22. September 2006
„Kunst ist, was das Leben interessanter macht als Kunst”, beschreibt
Jean Mairet mit den Worten des Fluxus-Künstlers
Robert Filliou die Antriebskraft seiner Sammelleidenschaft und bekennt sich zum „fließenden“ Übergang von Kunst und Leben. Zusammen mit seiner Frau Christina hat er in den letzten 25 Jahren Kunst vor allem dort aufgespürt, wo sie skurril war, widerspenstig, wo sie die unbequeme Frage der „condition humaine” stellte. Einer neuen Figuration und Körperlichkeit über die Gattungsgrenzen hinaus gilt sein besonderes Interesse, entgegen Abstraktion und Theorielastigkeit offizieller Avantgarden.
Die Sammlung entstand in diesem Gestus des Unangepassten, zwischen „Sauerkraut und Foie Gras” (Jean Mairet), in den unterschiedlichsten geschmacklichen Couleurs, alles irgendwie schwer verdaulich, aber nie ohne ein Augenzwinkern. Sammeln impliziert immer auch den Prozess der Aneignung und des wachsenden Verständnisses. Bereits vorhandene künstlerische Positionen werden wieder verworfen oder ergänzt, inspirieren zum Ankauf von neuen Arbeiten anderer Künstler, die denselben Gedanken noch radikaler formulieren. Mairet ergibt sich diesem Prozesscharakter mit der Obsession eines Spielers, der alles auf eine Karte setzt.
Die Ausstellung mit dem Titel „hautnah”, die er jetzt in drei Räumen der ehemaligen Pferdeställe des Postfuhramtes konzipiert hat, präsentiert vier zentrale Künstler seiner Sammlung. Jede einzelne der künstlerischen Positionen thematisiert auf eigenwillige Weise die Identität stiftenden Triebkräfte des menschlichen Körpers. Nicht ohne Selbst-Ironie wird die Vision einer auratischen Kunst ad absurdum geführt und im Gegenzug der parodistische Kurzschluss mit der Unwirtlichkeit menschlicher Existenz gesucht.
Am überzeugendsten thematisieren dies wohl die bemalten Pappkartons von Maike Freess, in die sie sich selbst en miniature als seltsam verlorene Alice im Wunderland oder – wie in einem Alptraum – mit Schweinsmaske dem Bade entsprungen bzw. als Personifikation des menschlichen Dualismus projiziert. Ebenso ihre eindrucksvollen Kreide-Zeichnungen: Gesichtslandschaften, menschliche Fratzen sexueller Gier oder stumpfsinniger Alltäglichkeit, Zwitterwesen einer Scheinwelt, übersät mit allen animalischen Ungeheuerlichkeiten, die der Verstand gebiert. Hieronymus Bosch lässt grüßen. Oft fungiert die deutsche Künstlerin Freess als ihr eigenes Abbild. Im Video-Triptychon persifliert sie in der Handlung des unermüdlichen An- und Auskleidens, des Sich-nicht-entscheiden-Könnens, nicht nur ein Stereotyp der Weiblichkeit, sondern auch die Bildökonomie des Voyeurismus.
Auch die lebensgroßen Aktbilder Vincent Corpets konterkarieren in ihrer monumentalen Nacktheit und pathetischen Überdeterminierung des Augenblicks die voyeuristische Betrachterpespektive. Schonungslos seziert er die phänotypische Oberfläche des menschlichen Körpers, blutleer und verstörend. Wie Abziehbilder behaupten die Akte sich gegen den farbgrellen monochromen Hintergrund. Der übersteigerte Realismus macht zu schaffen.
Etwas verschlüsselter dagegen sind die sogenannten „Analogien” Corpets, großformatige Ölbilder, die ihren Ausgangspunkt in einem frei assoziierten Formengebilde nehmen und deren Umrisslinie zur analogen Hülle ineinander verschlungener menschlicher Körper wird. In immer neuen Varianten dekliniert er sämtliche formale Qualitäten des menschlichen Körpers; die zumeist dargestellte pornografische Brutalität verliert sich in der ästhetisierenden Glätte seiner Arbeiten.
Antonin Artauds Motto „Schluss mit den Meisterwerken“ wurde zur Maxime einer Haltung, die der Kunst ein Existenzrecht in den Gefilden des Realen zu sichern suchte. Marcel Duchamps legendäre Fountain verkörpert par excellence diese neue Geisteshaltung und wird zur Ikone der Postmoderne. Der Chinese Chan Kai-Yuen kombiniert das legendäre Ready-made mit Zitaten aus der Kunstgeschichte sowie seinem künstlerischen Lieblingsobjekt, dem gerupften Huhn. Ob in der Haltung des Denkers von Auguste Rodin oder als „Männeken Pis“, dem Wahrzeichen Brüssels: Mit dem lächerlich-tierischen Protagonisten wird die Kunst zur Witzfigur ihrer selbst.
In die Tradition des Hyperrealismus eines Ron Muek reiht sich die Alte Dame mit Tattoos von Gilles Barbier, ein Schlüsselwerk in der Sammlung Mairets. Ausgestreckt auf einer Chaiselongue liegt sie nackt und in voller Unmittelbarkeit ihres körperlichen Verfalls, aber mit der Würde eines gelebten Lebens. Ihre Haut ist tätowiert mit Etiketten von Kosmetikprodukten, die das äußere Erscheinungsbild weiblicher Schönheit eigentlich hätten konservieren sollen. Plakativer könnte die Diskrepanz zwischen Ideal und Deformation wohl nicht formuliert werden. Mit der Logik des Absurden testet Barbier die Durchlässigkeit der ästhetischen Oberfläche und entlarvt den menschlichen Körper als eigentliches Kunstprodukt.
Anne Haun: „hautnah“ ist der Titel Ihrer aktuellen Ausstellung. Er impliziert ganz konkret die Beschäftigung mit dem menschlichen Körper, speziell seiner Oberfläche, der Haut. Im übertragenen Sinn beschreibt er aber auch die Grauzone in der Kunst zwischen wirklichkeitsgetreuem Abbild, also Imitation, und Repräsentation – ein zentrales Thema, das sich wie ein roter Faden durch Ihre ganze Sammlung zieht.
Jean Mairet: Hautnah bedeutet auch unmittelbare Nähe, Intimität, die manchmal reizen oder gar wehtun kann. Ein wirklichkeitsgetreues Abbild sowie Authentizität gibt es eigentlich gar nicht. Diese Begriffe werden von den Medien suggeriert. Die Kunst bietet eine andere Art zu sehen an – deshalb bin ich an Kunst so stark interessiert.
Anne Haun: Warum sammeln Sie Kunst? Geht Ihnen Kunst unter die Haut?
Jean Mairet: Die Anhäufung von Objekten, Dingen künstlerischer Natur kann manchmal zur Sammlung werden. Die Gelegenheiten, sich im Alltag frei zu bewegen oder auszudrücken, sind ziemlich selten. Kunst erlaubt viel Freiheit. Ich mag Kunst, die mich provoziert. Die Impressionisten haben mich eigentlich nie wirklich interessiert. Picasso ist mir lieber als Matisse, Grosz lieber als Mondrian, Duchamp lieber als alle seine Enkelkinder, die Marx Brothers lieber als Rainais, Vostell lieber als Ben Vautier, Vincent Corpet lieber als Luc Tuymans.
Anne Haun: Die ausgestellten Künstler arbeiten alle mit dem Mittel der Ironie. Warum haben Sie ausgerechnet diese Auswahl getroffen?
Jean Mairet: Die Ironie ist lebenswichtig. Auch die Kunst hat auf dem Gebiet der Ironie viel zu bieten. Die sogenannte „art conceptuel“ ist zum Beispiel ironisch. Figurative Kunst kann auch ironisch wirken. Vincent Corpet ist sehr spielerisch; er malt, was ihm durch den Kopf geht. Das ist seine Kritik an der Kunstkritik und -geschichte. Seine Akte sind im alten Sinne des Wortes modern, sie haben keine Perspektive und funktionieren so wie Skulpturen. Die Art und Weise, wie ich die Akte gehängt habe, ist Zynismus. Auch die Skulpturen von Kai-Yuen sind sehr zynisch. Alle diese Künstler schwimmen gegen den Strom. Schöne Kunst interessiert mich nicht.
Anne Haun: In der Kunstgeschichte ist der Akt eines der ältesten und vielfältigsten Motive. Die Kritik beurteilt Ihre Sammlung als sehr „körperlastig“. Welchen Stellenwert hat die Darstellung des menschlichen Körpers in der Kunst für Sie?
Jean Mairet: Wir müssen alle mit unserem Körper fertig werden. Die Beziehung zu den Anderen geht auch über den Körper. Die Darstellung des Körpers hat es immer gegeben und wird es immer geben. Da jeder Mensch ein „Unikat“ ist, wird man sich nie langweilen. Anders ist es mit dem Monochrom.
Anne Haun: 2004 haben Sie ihre Sammlung in Nanterre gezeigt, Ausstellungsort waren 13 leerstehenden Büros der Bahngesellschaft Société Nationale des Chemins de Fer (SNCF). In Berlin haben Sie sich die ehemaligen Pferdeställe des Postfuhramtes ausgesucht – auch diese Räume haben nichts Museales. Wie bestimmen Sie das Verhältnis von Kunst und Architektur?
Jean Mairet: Die Architektur, in der man eine Ausstellung macht, kann die Auswahl der Künstler beeinflussen. Ich habe eine Vorliebe für etwas sonderbare Orte. Die Pferdeställe sind sehr sonderbar. Die Malerei von Vincent Corpet kann gut in der Höhe aufgehängt werden. Die Video-Inszenierungen von Maike Freess sowie ihre großformatigen Zeichnungen können mit dieser prägnanten Architektur hevorragend konkurrieren, ebenso die Skulpturen von Gilles Barbier und Chan Kai-Yuen.
Anne Haun: Also geht es Ihnen um Konkurrenz…
Jean Mairet: Die Architektur muss dominant sein, erst dann zeigt sich ob die Kunst Bestand hat. Deswegen mag ich auch lieber Kirchen als Museen.
Anne Haun: Sie leben in Paris und Berlin. Was unterscheidet die beiden Städte? Was sind die jeweiligen Stärken, was die Schwächen?
Jean Mairet: In Berlin herrscht eine ziemlich bizarre Atmosphäre. Die Stadt ist ruhig, keine Hektik. Die alten Industriegebäude sehen wie Kathedralen aus. Es gibt bedrohliche Mengen an Radfahrern und breite Alleen. Der Potsdamer Platz steht so da, als ob keine Stadt um ihn herum existierte. Man hat das Gefühl, dass das Leben hier in einer leicht beschleunigten Zeitlupe fließt. Berlin wird niemals fertig sein, Paris ist ein Museum geworden. In Paris herrscht Hektik. Auch wenn sie es nicht eilig haben, müssen Sie mitrennen. Ich liebe beide Städte. Berlin ist die Stadt der Geschichte. Die letzte Biennale hat aus der Auguststrasse ein Gesamtkunstwerk gemacht. Cattelan hat damit sein Meisterwerk geschaffen.
Anne Haun: Die Ausstellungs- und Veranstaltungsreihe „Art France Berlin“, in deren Rahmen Sie Werke ihrer Sammlung präsentieren, hat sich zum Ziel die „Vermittlung von Fülle, Vitalität und Vielfalt französischen Kunstschaffens seit den 70er Jahren bis in die heutige Zeit“ gesetzt. Um das „Sichtbar-Machen“ der aktuellen französischen Kunst ging es bereits in der erst kürzlich im neu eröffneten Pariser Grand Palais gezeigten Ausstellung „Force de l’Art“, die eher als konzeptueller Gewaltakt daherkam. Neuerdings werden zunehmend Ausstellungen kuratiert, die sich ganz spezifisch dem Lokalkolorit zeitgenössischer Kunst widmen. In welchem Maße beeinflusst Ihrer Meinung nach der Lebens- bzw. Arbeitsraum eines Künstlers tatsächlich seine künstlerische Entwicklung?
Jean Mairet: Die Kunst von Vostell trägt die Spuren von Berlin. Der junge französische Künstler Damien Deroubaix ist auch von der Stadt sehr beeinflusst. Ansonsten sehe ich keine „Berliner Schule“, so wie es einst eine in New York gab oder in Frankreich die „Ecole de Paris“... Aber vielleicht existiert diese „Schule“ doch und ich habe sie noch nicht entziffert.
Hinsichtlich der französischen Szene kann man sicher nicht von einem bestimmten Stil sprechen.
Anne Haun: Nicht jeder hat den finanziellen Background Ihres Landsmannes François Pinault. Sehen Sie hier auch eine Chance, ganz andere Künstler etwas abseits des Rampenlichts überhaupt erst zu entdecken oder geht man eher Kompromisse ein?
Jean Mairet: Die Megasammler wie zum Beispiel Pinault oder Flick haben mit mir eigentlich wenig Gemeinsames. Sie sorgen dafür, dass man über zeitgenössische Kunst in den Medien spricht. Das ist sehr gut. Sie sorgen aber nicht für Überraschungen. Jeder spielt in seiner Kategorie. Ich bin ein Bogenschütze, während Pinault und Flick eher zur Panzerdivision gehören. Die Sammlung Falkenberg, so wie sie in La Maison Rouge in Paris gezeigt wurde, hat mich sehr angenehm überrascht. Da spürte man die starke Präsenz des Sammlers.
Anne Haun: Welche Funktion kommt in Europa heute den Sammlern zeitgenössischer Kunst zu? Gibt es eine neue Verantwortlichkeit in der Museums- und Ausstellungspolitik?
Jean Mairet: In Deutschland haben die Sammler immer eine sehr wichtige Rolle gespielt. So etwas gibt es in Frankreich nicht auf diesem Niveau. Der einzige, der hier eine Rolle hätte spielen können, ist François Pinault. Aber dem hat man das Leben so schwer gemacht, dass er gesagt hat: Okay, tschüss Leute, ich gehe nach Italien. Frankreich ist absolut zentralistisch. Die einzige Stadt, die heute nach Paris noch interessant ist, ist Marseille. Außerdem sieht man es in Frankreich nicht gerne, wenn Privatleute sich zu sehr in der Öffentlichkeit zeigen – das ändert sich übrigens im Moment. Deshalb wurde 1982 in etwa 20 Regionen ein Fonds Régional d’Art Contemporain (FRAC) gegründet, eine Institution zum Aufbau einer Sammlung zeitgenössischer Kunst und Architektur. Da jedoch auch hier der Staat dahinter steht, gibt es eine große Einheitlichkeit, keine Experimente. Die Sammler in Frankreich – wir sind ja zahlreich – haben immer nur im Privaten gesammelt; das gehört auch zur französischen Tradition. Ich habe jahrzehntelang niemanden bei mir reingelassen. Idiotisch, aber das war so.
Anne Haun: Können Sie sich vorstellen, Ihre Sammlung dauerhaft in Berlin zu zeigen?
Jean Mairet: Wenn ich kann, würde ich sehr gerne weitere Künstler in Berlin präsentieren, so wie ich es jetzt mit Vincent Corpet, Maike Freess, Gilles Barbier und Chan Kai-Yuen tue. Die Teilnahme an „Art France Berlin“ gibt dieser ersten Vorstellung eine tolle Sichtbarkeit.