Die Temporäre Kunsthalle Berlin sucht ihre Wurzeln

White Cube Reloaded

Sven Beckstette
2. September 2009
Noch vorübergehender als die auf zwei Jahre angelegte Temporäre Kunsthalle in der Mitte Berlins schienen bislang die Verträge ihrer Führungsriege zu sein. Permanente Streitigkeiten über die Richtung der Institution, Kompetenzgerangel und schließlich Auseinandersetzungen über die Besucherzahlen haben dafür gesorgt, dass das Haus zur Halbzeit mehr durch sein rotierendes Personalkarussell als durch sein Programm von sich reden machte. Im April wurde zunächst Mitgründerin Constanze Kleiner entlassen. Einige Wochen später verließ auch der erst im vergangenen Oktober als künstlerischer Geschäftsführer engagierte Thomas W. Eller die blaue Schachtel auf dem Schlossplatz. Nachdem der Mäzen und Stifter des Projekts, Dieter Rosenkranz, in Interviews leichter zugängliche Ausstellungen gefordert hatte, legte mit großem Aplomb kurzerhand auch noch der künstlerische Beirat geschlossen seine Ämter nieder.

Zwei Monate nachdem sich der Rauch über dem grünen Rasen allmählich verzogen hat, stellen die verbliebenen Mitglieder nun ihr Konzept für die Restlaufzeit vor. Und siehe da - die Zukunft liegt in der Vergangenheit, oder anders formuliert: Die Temporäre Kunsthalle besinnt sich auf ihre Wurzeln und feiert Berlin als Kunstmetropole. Das kommt schon in einer neuen Fassadengestaltung zum Ausdruck. Auf Gerwald Rockenschaubs abstrakt utopische Pixelwolke folgt in zwei Wochen eine wandfüllende Fotoinstallation von Bettina Pousttchi. Hierfür wird die Künstlerin die komplette Außenhaut des Gebäudes mit einer digital verfremdeten Ansicht des Palastes der Republik plakatieren. Während über den historischen Standort des abgebauten DDR-Staatsgebäudes buchstäblich Gras gewachsen ist, lässt Pousttchi gleich nebenan einen verkleinerten Klon wieder auferstehen. Echo, so der Titel der Arbeit, nimmt damit nicht nur Bezug auf den historischen Standort und unsere Erinnerungsfähigkeit, sondern spielt zugleich auf die Ursprünge der Temporären Kunsthalle an. Deren Gründung ging ja wesentlich auf die Ausstellung „36 x 27 x 10“ im sogenannten „White Cube“ im Innern des entkernten Palastes der Republik zurück, mit der Berliner Künstler im Dezember 2005 darauf hinweisen wollten, dass sie sich von den hiesigen Museen vernachlässigt fühlten.

An diese inzwischen fast mythische Schau knüpfen Dieter Rosenkranz, Coco Kühn und Angela Rosenberg jetzt direkt an. Nach vier Einzelpräsentationen, die jeweils von einem Kurator verantwortet wurden, kommen nun vier Gruppenausstellungen, die ähnlich wie bei „White Cube“ auf der Initiative von Künstlern beruhen. Entsprechend sollen die künftigen Ausstellungen die reiche Kunstproduktion Berlins widerspiegeln. Damit kommt es genau so, wie es der zurückgetretene Beirat vorhergesehen hatte und Thomas W. Eller gerne verhindern wollte. Der gemeinsame Nenner der Präsentationen am Schlossplatz wird der heimische Kreativstandort sein. Berliner Künstler treten dabei als Kuratoren auf und finden die Exponate auf Streifzügen durch die lokalen Ateliers. Auf diese Weise, so die Hoffnung, ergäben sich subjektive Bestandsaufnahmen der vielfältigen Szene. Den Anfang macht ab dem 24. September Kirstine Roepstorff mit der Schau „Scorpio’s Garden“, für die sie Skulpturen und Installationen von Monica Bonvicini, Elmgreen & Dragset, Dash Snow und Amelie von Wulffen sowie ein Programm mit Performances zusammengestellt hat. Schon hier deutet sich also an, dass „Berlin“ ein weiter Begriff sein kann. Es wird aber auch endgültig klar, dass die große Themenausstellung ebenso wie die Entdeckung bisher unbekannter Einflüsse und Namen zu den Akten gelegt werden wird. Immerhin hatte Constanze Kleiner verlangt, die Nähe zu Osteuropa auszuspielen. Nun wird die Halle zum Schaufenster Berlins.

Ob durch diese Schwerpunktsetzung interessante Ausstellungen zustande kommen werden, wird sich zeigen. Mehr Überraschungen verspricht ein Besuch der Temporären Kunsthalle künftig mit Sicherheit. Außerdem ist das Vorhaben, der jungen Gegenwartskunst Berlins an zentraler Stelle eine Plattform zu geben und eine möglichst breite Zuschauerschicht anzusprechen, nicht zu verachten. Allerdings stellt sich im konkreten Fall die Frage, ob dieser reine Berlin-Bezug für die Temporäre Kunsthalle tatsächlich so originell und richtungsweisend ist. Schließlich liefert ja auch die Berlin Biennale in regelmäßigen Abständen einen Überblick über die örtlichen Entwicklungen, verdeutlichen Räume wie das Autocenter in Friedrichshain oder kleinere Off-Spaces die Vielfalt an Positionen. Von diesen Initiativen unterscheidet sich die Temporäre Kunsthalle im Prinzip nur durch ihre Lage, ihre Ausstattung und die Größe ihrer Ausstellungsfläche, nicht durch ihren Anspruch. Welche Rolle eine ständige Kunsthalle kulturpolitisch in der Stadt tatsächlich übernehmen könnte, ohne nur um sich selbst zu kreisen, bleibt damit nach wie vor unbeantwortet.


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