Die Sammlung „Devotoart” in den Kunstsaelen, Berlin

Die Hand an der Wiege

Gesine Borcherdt
13. Januar 2012

„SEVEN“ mit Özlem Altin, André Butzer, Andy Hope 1930, Franka Kaßner, Jonathan Meese, Thomas Schroeren und Thomas Zipp (Sammlung DEVOTOART) – Kunstsaele, Berlin. Vom 21. Dezember 2011 bis 21. Januar 2012

Seltsam, dass es so etwas wie die Kunstsaele noch nicht früher gab. Dabei liegt das Konzept auf der Hand. Seit 2010 zeigen zwei Privatsammler hier Wechselausstellungen. Und noch immer weiß nicht jeder davon, obwohl der Showroom in einer Altbauwohnung direkt an der Bülowstraße liegt, zwischen S-Bahn-Brausen und Straßenstrich – mitten im Galerieviertel um die Potsdamer Straße.

Zusammengefunden haben hier der Düsseldorfer Arzt Stephan Oehmen und Geraldine Michalke aus Halle. Beide suchten unabhängig voneinander nach einer Gelegenheit, Teile ihrer Sammlungen zu zeigen. „Der Künstler Michael Müller stellte einen Kontakt zwischen uns her und schlug uns die Räume vor – in die dann auch die Galerie Aanant & Zoo und die Kuratorin Ellen Blumenstein mit ihrem Salon Populaire einzogen. So kommen völlig verschiedene Netzwerke zusammen“, erklärt Oehmen, der ursprünglich mit drei weiteren Sammlern ein Museum im Rheinland gründen wollte – was scheiterte.

Hier hat nun jede Partei ein bis drei Zimmer, doch bei der Größe der Wohnung reicht das völlig aus, zumal sich die beiden Sammler mit den Kunstsaelen eher auf Malerei konzentrieren. Zwar heißt das nicht, dass nichts anderes gezeigt wird. Doch Oehmen, der seit Ende der Achtzigerjahre Kunst kauft, kann ein großes Konvolut von Dieter Krieg vorweisen, sowie viele jüngere und ganz junge Künstler, darunter Johannes Hüppi, Andreas Schulze, Gert und Uwe Tobias, Friedrich Kunath und Tim Berresheim. Michalke, deren Sammlung unter dem Namen Bergmeier firmiert, hat sich mit Emil Schumacher, Gerhard Hoehme und K.O. Götz einerseits dem deutschen Informel verschrieben, andererseits geht es bis in die Neunziger hinein, unter anderem mit Marcel Dzama und Michael Müller. Einmal im Jahr darf ein Gastsammler die Räume bespielen. „Das holt wieder ein anderes Publikum herein“, erklärt Oehmen.

Und so kommt Berlin derzeit in den Genuss einer hervorragenden Schau von sieben Künstlern, hinter der die Sammlung „Devotoart“ eines weiteren Mediziners aus dem Rheinland steckt. Der Name ist Programm: Wer dem dunklen Duktus zugetan ist, der André Butzer, Thomas Zipp, Andy Hope 1930 und den frühen, trashig-installativen Jonathan Meese verbindet, und in Eigenregie einen Bogen schlägt zu den unbekannteren, aber im Tenor ähnlich mystisch agierenden Künstlern Franka Kaßner, Thomas Schroeren und Özlem Altin, der kauft Kunst mit einer klar kanalisierten Hingabe ans Romantisch-Expressive. Dass den jüngeren Künstlern deutlich mehr Platz eingeräumt wird, spricht für die Mission des Sammlers, ihnen in prominentem Umfeld zu mehr Aufmerksamkeit zu verhelfen.

Vor allem Franka Kaßner sticht dabei heraus. Ihr Sachsenwald ist ein riesiger Schrank aus Deutscher Eiche, in dem ein Kinderkleidchen über der Stange hängt, als hätte man es übers Knie gelegt – auf dem Rücken des Möbels ist in Schelllacktechnik Caspar David Friedrichs Kreidefelsen abgebildet. Die gelernte Holzbildhauerin, die später an der Münchener Akademie bei Olaf Metzel studierte, inszeniert hier ein surrealistisch aufgeladenes Stillleben, das urdeutschen Träumen und Traumata den Puls fühlt. Die spießige, beklemmende Atmosphäre, die in den Raum abstrahlt, kommt nicht von ungefähr: Kaßners Themen sind Totalitarismus und Überwachung, wobei auch ihre ostdeutsche Heimat eine Rolle spielt. Dass ihre Bildsprache auf klassisch komponierte Schönheit setzt statt auf altkluge Belehrung, macht die Qualität dieser Arbeit aus.

Auch Meeses schmuddelige Psycho-Installation mit altem Gitterbett, Kinderpuppen und wilder Malerei führt direkt in die Abgründe hinter der Großhirnrinde. Der Titel lässt den Revolutionär Louis Antoine de Saint-Just wieder aufleben, dessen sozialistischer Fundamentalismus ihn schließlich zum Schafott führte, ebenso wie Balthus‘ Bilder von hysterischen Lolitas und Holden Caulfields kleine Schwester Phoebe – all das klebt nun wie ein gespenstischer Firnis auf den Fundstücken. Im Zusammenspiel mit den naiv anmutenden Malereien von Andy Hopes Comic-Unterwelt, André Butzers kulleräugigem Outsider und Thomas Schroerens Familienaufstellung aus bunten Bauklötzen wirkt das Ganze wie ein Kinderzimmer, in dem alle Nerven blank liegen. Dazu passen auch Schroerens bunt-schematisierte Figuren – als Ölbild und hinterrücks beleuchtete Collage – die an Bilderbücher oder Puzzlespiele erinnern. Allerdings sind sie so überzeichnet, dass die harmlose Welt ins Dämonische kippt.

Das Unheimliche beschwören auch Özlem Altins Collagen, in denen sie Vintage-Fotos von afrikanischen Ureinwohnern, Affenköpfen und einer opulent kostümierten Frauengestalt in schwarze Schlagschatten hüllt. Von hier aus lässt sich eine direkte Linie ziehen zu Thomas Zipps Fotoportrait eines Sexualforschers, dem eine Zipp-typische schwarze Sprechblase entströmt. Gepaart mit dem Ölbild eines Baums in apokalyptischer Landschaft, kondensiert darin der archaische Geist der Ausstellung – der sich, ginge es hier nicht um mehr, fast so anfühlt, als sei er „Rosemarys Baby“ und H.P. Lovecrafts Horrorstorys entstiegen. In diesem Sinne steht der Titel „SEVEN“ wohl nicht nur für die Zahl der Künstler, sondern auch für die sieben Todsünden. Doch eines dürfte klar sein: Exorzismus ist hier sinnlos.


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