25. Juni 2010
Ein Trauerspiel klassischen Zuschnitts fand diese Woche seinen vorläufigen Abschluss bei Sotheby’s in New York. Die Rosinen der Sammlung Polaroid kamen dort in 485 Losen unter den Hammer. Angesichts der zahlreichen, neu erzielten Höchstpreise für Künstler und eines Gesamtumsatzes an der oberen Taxe von 12.467.634 US-Dollar inklusive Aufgeld – erhofft waren 7,5 bis 11,5 Millionen – steht zu befürchten, dass dieser dritte noch nicht der letzte Akt der Tragödie war. Ihm vorangegangen waren die Insolvenz des Sofortbild-Herstellers Polaroid im Jahre 2001 und die in ein 3,5 Milliarden schweres „Schneeballsystem“ verwickelte, betrügerische Insolvenz des neu gegründeten Unternehmens 2008. Schuldig gemacht hatte sich der einzige Gesellschafter, Thomas J. Petters, der im April 2010 zu 50 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Keine Tragödie ohne die Rolle des „schuldlos schuldigen“ Helden. Sie fällt diesmal wohl ohne Pathos der Kunst zu. Ein Privatverkauf sei zuvor gescheitert, kein Staatsankauf in Sicht. Die von einem Konkursgericht beauftragte Liquidierung der Sammlung durch das Auktionshaus zu Gunsten der Gläubiger schien deshalb wohl jedem kühl rechnenden Kopf nur notwendig. Die Künstler jedoch, die in der Sammlung vertreten sind, wähnten sich im Restelager, allen voran Chuck Close, der die geplante Auktion im Vorfeld als „kriminell“ bezeichnete und gemeinsam mit Kollegen, richterlichem und medialem Beistand dem Ausverkauf einer unwiederbringlichen Sammlung noch bis zuletzt Einhalt gebieten wollte. Der Ruch der Leichenfledderei jedenfalls wird sich nicht so schnell wegwedeln lassen wie in New York Hände in die Höhe schnellten. Beim Aufmarsch von weltberühmten Fotografen wie Harry Callahan, Robert Frank und Robert Mapplethorpe sowie mit dem fotografischen Medium arbeitenden Vertretern der zeitgenössischen amerikanischen Kunst wie Andy Warhol, Robert Rauschenberg und David Hockney gab es kein Halten mehr.
Doch um zu bedauern, was hier geschehen ist, muss man kein Freund der fotografischen Kunst sein – und noch weniger ein sentimentaler Liebhaber eines fotografischen Verfahrens, dessen Vorzug der minutenschnellen Verfügbarkeit technisch längst durch die Digitalisierung in den Schatten gestellt wurde, dessen Anmutung und ans ursprüngliche „Wunder der Fotografie“ mahnende Entstehung indes einzigartig bleiben. Hier wurde nämlich eine museale Unternehmenssammlung aus rund 23.000 Aufnahmen von etwa 2.000 Fotografen, die über 50 Jahre mit viel Sachverstand, Sorgfalt und vor allem leidenschaftlicher Neugierde für die dem Medium innewohnenden ästhetischen Möglichkeiten aufgebaut wurde, in alle Winde zerstreut.
Dabei wurden hier nicht allein die Preziosen und ein Stück vor allem US-amerikanischer Kunstgeschichte zerschlagen, sondern auch der Geist, in dem diese Sammlung entstanden ist. Als Edwin Land, der Erfinder des Sofortbildverfahrens und Gründer des Unternehmens, Ansel Adams, den Meister der klassisch heroischen amerikanischen Landschaftsfotografie, 1956 um seine Beratung bei der Auswahl und Sammlung exzellenter Fotografien bat, war dies nur der Anfang einer beispiellosen Zusammenarbeit von Kunst und Industrie. Einer Kooperation, die bald zu einem offiziellen Stipendienprogramm, dem Artist Support Program, führte: Experimentierfreudigen Künstlern wurden Kameras und Filmmaterial zur freien Verfügung gestellt, einzig mit der Auflage, der Unternehmenssammlung einige ihrer besten Ergebnisse gewissermaßen als Dauerleihgaben zu überlassen. Denn das Unternehmen verstand sich seit je weniger als Besitzer dieser Bilder, denn als deren Hüter und Bewahrer. Das aber sahen die Gläubiger und das Gericht anders.
Derart rechtlich abgesichert können den Kunstmarkt moralische Erwägungen nur wenig scheren. Und wer, wenn gebratene Hühner in der Luft schwirren, schnappte nicht danach? Zudem bei dieser Provenienz. Allein schon Ansel Adams, dessen Fotos den Grundstock der Sammlung bildeten und dessen Werke seit Jahren zu den besten Losen auf Fotografieauktionen zählen, war mit 172 Arbeiten hervorragend vertreten. Darunter fanden sich Ikonen wie Moonrise, Hernandez, New Mexico und Clearing Winterstorm, Yosemite National Park. Die beiden wandfüllenden Arbeiten sind im Übrigen keine Polaroids, sondern Modern Prints in Silbergelatine, die Adams mit anderen Werken in den 1950er- bis 60er-Jahren abgezogen hat und die von Land für die Sammlung angekauft wurden. Um Clearing Winterstorm (Los 100) entbrannte noch zum Abschluss der ersten Session (die Auktion war auf zwei Tage angelegt) ein heftiges Bietergefecht zwischen vier im Saal vertretenen Parteien. Die Taxe des Bildes lag bei marktgerechten 300.000 bis 500.000 US-Dollar, der Hammer schließlich fiel bei 722.500 US-Dollar – ein Rekordpreis für Adams und, gefolgt von fünf weiteren Fotos des Künstlers im sechsstelligen Bereich, das teuerste Werk der Auktion.
Doch auch andere Händler und Sammler wussten die Gunst der Stunde zu nutzen und sorgten dafür, dass insgesamt 14 Auktionsrekorde für Fotografien von Künstlern gebrochen wurden, darunter etwa für Polaroids von Andy Warhol oder Lucas Samaras je gleich zweimal am selben Abend. So erzielte erst Warhols großformatiges Self-Portrait (Grimace) (Los 52, Taxe: 20.000/30.000 USD) mit 146.500 US-Dollar einen Höchstpreis, nur um sofort im Anschluss von seinem Self-Portrait (Eyes Closed) (Los 53, Taxe 10.000 bis 15.000 USD) von sieben miteinander konkurrierenden Bietern auf atemberaubende 254.000 US-Dollar getrieben zu werden. Gleichwohl der Schätzpreis hier sehr niedrig veranschlagt wurde, mit Blick auf die eher durchschnittlichen Preise der letzten beiden Jahre, ist das Ergebnis doch exzeptionell. Da Polaroid nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass die Haltbarkeit seiner Bilder auch bei idealen Bedingungen nur begrenzt sein kann – Schätzungen zufolge um die 100 Jahre – werden auch diese Unikate wohl auf Dauer im Kühlschrank verschwinden.
Kaum Wunder nehmen konnte dagegen, dass auch Nicht-Polaroids aus der von Adams für Polaroid zusammengetragenen sogenannten „Library Collection“ zu den Topverkäufen gehörten. Auch hier war die Qualität solch ikonischer Meisterwerke wie Dorothea Langes Peapickers Family (Migrant Mother, Nipomo (Los 80, Taxe 60.000 – 80.000 USD) – wenn es sich auch nicht um einen Vintage Print handelte – ausschlaggebend für den realistischen Preis von 218.500 US-Dollar. Und um der Ironie des Schicksals alle Ehre zu erweisen, übertraf auch Los 3 den Schätzpreis von 40.000 bis 60.000 US-Dollar um das Vierfache: Wohl mit einem bitteren Lächeln dürfte Chuck Close vernommen haben, dass seine großformatige Polapan Print Collage 9-Part Self Portrait mit 250.500 US-Dollar auch für ihn einen neuen Rekord einer an Rekorden reichen Auktion aufgestellt hat. Womöglich aber ist der letzte Vorhang noch nicht gefallen. Schließlich enthält die Sammlung ja noch den ein oder anderen veräußerbaren Wert.