausschließlich monumentale Einzelausstellungen entwickelt wurden, die zwar Präferenzen der einzelnen Kuratoren repräsentierten, jedoch kaum neue Impulse für Berlin vermitteln konnten. Die Halle wurde zum Show-Case für Stars des internationalen Kunstbetriebs. Es erscheint darum zunächst unerklärlich, dass die ehemalige Kunsthallen-Managerin Kleiner am neuen Arbeitsplatz „gesellschaftlich relevantere“ Konzepte entwickeln will. Genau daran, so kritisieren vor allem Berliner Künstler, hatte es bis zu Thomas W. Ellers Amtsantritt gefehlt. Dessen Lage freilich wird nun noch schwieriger. Er wird noch schneller beweisen müssen, das Ruder herumreißen zu können. Gleichzeitig wiegt die Hypothek des ersten Ausstellungsjahres schwer.
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