Die Sammlung Fishman bei Karl & Faber in München

Überfälliges Reifezeugnis

Stefan Kobel
28. September 2010

Immer noch ist in Deutschland eine ganze Generation von Künstlern so gut wie verschollen. Das Paradoxe: Man weiß sehr wohl von ihr, sie wird sogar so genannt, und trotzdem oder vielleicht auch deswegen bleibt sie in den Institutionen unsichtbar. Es geht um die Künstler der Zwischenkriegszeit, um die Vertreter der Neuen Sachlichkeit und des figürlichen, mitunter sehr politischen Expressionismus. Christian Schad, George Grosz, Otto Dix oder auch Max Beckmann sind die Namen jener Zeit, die jeder kennt. Sie stehen für die Kunst der Weimarer Republik, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs die Lebenswirklichkeit in die Malerei zurückholte. Nach der Abstraktion und einem Expressionismus, der dem Weltgeist in visualisierten Klängen und bunten Pferden nachspürte, wandte jene Generation den Blick wieder auf die Straße, auf der sich Erschreckendes, Grausames, Bewegendes, vor allem aber Vitales abspielte.

Während der Nazi-Zeit war diese Art von Realismus verpönt und galt als entartet. Und nach dem Krieg konnten sich deutsche Künstler und der Publikumsgeschmack gar nicht schnell genug wieder in die Abstraktion stürzen – auf der Suche nach einer universellen ästhetischen Sprache. Vor allem erinnern wollte man sich nicht, weder an die unmittelbare Vergangenheit noch an die bewegte Epoche, die ihr vorausgegangen war. So wurde aus den kritischen Künstlern der Weimarer Republik und des Dritten Reichs die Verschollene Generation. Übrig blieb nur die Handvoll Künstler, die auch international Erfolg hatte – sowohl am Markt wie im Museum.

Der Rest blieb weitgehend unbekannt. Das ist zum Teil bis heute so. Dafür sind vor allem die Institutionen verantwortlich. Sie haben es sträflich versäumt, die Lücken in ihren Beständen zu füllen. Bis vor Kurzem waren es fast ausschließlich Privatsammler, die sich des Themas annahmen. Besonders hervorgetan hat sich dabei das Ehepaar Marvin und Janet Fishman aus Milwaukee. Und die Geschichte, wie ausgerechnet ein jüdisches Paar aus den USA, noch dazu ohne künstlerische Vorbelastung, zur wohl wichtigsten Kunstsammlung der deutschen Zwischenkriegszeit kam, sagt einiges über die Versäumnisse hierzulande aus.

Dem Kunstkritiker der heimischen Lokalzeitung hatte der Immobilienhändler Marvin Fishman in den frühen 1990er-Jahren erzählt, dass er und seine Frau bei anderen Sammlern deutsche Kunst an den Wänden gesehen hätten. „Da haben wir beschlossen, nach New York zu fahren und Kunst zu shoppen.“ Das war in den frühen 1960er-Jahren. Nach einer aufsehenerregenden Ausstellung, die von Milwaukee aus durch die Welt tourte – auch durch Deutschland – wurden die Fishmans mit zu den wichtigsten internationalen Kunstsammlern gezählt. Ein Teil der Werke wurde dann im Jahr 2000 bei Sotheby's in London verkauft. Trotzdem wurde die Sammlung auch danach noch um das eine oder andere Stück stimmig ergänzt.

Jetzt, nach dem Tod Marvin Fishmans im Oktober letzten Jahres, wird die Sammlung aufgelöst. Und endlich gilt Deutschland als reif für diese Kunst. Denn die Erben haben sich entschieden, ein deutsches Auktionshaus mit der Verwertung zu betrauen: Karl & Faber in München. Das hat nach dessen Angaben weder sentimentale noch pädagogische Gründe, sondern kaufmännische. Mittlerweile hätten nämlich auch hiesige Sammler jene Epoche für sich entdeckt. Und deutsche Institutionen seien inzwischen ebenfalls aus ihrem Dornröschenschlaf aufgewacht. Es ist auch allerhöchste Zeit, dass sie wachgeküsst wurden.


Auktions-Spotlight September/Oktober 2010 von Stefan Kobel
Die Tafel der Auktionshäuser ist im Herbst reich gedeckt: von Kippenberger’schem Trockenhumor bis hin zu saftig-barocken Bacchanten.


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