Die Satellitenmessen der Art Basel 2010

Die Etablierten im Aufwind

Stefan Kobel
18. Juni 2010

Nicht jeder Veranstaltung in Basel ist dieses Jahr so viel Glück beschieden wie der Muttermesse. Wo soll all die gute Kunst auch herkommen? Wer soll sie kaufen? Und so hat jenseits von Art Basel und Liste die harte Realität des Kunstmarktes Einzug gehalten. Verdrängungswettbewerb und Downsizing sind die Begriffe der Stunde. Die Printmesse und red dot sind dieses Jahr gar nicht erst angetreten. Man vermisst sie nicht. Immer noch gibt es zu viele Nebenmessen mit redundantem Angebot und spärlichen Besucherzahlen.

Die Hot Art Fair hat den Weg Richtung Orkus bereits freiwillig eingeschlagen. Die vor Jahren als Bâlelatina mit überzeugendem Konzept gestartete Kleinveranstaltung – sie hatte sich einen Fokus auf lateinamerikanische Kunst verordnet – ist jetzt im ersten Untergeschoss einer Tiefgarage einquartiert. Damit mag sie sich zwar die Location mit dem höchsten Gothic-Faktor ausgesucht haben, doch der vermeintlich extravagante Ort strahlt nicht auf die Messe ab: Als Verkaufsveranstaltung ist sie ein vollständiger Flop. Als Gast fühlt man sich ausgesprochen unbehaglich – und das scheint auch für die Galeristen zu gelten, die einen beim Gang durch die U-förmige Standarchitektur halb missmutig, halb trotzig-hoffnungsvoll ansehen. Am Dienstag soll die Messeleitung ganze 30 Besucher gezählt haben. Im Vergleich zu den Vorjahren ist jetzt auch gar kein Konzept mehr auszumachen, und offensichtlich hat man Mühe, überhaupt Teilnehmer zu akquirieren.

Das Angebot weist dementsprechend eine erschreckende Bandbreite auf. Michael Schultz, der sich mit seiner Pekinger Galerie hierher verirrt hat, meint etwas resigniert: „Nicht alles in Basel glänzt.“ Der frühe Eröffnungstermin am Montag ist nur einer seiner Kritikpunkte: „Alles, was vor der Art Basel anfängt, hat keinen Sinn.“ Überhaupt meint er, die Galeristen müssten wieder mehr Einfluss auf die Messen erhalten. Immerhin hat er schon einen Keramik-Fernseher von Ma Jun an einen deutschen Neukunden verkaufen können. Sein österreichischer Kollege Georg Peithner-Lichtenfels hat hingegen noch gar nichts veräußert und betreibt aus Langeweile und Verzweiflung Werbung in eigener Sache: Er bearbeitet Galerie-Plakate und verteilt sie in der Stadt – vielleicht lockt das ja den einen oder anderen Neugierigen.

Das Problem mit der abseitigen Lage hat the-solo-project, vor zwei Ausgaben aus der Taufe gehoben, schon von Anfang an gehabt. Hinzu kam die schlechte Vermarktung. Die Konsequenz ist dieses Jahr ein weitgehend uninteressantes Line-Up. Wegen drei oder vier vielversprechender Projekte mag sich kaum jemand auf den langen Weg zur Endhaltestelle der Tramlinie 14 machen. Was schade ist. Andererseits gibt es auf der Liste und mit den Art Statements der Art Basel genügend Einzelpräsentationen. Gänzlich rätselhaft ist demgegenüber das Konzept der Selection Art Fair in einer kleinen Lagerhalle zwischen Wohnungsbauten neben einem Kiosk. Gerade einmal neun Teilnehmer zählt die Veranstaltung. Und nicht einmal zwischen diesen wenigen Ausstellern ist irgendeine Art von thematischem, geografischem oder anderem Zusammenhang zu erkennen.

Bleiben die Satelliten, denen es gelungen ist, sich dauerhaft zu etablieren. Sie sind als Establishment am Markt akzeptiert und haben auch 2010 einen deutlich besseren Stand. Zwar sehen sich die Macher vor großen Herausforderungen, denn auf Dauer überlebt nur, wer in einer attraktiven Location bei überzeugendem Konzept hohe Qualität anbieten kann. Doch immerhin zwei der drei Punkte kann die VOLTA in ihrer sechsten Ausgabe auf der Haben-Seite verbuchen. Der Auftritt im letzten Jahr war wenig glücklich. Man hatte sich mit der Markthalle neben dem Bahnhof in eine spektakuläre Architektur in bester Lage einmieten können, aber der Kuppelbau erwies sich im Krisenjahr als eine Nummer zu groß. Zwar hätten die Galerien zunächst größere Stände gefordert, erzählt Messechefin Amanda Coulsen. Als der Druck der Krise fühlbarer wurde, hätten sie dann aber doch wieder preiswertere Kojen haben wollen. Nachdem auch noch der Hauptsponsor abgesprungen und dessen 100 Quadratmeter-Lounge frei geworden sei, habe man vor einer völlig veränderten Situation gestanden, zumal der damals neue Besitzer Merchandise Mart Properties Inc. als marktorientierter amerikanischer Konzern auf ertragreichen Quadratmeterpreisen bestanden haben dürfte. Zumindest wurden zuletzt deutlich mehr Galerien zugelassen, als der Qualität gutgetan hätte. Coulsen zog deshalb in diesem Jahr die Konsequenzen und verlegte ihre Messe in die Dreispitzhalle, wo jetzt mit 88 Galerien rund zehn Prozent weniger Teilnehmer als 2009 ausstellen.

Die Messe präsentiert sich weitgehend auf hohem Niveau – etablierte Programmgalerien mischen sich mit engagierten jungen Kollegen. Der noch immer gute Ruf der VOLTA hat geholfen, die wichtigen Sammler in das Gewerbegebiet zu führen, was erklärtes Ziel der Messechefin ist: „Als Messemacher hat man seinen Job gemacht, wenn die richtigen Leute kommen.“ Das ist offenbar gelungen, zumindest bestätigen das viele Aussteller. Allerdings bemängeln sie laut und deutlich hörbar die spärlichen Besucherzahlen. Die dürften wohl nicht nur mit dem schlechten Wetter, sondern ebenso mit der entlegenen und versteckten Lage zusammenhängen. Für manchen Auswärtigen gestaltet sich der Ausflug zur Schnitzeljagd, und wer einmal auf dem Rückweg vom Schaulager an dem von dort aus unbeschilderten Areal vorbeigelaufen ist, ist für die VOLTA6 verloren und kehrt nicht zurück. Ungeachtet dieser Kinderkrankheiten ist es aber sehr wahrscheinlich, dass die VOLTA eine Zukunft hat.

Gleiches gilt für die SCOPE, die einen Coup landete und sich für ihr Zelt ein ehemaliges Kasernengelände direkt am Rhein auf mehrere Jahre gesichert hat. Gleichzeitig hat die Messe radikal abgespeckt. Statt 120 Galerien stellen jetzt nur noch 75 aus. „Wir hatten ein Qualitätsproblem“, gibt SCOPE-Gründer Alexis Hubshman ungewohnt freimütig zu: „Als das ganze Geld in den Markt geflossen ist, haben wir ein paar Fehler gemacht.“ Dazu gehörte offensichtlich die schrillbunte Art-Asia-Abteilung, die dieses Jahr gestrichen wurde. „Aber wir wollen dahin zurück, wo wir mal waren“, erklärt er, „und ich denke, wir sind auf einem ganz guten Weg. Es geht ausschließlich um Qualität. Wir werden nur in dieser Richtung wachsen.“ Bei diesem Unterfangen sind deutsche Aussteller anscheinend willkommene Gäste. Zumindest ist deren Anteil mit 20 Teilnehmern ungewöhnlich hoch. Eingeschlossen sind in diese Zahl allerdings die acht Galerien des senatsgeförderten Programms „Art from Berlin“, auf dessen Zusammenstellung SCOPE keinen Einfluss hat. Zur Eröffnung der aktuellen Ausgabe war die Sammlergunst der SCOPE jedenfalls hold. „Man hat uns nicht die Tür eingerannt, aber es waren sehr gute Leute da“, berichtet Stefan Röpke aus Köln. Auch Beck & Eggeling aus Düsseldorf, die das erste Mal ausschließlich mit ihrem Galerieprojekt New Quarters an einer Messe teilnehmen, bestätigen, dass die Top-Ten-Sammler allesamt da gewesen seien. Christopher Cutts aus Toronto, der nach eigenen Angaben fast jede Ausgabe der SCOPE auf der Welt mitgemacht hat, weiß aus Erfahrung: „Es ist ein ständiges Auf und Ab.“ Im Moment jedenfalls scheinen sich die etablierten Drei der Satelliten – LISTE, VOLTA und SCOPE – in einem Aufwärtstrend zu befinden.

Selection Art Fair Basel, Hall 33, Ecke Riehentorstraße/Claragraben, Basel. Vom 14. bis 20. Juni 2010

Hot Art Fair Basel, Claramatte Parkhaus, Klingentalstraße 25, Basel. Vom 14. bis 20. Juni 2010

SCOPE Basel, Kaserne Basel, Klybeckstr. 1b, Basel. Vom 15. bis 19. Juni 2010


VOLTA6, Dreispitzhalle, Dreispitz Areal Tor / Gate 13, Helsinki Straße 5. Vom 16. bis 20. Juni 2010


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Basel läuft sich warm. Heute eröffneten die Liste, die Messe für junge Galerien, und Art-Basel-Sektion Art Unlimited. Der Besucherandrang war groß, Verkäufe werden auch gemeldet.

Der alte neue Glanz von Stefan Kobel
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Ausgerechnet die „Art Unlimited“, die Sektion der grenzenlosen Möglichkeiten auf der Art Basel, wird bescheiden. Die Kunst besinnt sich wieder auf sich selbst.

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