19. Juni 2009
Manchmal könnte man meinen, die Temporäre Kunsthalle Berlin sei kein Kunst-, sondern ein Anwaltsverein. Die neuesten Ideen aus dem einstigen kuratorischen Vorzeigeprojekt auf dem Berliner Schlossplatz sind nämlich eher juristisch originell. Nachdem schon auf der Kunstmesse in Basel die Gerüchteküche brodelte und hinter vorgehaltener Hand die Ablösung des künstlerischen Geschäftsführers
Thomas W. Eller als allerneueste Berliner Personalintrige gehandelt wurde, sah man sich zur Offensive genötigt. Die allerdings bestand nicht darin, den unversöhnlichen Gegensatz zu erklären, der den erst im November angeheuerten Eller von dem anfangs wohlwollenden Mäzen der Halle und ihren künstlerischen Beiräten entfernt hatte. Stattdessen kündigte die Pressereferentin Ellers Fortgang beiläufig in einer Presseeinladung an – und versah die höchst dürftigen Informationen bis Ende Juni mit einem Sperrvermerk. Was eigentlich die Einladung zu der seit Langem überfälligen Präsentation des künftigen Ausstellungsprogramms sein sollte, wurde nun dazu gebraucht, den Beteiligten eine Schonfrist zu gewähren. Die Presse sollte Ellers abrupten Rauswurf erst einmal verschweigen, während die nicht mehr versöhnlichen Parteien sich schmallippig darum bemühten, ein Bild von Einvernehmlichkeit herbeizuzaubern. Pressesprecherin Bärbel Hartje hatte noch vor dem Versand ihrer schweigsamen Erklärung dem artnet Magazin gegenüber von einer Entwicklung „im Laufe der Zeit“ gesprochen, die auf beiden Seiten zum Trennungswunsch geführt habe. Gleich darauf aber hieß es schon, die Nichtverlängerung des Vertrages sei gar nicht gegen Eller getroffen worden, sondern sei seit Langem „geplant“ gewesen. Fünfzig Minuten später erhielten alle Redaktionen den Sperrvermerk. Der letzte Hoffnungsträger war weg. Die Eingeweihten redeten sich längst die Köpfe heiß. Nur die Öffentlichkeit sollte davon nichts wissen.
Damit ist auch schon das Dilemma benannt, das die Temporäre Kunsthalle nun an den Abgrund des Scheiterns führt, von dem niemand so recht sagen kann, wie er sich überbrücken lässt. Während Dieter Rosenkranz, der großzügige Mäzen und Stifter des Projekts, mit Nachdruck mehr Besucher verlangt – aus Kreisen der Kunsthalle ist von einer Zielgröße von 1.000 Besuchern am Tag die Rede, das wären weit mehr als im Hamburger Bahnhof –, will der künstlerische Beirat zum ursprünglichen Konzept zurück. Die Temporäre Kunsthalle sollte demnach ein Schaufenster Berliner Künstler sein, nicht der In-vitro-Klon eines Epochenwandels im Ausstellungsgeschäft. In Rosenkranz‘ Stiftung Zukunft Berlin hingegen verlangen einzelne, einflussreiche Stimmen, die Halle zum Zentrum einer kulturpolitischen Standortdebatte zu machen. Fast allen Kontrahenten ist dabei gemein, dass sie mehr Publizität einfordern. „Man wird noch viel intensiver über neue Konzepte nachdenken und das dann auch öffentlich machen müssen“, erklärt als Beiratsmitglied der Direktor der Kunsthalle Wien, Gerald Matt. Etwas schärfer formuliert es noch Antonia Simon, die stellvertretende Vorsitzende der Freunde der Temporären Kunsthalle Berlin. Es sei „schade, dass es von Herrn Eller versäumt wurde, das weitere Programm und die programmatische Ausrichtung der Temporären Kunsthalle der Öffentlichkeit vorzustellen.“ Bis hin zur ebenfalls künstlerisch bespielten Außenfläche des Gebäudes müsse man die Debatte suchen und seine Pläne auf den Tisch legen. Eine „Bestandsaufnahme“ fordert Matt. Die Kunsthalle sei zwar ein Projekt mit wenig Zeit. Sie habe andererseits „aber auch genug Zeit, um eine Debatte auszulösen und zu führen.“
Warum aber musste dafür Eller gehen? Seltsamer noch: Warum wurde am Anfang einer solch fundamentalen Berliner Debatte die Stelle eines künstlerischen Leiters einfach gestrichen? Eingeweihte flüsterten sich schon seit einigen Tagen zu, der neue Geschäftsführer heiße Benjamin Anders und sei ein unbeschriebenes Blatt in der Kunstwelt. Gegenüber dem artnet Magazin bestätigte Anders, fast fünf Jahre lang Marketingleiter einer Baumarktkette, der auch Erfahrungen im Medienbereich gesammelt hat, seine Berufung in eine rein administrative Funktion. Sein Auftrag sei es, die „finanzielle Handlungsfähigkeit“ der Halle zu sichern. Seit einiger Zeit wollen die Gerüchte nicht mehr weichen, die gemeinnützige GmbH arbeite unter Druck daran, die Insolvenzgefahr abzuwenden. Inhaltlich bespielt werden soll das Haus hingegen nach Ellers Abgang von einem bunt gemischten Kollektiv, an dessen Spitze Bärbel Hartje den Stifter selbst und die künstlerische Beraterin Angela Rosenberg sieht.
Informationen aus dem Umfeld der Halle zufolge haben überhaupt recht viele Berater am Schlossplatz das Sagen. Wird deshalb mit Sperrvermerken gearbeitet, weil hier erst noch eine zu große Vielstimmigkeit konzertiert werden muss? „Programmatisch sind alle verbliebenen Beteiligten nicht so weit voneinander entfernt“, glaubt Antonia Simon vom Förderverein. Allein Thomas W. Eller, der nicht zu diesem Kreis der Verbliebenen zählt, hatte sich gegen den Plan von vier berlinlastigen Gruppenausstellungen als zweiter Hälfte des Programms gestellt. Er hatte große Pläne, wollte Ausstellungskonzepte mit allem Mut zum Scheitern auf die Probe stellen, Bildtheorie verhandeln, Wissenschaftsfragen stellen, wie es hieß. Er bemühte sich mit Hochdruck darum, in den Museen und Kunsthallen ausgeklammerte Fragen formulier- und kuratierbar zu machen. Es stand in den Sternen, wohin diese Waghalsigkeit hätte führen können. Ganz sicher nicht zu 1.000 Besuchern am Tag. Aber vielleicht zu einem Hinweis, wozu man künftig eine ständige Kunsthalle in Berlin gebrauchen könnte? „Die Kunsthalle ist ein großer Probeauftritt für das, was noch kommen kann“, sagt Gerald Matt. Deutet er damit diplomatisch an, dass die Temporäre Kunsthalle diese dringend nötige Debatte bisher nicht auszulösen vermochte? Dass Eller die Zeit und der Rückhalt fehlte, das fahrende Schiff neu auszurichten? Dass das Projekt bereits von der Berliner Krankheit befallen war wie ein Gemäuer vom Schwamm, weil alle in seinem Umfeld von Institutionen und Personen redeten, niemand aber eine Vision über den Standort hinaus entwickelte, was am Ende des Glamours und der kostspieligen Repräsentation eigentlich Kunst sein sollte? Wollte Eller, ein international renommierter Künstler, eine Debatte über etwas so Altmodisches wie Kunst? Und müssten die alten, neuen Verwalter des Scherbenhaufens nun endlich eine Probebühne aus dem viel zu glamourösen Schmuckkästchen am Schlossplatz machen? Beginnt jetzt die Revolution?
Anders, der sich selbst im heiteren Parlando als „knochentrocken“ beschreibt, wird einem Haus vorstehen, das eine Zeitreise macht. „Warum geht man nicht gemeinsam mit dem Beirat zurück zum Anfang und realisiert das ursprüngliche Konzept der Temporären Kunsthalle, mit dem Coco Kühn und die hinzugezogenen Kuratoren so gute Arbeit geleistet hatten?“, fragt beispielsweise Antonia Simon und spricht dabei durchaus im Sinne des künstlerischen Beirates, dem neben Gerald Matt die Kuratorin Katja Blomberg und die Kuratoren Dirk Luckow und Julian Heynen angehören. „Das ursprüngliche Konzept war für 2 Jahre geplant und für 2 Jahre auch richtig“, findet Matt, der ebenso wie Simon seinen Blick fest auf die ständige Kunsthalle gerichtet hält, die ab 2013 mit einem Budget von 4,8 Millionen Euro und einem Intendanzmodell 2.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche am Humboldthafen bespielen soll. Doch lernt der Senat vom Schicksal der Temporären Kunsthalle mit seinem bisherigen Allerweltsprogramm, seine Reprisen anderswo bereits bekannter Positionen und seinen viel zu monokulturellen Einzelprojekten womöglich gerade das Falsche – nämlich ein Führungsmodell ohne eine starke, subjektive Vision? Ohne eine um einen veränderten Kunst- und Vermittlungsbegriff kämpfende Direktion?
Wie immer das Schicksal der Temporären Kunsthalle Berlin sich fügen wird, als Schiffbruch eines Kapitänskollektivs oder als wieder flottgemachte Fähre regionaler künstlerischer Intelligenz – was vor allem von den Künstlern der Stadt schmerzlich vermisst wird, ist ein Parkett für die größeren, die wagnisreicheren Experimente. Was soll und will die Kunst in einer Stadt voller Künstler, besiedelt von unzähligen Galerien? Was kann sie leisten in einem urbanen Raum, in einer Gesellschaft, die in ihren Museen Kunst zunehmend nur noch an wirtschaftlichen Erfolgen misst, an Besucherquoten, an Eingängigkeit, an Bildungsaufgaben und sozialen Nebenjobs, nicht aber an der immer selteneren Radikalität auf der Suche nach einer ganz anderen Kunst von morgen? Fast möchte man die Mannschaft der Kunsthalle, den Stifter, die Übriggebliebenen daran erinnern, mit welchem Ziel sie einmal angetreten waren. Angestachelt von einer wagemutigen, unerschrockenen Künstlerschaft wollte man einen Ort schaffen, an dem das Berliner Ausstellungswesen sein eigenes, besseres Spiegelbild vorgehalten bekäme. Ohne Personalintrigen, lähmende Sammler, schwerfällige, quotenabhängige Museen. Ohne Verwaltungsbeamte, privat finanziert sollte man zeigen, dass eine große Kunstmetropole Ideen hervorbringt, die viel realer als ein bloßer Ausstellungsraum wären. Der Maler Eberhard Havekost jedenfalls scheint am Schlossplatz sarkastischen Realismus gelernt zu haben. Er, der dem Vorläuferprojekt im Palast der Republik nahestand, betrachtet die Temporäre Kunsthalle schon länger und lässt sich auch ohne Sperrvermerk zitieren. Auf die Nachfrage, was die neuesten Entwicklungen zu bedeuten haben, schickt er eine SMS. „Ist mir doch egal (Zitat). In einer geronnenen Virtualität ist das Personal immer austauschbar.“ Ellers Abgang lässt ihn kalt, aber er fürchtet die um sich selbst besorgte Sprache der Institutionen. Sein Virtualitätsvorwurf trifft den Experimentalstandort hart. Selbst virtuelle Kunst müsste sich an diesem einmaligen Schlossplatz auf Zeit einem ganz handfesten kuratorischen Realismus stellen. Es geht wieder um etwas in der Kunst. Havekost weiß das. Der Temporären Kunsthalle war es bis zum heutigen Tag noch nicht anzusehen.
Und was macht Thomas W. Eller nach dem 30. Juni? Der Käthe-Kollwitz-Preisträger ist wieder Havekosts Kollege und arbeitet zunächst einmal nur noch als Künstler. „Das ist eine Beschäftigung, in der man hervorragend gestalten kann“, findet er. Weitere Aussagen habe er nicht zu machen. Er spricht eigentlich nicht wie ein entlassener Manager. Er spricht, als habe ein freundliches Schicksal ihn gerade noch einmal freigegeben.
Mitarbeit: Stefan Kobel