Die „Remusealisierung“ der documenta 12

Spitzlichter aus der Frühgeschichte

Daniel Kletke
3. August 2007
Mit den vier zentralen Schauplätzen der diesjährigen documenta stellen Roger M. Buergel und Ruth Noack vier denkbar unterschiedlich gestaltete Raumhüllen vor, mittels derer sie einen weiten inszenatorischen Bogen spannen. Die documenta-Halle eignet sich aufgrund der in weiten Teilen offen belassenen Verglasung mit dem dadurch eindringenden Außenlicht nur ganz bedingt für eine inszenatorische Auratisierung wie sie die alten Gebäude mit einem Kunstlichtprogramm dominiert. Auch im technoiden Aue-Pavillon ist wegen des weitgehenden Verzichts auf architektonische Gliederungselemente die atmosphärische Regie eine vergleichsweise strukturlose Angelegenheit. Im Fall von Fridericianum und Neuer Galerie aber werden traditionelle Museumsbauten rückblickend-feierlich bespielt. Seither ist in Kritiken zuweilen von einer „Musealisierung“ der Ausstellung die Rede. Dabei bleibt meist unklar, welche Art Museum hier eigentlich ins Leben zurückgerufen werden soll.

Wer das Fridericianum oder die Neue Galerie betritt, kann an diesen Orten tatsächlich eine auffällige Inszenierungstechnik beobachten, die an klassische, alte Ausstellungshäuser denken lässt. Das liegt kaum an der Kunst allein, denn zahlreiche Künstlerinnen und Künstler begegnen uns immer mal wieder während des Rundgangs auch in anderen Häusern. Was uns nur hier begegnet und massiv zur (Ein)-Stimmung beiträgt, sind die in satten Farben getünchten Wände und die in verschwenderischer Menge vor die Fenster drapierten Stoffbahnen, besonders im Erdgeschoss des Fridericianums. Die als zusammenhängender Durchgang aufeinander folgende Zimmerflucht bekommt dadurch etwas Höhlenhaftes.

Vergleichbar farbige Wände waren im Zusammenhang mit zeitgenössischer Kunst über Jahrzehnte ebenso tabu wie es goldene Rahmen oder eben Gardinen in Ausstellungsräumen waren. Der Historismus kannte dies freilich, ebenso wie die historischen Kreationen eines Wilhelm von Bode auf der Berliner Museumsinsel und die in etwa zeitgleichen historisierenden Raumfluchten im Bayerischen Nationalmuseum in München. Das ist aber lange – mindestens einhundert Jahre – her. Satte Wandfarben gab es übrigens auch in der Südseeabteilung des von Fritz Bornemann entworfenen Berliner Völkerkundemuseums in Dahlem, erbaut in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts und dezidiert nicht als Kunstmuseum konzipiert.

Wenn man sich dann noch über die sehr effektvolle, auf Drama und Spannung (fast im Sinne von Suspense im Kino) setzende Lichtregie in diesem documenta-Ambiente klar wird, so kommt man prompt zu einem Schlüssel dieser Regie. Über lange Zeit war die Beleuchtung zeitgenössischer Kunst „demokratisch“: Mittels nicht allzu auffälliger Lichtquellen (am beliebtesten waren ja die kaum sichtbaren Leuchtkörper) wurde ein Raum möglichst gleichmäßig und eben gerne auch gleißend hell ausgeleuchtet. Eine Didaktik, die darin bestand, punktuelles Hell und dadurch Drama, Bedeutung, Wichtigkeit, aber eben auch eine dezidierte Bewertung an das Publikum zu bringen, war eigentlich verpönt.

Buergel und Noack rekurrieren auch in diesem Punkt auf alte Vorbilder, verfügen aber über moderne Lichttechnik und müssen nicht mehr – wie Mitte der 1930er Jahre noch James J. Rorimer – Löcher in die historischen Holzdecken von „The Cloisters“ (Dependance für europäische Mittelalterkunst des New Yorker Metropolitan Museums) bohren, um eine frühgotische Muttergottes aus der Ile de France (1350) mit Spotlight dramatisch zu beleuchten. Aber eben auch zu deuten, zu bewerten, zu beurteilen. Und ihr eine Aura zu geben.

Solche jetzt in Kassel eingesetzten Details sind in dem hier sonst anzutreffenden Kontext neu. Sie sind gewiss feierlich und entbehren nicht einer grundsätzlichen Pathosformel. Während die allerorten anzutreffenden Sitzmöbel noch mehr Atmosphärisches evozieren und sympathisch sind, weil das Publikum animiert wird zu verweilen, zu denken, zu parlieren, sich zu entspannen oder zu meditieren, spricht ja gar nichts gegen ein recht traditionelles Museumsambiente. Thomas Wagner führte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in diesem Kontext den Terminus der „Remusealisierung“ ein. Er benennt einen rückwärts gerichteten Ansatz, der sich aber nicht zufällig anders gibt als seine Vorgänger am selben Ort. Und man sollte nicht vergessen, dass die historisch-historisierenden Installationen aus Museen für zeitgenössische Kunst verbannt wurden, weil das inszenierte Licht-Drama, die atmosphärischen Draperien, nicht nur als unwillkommene Retroelemente, sondern auch als unerwünschte Didaktik in Form von erhobenen Zeigefingern abgelehnt wurden. Dabei stand nicht länger der unreflektierte Genuss im Mittelpunkt, sondern eine gut ausgeleuchtete Diskursebene wurde geschaffen, auf der das Publikum im besten Fall durch einsichtsreiche, kurze Informationstexte zum Nachdenken animiert wurde.

Genau an diesem Punkt aber verweigert die documenta 12 den sonst so bezeichneten „demokratischen“ Ansatz. Insbesondere im Fridericianum wird durch Textil- und Lichtregie eine feierlich-warme Aura produziert, in welcher kraft sehr dezidiert gesetzter Lichtpunkte auch eine Rezeptionsebene evoziert wird, in der fast schon eine (emotionalisierte) Interpretation mitgeliefert wird. Das kann man „Remusealisierung“ nennen, das kann einem gefallen – muss es aber nicht. Das ist an diesem Ort ganz sicher ein rückwärts gewendeter Blick, der als eine Markierung auf dem weit gespannten Bogen zumindest zu derjenigen Strukturierung führt, die auch jemand wie Franz von Lenbach sich vorgestellt haben mag, wenn er in seinen gefühlig-farbigen Räumen mit üppiger Textilstaffage in München Hof hielt – heute noch nachzusehen im historischen Teil des Lenbach-Hauses.

Anders gesagt: Wenn die „Musealisierung“ ein Gegenentwurf zur demokratisierenden zeitgenössischen Kunstpräsentation und ihren Diskursmarkierungen sein soll, hätte die documenta 12 auch eine entsprechende Lösung für die damit notwendig wertende Neubewertung der Vermittlung systematisieren sollen. Und wenn es überhaupt um eine systematische Neubewertung kuratorischer Präsentationsformen geht, wären die documenta-Macher noch eine Antwort darauf schuldig, warum im Aue-Pavillon alles ganz anders ausschaut. Dort begegnen uns wesentlich bekanntere Lichtdosierungen und Stoffgardinen gibt es auch nicht.

Mehr im Dossier  documenta 12

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