Die Sammlung Schürmann zu Besuch im Museum Abteiberg

Der scharfe Blick der Sammlersammler

Noemi Smolik
17. September 2009
„DAS GESPINST – Die Sammlung Schürmann zu Besuch im Museum Abteiberg“, Museum Abteiberg, Mönchengladbach. Vom 13. September bis 15. November 2009

Dies ist die wundersamste Verwandlung eines Museums in ein weitausgreifendes gedankliches Gespinst, die man sich nur vorstellen kann. Wundersam, weil sie unerwartete Einblicke, Durchblicke, Verbindungen und Bezüge bietet, die wie kleine Mirakel wirken. Verwandlung, weil sie aus einem Museum eine kafkaeske Wunderkammer macht. Wie bei Franz Kafka, der mit einem einzigen Satz ohne Wenn und Aber zum Kern des Geschehens vordringen konnte, werden hier die ausgestellten Objekte wieder in das verwandelt, was sie sind: Kunst. Das ist in einer Zeit, in der Kunstobjekte für so ziemlich alles – von der unbefriedigten Gier bis zum gesellschaftliche Utopie-Vorhaben – herhalten müssen, aber nicht für sich selbst stehen dürfen, gar nicht so selbstverständlich. Es ist eine Leistung.

Von einem „Gespinst“ zu sprechen, ist dabei kein Romantizismus der Kritikerin, sondern der selbst gewählte Titel einer Ausstellung im Museum Abteiberg in Mönchengladbach, die Teile der privaten Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann zusammen mit den Beständen des Museums zeigt. Gleich in der Eingangshalle, ein wenig versteckt, hängt eine Zeichnung der Malerin Monika Baer. Auch sie heißt Das Gespinst und ist, auf eine kleine Fläche gebracht, das exakte Abbild dessen, was sich auf dem Rundgang durch die Räume des Museums, einem verschachtelten Gebilde von Hans Hollein, abspielen wird. Wie auf der Zeichnung windet sich beschwingt ein Faden durch die Räume, mal in einer scharfe Kurve, mal in einer eleganten Kehre, mal verheddert er sich, mal dreht er sich im Kreis. Einmal bestimmt, dann wieder vage, doch immer eigenwillig, stellt er Bezüge zwischen den einzelnen Objekten her. Damit folgt er einem ewig fortsetzbaren Projekt, da weder ein Anfang noch ein Ende auszumachen sind und alles unhierarchisch miteinander verwoben zu sein scheint. Und zwar wirklich alles: Ob nun die Kunstobjekte, der Museumsraum oder die Betrachterperspektive.

Vor allem um den Blick des Betrachters geht es dem Sammlerpaar Schürmann, das für diese Präsentation ihrer Sammlung zusammen mit den Werken des Museums verantwortlich ist. Gezeigt werden an die 80 Arbeiten aus der Sammlung, die in den 1980er-Jahren ihren Anfang nahm und ständig erweitert wird. Doch Chronologie spielt hier keine Rolle. Der Beginn ist ein wenig brachial. Mit einer großen Computerinstallation der Künstlerin Julia Scher aus dem Jahre 1991, also aus der präpubertären Zeit des Internet, als die Öffentlichkeit mit elektronischen Rechnern noch Wissenschaftskolosse oder heimische Schreibmaschinen assoziierte, nicht aber gesellschaftliches Überwachungspotenzial. Scher sah das schon damals genauer. Bedrohlich, in ihrer Altertümlichkeit aber fast schon wieder harmlos historisiert, bietet ihre Arbeit den Barrieren aus Absperrgittern und einem Gestell aus Prothesen von Cady Noland die Stirn. Im Hintergrund findet sich dann noch ein weiteres Gestell. Nein, kein Objekt von Daniel Buren aus der Sammlung des Museums, auch wenn gelb-weiß gestreifte Markisen daran zu sehen sind. Es handelt sich um Die vierte Wand/Zwei Protagonistinnen, eine 2005 entstandene Arbeit der jungen iranischen Künstlerin Nairy Baghramian, die modernistische Formen zu verletzlich leichten Objekten verarbeitet. Eine gute Überleitung zu dem Verwesungsgeruch des schon immer hier im Eingangsbereich stehenden, reichlich verstaubten Blumenklaviers von Joseph Beuys.

Das ist aber auch schon alles, was an dieser Ausstellung brachial genannt werden könnte. Ab jetzt wird es leise, verspielt. Es fängt an mit dem kleinen, auf dem Boden platzierten Schälchen Milch des schelmischen Belgiers Kris Martin. Dann eine riesige Kugel aus Fallschirmseide von Meg Cranston, die das komplette Werk von Jane Austen enthalten soll. Warum auch nicht, sie ist groß genug. Und gleich noch eine Kugel, klein, schwarz, zu Füßen einer stehenden, nackten Figur aus Holz. Eine Arbeit von Heimo Zobernig? Kaum zu glauben. Und noch eine Kugel hinter der nächsten Ecke, wohlabgewogen in eine Rotunde gelegt, die mit schwarzen, ebenfalls runden Punkten von Richard Wright bemalt ist, in dem sie auf dem Boden liegt. Die Kugel ist schon die zweite Arbeit von Kris Martin, die zwar still, aber nicht harmlos ist. In hundert Jahren soll sie explodieren.

Im Obergeschoss dominieren Gegenüberstellungen. Ein buntes Bild der postabstrakten Malerin Joanne Greenbaum hängt einem surreal angehauchten Bild von Monika Baer gegenüber. Dazwischen ein klassischer Robert Ryman aus dem Bestand des Museums. Auch eine ungewöhnliche Gegenüberstellung. Und dann folgt einer der Höhepunkte. Flankiert von acht museumseigenen Grauen Bildern von Gerhard Richter steht in der Mitte des Raumes Martin KippenbergersModel Interconti von 1986: ein Beistelltisch, in dessen Fläche Kippenberger ein graues Original von Richter einbaute. Ein böser Streich, dem die weniger entfremdeten Richter-Bilder ringsherum mit Würde begegnen. Und doch ist das Spannendste dieser Ausstellung der Keller. Wer hätte geglaubt, dass ein großes abstraktes Bild von Klaus Merkel, zusammen mit den genähten farbig leuchtenden Kleinformaten von Ivan Morley so viel Spannung im Raum erzeugen könnte! Gleich darauf begegnet man dem frühem Allan Kaprow mit einer übermalten Collage von 1958, die dem Museum gehört, und dem nur vier Jahre jüngeren Bild Superman in Bed von Peter Saul aus Schürmanns Sammlung. Und schon findet man sich in einer Marcel Duchamp-Ecke. Hier verliert man langsam die Orientierung. Was gehört wem? Dies hier ist ein Foto von Richard Hamilton, das Duchamp mit einer Glasscheibe zeigt. Es gehört den Schürmanns. Die echte Duchamp-Glasscheibe auf dem Podest ist aber Museumseigentum. Einzigartig, wie sich optisch in diese Ecke die zwei schwarz-weißen Porträts der Künstlerin Lucy McKenzie, aufgenommen von Josephine Pryde, einfügen.

So wird diese Ausstellung zu einem Rundgang erstaunlicher Entdeckungen, die mal den Interventionen der Sammler, mal dem geschickten Umgang mit den Beständen des gastgebenden Ausstellungshauses geschuldet sind. Überrascht wird man auf jeder Ebene. Etwa wenn man das kleine Grafikkabinett betritt, in dem Zeichnungen von Anne-Mie van Kerckhovenauf 15 Fotos der polnischen Künstlerin Aneta Grzeszykowskatreffen, in denen sie Cindy ShermansFilm Stills souverän in osteuropäischer Landschaft reinszeniert. Selbst ein Klassiker aus den Anfängen des weiblichen Aufbegehrens, das 1968 entstandene Tapp und Tast Kino von Valie Export, erscheint da frisch und neu. Man sieht Export mit einer Kiste vor ihrer Brust – wer will, kann hineingreifen. Busen zum Antasten. Unvergesslich bleibt der lüsterne Blick des Mutigen. Dem Poster gegenüber ragt ein geschwärzter Felsenbrocken aus der Wand von Rachel Harrison, an seiner Seite ein schwarz-weißes Foto. Es zeigt Betrachter vor Gustave Courbets Bild DerUrsprung der Welt, das in seiner Souveränität, seiner reduzierten Autonomie den Blick an den weiblichen Schamhaaren abprallen lässt. Ist das nächste Bild mit dem entblößten weiblichen Busen gleich um die Ecke im Vergleich dazu lüstern oder nur lustig? Es stammt von Richard Hawkins, dem skurrilen Maler. Gegenüber wiederum zwei grazile Nackte, die eine greift nach der Brustwarze der anderen. Nein, das ist kein Bild der Schule von Fontainebleau aus den Museumsbeständen, sondern ein nachgestelltes Foto von Ann Lislegaardaus dem Jahre 2003. Und inmitten dieser weiblichen Busenduette ein kleines Höckerchen mit einer nüchternen Kladde. Darin die Notizen zu einem im Los Angeles Museum of Contemporary Art gehaltenen Vortrag von Mike Kelleyüber den von ihm hoch geschätzten Peter Saul, einem der wenigen männlichen Künstler, die in dieser Ausstellung vertreten sind. Sieht man von den Museumsbeständen ab, stammen achtzig Prozent der Werke von Frauen.

Es gibt Künstlerkünstler, sagt man, Künstler, für die sich vor allem Künstler interessieren und die für Künstler prägend und inspirierend sind. Warum soll es nicht auch Sammlersammler geben? Die Schürmanns sind solche Sammler, weil sie mit einem unbeirrbaren Eigensinn, jenseits aller Trends und Moden dem Kommenden nachspüren, es in neue, andere Zusammenhänge bringen und somit den Blick schärfen. Schürmanns Sammeln ist wie ein Korrektiv am blinden Messe- und Neuigkeitenhunger des Kunstbetriebs. Der Blick kann nie scharf genug sein, wenn die Kunst nicht erstarren soll.


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