Die Nebenmessen der Art Basel Miami Beach im Überlebenskampf

Satelliten-Darwinismus

Stefan Kobel
5. Dezember 2009
Der Riesentanker Art Basel Miami Beach mag schwer zu manövrieren sein, untergehen wird er vorerst nicht. Anders ist das bei den Satellitenmessen, von denen eine ganze Reihe bereits unter dem Druck der wirtschaftlichen Krise aufgegeben hatte. Hier stellt sich inzwischen auch für die verbliebenen Nebenmessen die Sinnfrage neu. Der Wettlauf um Aussteller- und Sammlergunst hat sich bis zuletzt deutlich verschärft, und die Spreu trennt sich unübersehbar vom Weizen. Jedem ist inzwischen klar, dass nur wenige Miami-Messen überleben werden, und diese Frage wird auch an den Messeständen diskutiert.

Die Red Dot Art Fair etwa wird wohl nicht zu den Überlebenden gehören. Das Niveau des Nachzüglers ist zwar mittlerweile weniger schwankend, allerdings hat man sich hier auf dem niedrigsten getroffen. Was an den Ständen angeboten wird, nimmt am internationalen Kunstdiskurs gar nicht teil. Die einzige Chance der Veranstaltung wäre wohl, dass gerade hierin ihre spezielle Nische bestünde und sie inzwischen ein Publikum gefunden hätte, das seine schlichte Freude an buntem Wandschmuck befriedigt findet.

Allerdings gilt dieses Schicksal nicht nur für die kleinsten Satelliten der großen Art Basel Miami Beach. Auch der Scope, einst mit größeren Hoffnungen angetreten, gelingt es trotz weltweiter Spielstätten nicht, in Florida ein zumindest halbwegs interessantes Ausstellerkontingent an sich zu binden. Noch vor Kurzem fanden sich spannende europäische Konzeptgalerien unter den Ausstellern, und noch immer zeugen der Publikumsandrang und die hohen Eintrittspreise vom Ruhm der Vergangenheit. Inzwischen können aber auch die großen Gesten nicht mehr über die Belanglosigkeit hinwegtäuschen, die an den Ständen variiert wird. Das Zelt ist voll mit Ausstellern und Publikum, die Kasse des Veranstalters vermutlich auch. Verkauft wird hier aber eine Halbwelt aus Seichtigkeit, ungenierten stilistischen Anleihen bei der Kunstgeschichte und einigen seltenen interessanten Arbeiten. Die angeschlossene Art Asia macht es nicht besser, sondern verschärft dieses Bild. Eine Messe wie die kleine Photo Miami mit ihren 24 Ausstellern mag dank ihrer Spezialsierung eine andere Berechtigung haben. Sie profitiert – wie die Traditionsmesse Art Miami – von ihrer frühen Öffnungszeit vor der Muttermesse, da viele Sammler spätestens am Freitag abreisen, also nur einen Tag nach Eröffnung der meisten Satelliten. Insgesamt aber suchen die Satelliten nach dem richtigen Maß: qualitativ und im Verhältnis zur gewachsenen Größe der Hauptmesse. Nur wer sich zum lohnenden Gegenangebot zu dieser Größe entwickelt, hat künftig eine Chance.

Dem Entdeckergeist ist deshalb besser mit einer Tour durch den heruntergekommenen Warehouse District gedient, wo kleinere Guerilla-Schauen in Garagen, Lagerhallen und leerstehenden Gebäuden abgehalten werden. Die Galerien Pierogi (Leipzig/Brooklyn), Hales (London) und Ronald Feldman Fine Arts (New York) etwa veranstalten ihre gemeinsame Ausstellung jetzt schon im vierten Jahr und verzeichnen nach eigenem Bekunden durch Mund-zu-Mund-Propaganda von Mal zu Mal größeren Zuspruch, auch wenn die kuratorische Stringenz der letzten Schau trotz bestechender Einzelarbeiten nicht mehr eingeholt wird. Rundum ist hier ein Alternativmodell zur Großmesse entstanden. Galerien schaffen sich eigene Räume und Kontexte und sprechen ein Publikum an, das gezielt eingeladen wird und sich ganz bewusst dem Galerieprogramm nähert. In diesem Rahmen kann man auch schwierige Positionen aus dem heimischen Galerieportfolio ausbreiten, für Hoffnungsträger werben und Beziehungen zwischen Werken und Künstlern stiften. Ganz sicher sind sich die Veranstalter deshalb auch, was sie nicht sein wollen: „Wir wollen keine Messe werden“, heißt es unter den Organisatoren. Weitere Galerien sollen deshalb nicht eingeladen werden. Man will nicht zum Gemischtwarenladen werden.

Denn wer sein Angebot besonders breit ausstellt, muss sich zumindest qualitativ klar positionieren. Das ist die Domäne der NADA, die stark auf Nachwuchs mit preiswerter Ware setzt. Dort ist ein gemischer Erfolg zu erkennen. Einige Galeristen, die international auch an höher angesiedelten Messen teilnehmen, haben sich bewusst für diesen Satelliten entschieden. Zu ihnen gehört Christian Lethert aus Köln, der mit Jorinde Voigt (von der eine Zeichnung ans MoMA-Board ging) und Imi Knoebel allerdings nicht nur Günstiges anbietet. Rupert Pfab aus Düsseldorf ist mit einer Einzelpräsentation von Sandra Vasquez de la Horra angetreten, von der er in den ersten zwei Stunden schon drei Werke vermitteln konnte, an prominente amerikanische Sammler. Eleven Rivington, eine junge New Yorker Galerie, hinter der Greenberg van Doren steht, hat nach Angaben ihres Inhabers Agosto Arbizo in der gleichen Zeit schon den halben Stand verkauft. Zum Reiz der NADA meint er: „Das Schönste am Sammeln sind die Entdeckungen. Hier sieht man einfach lauter neue Dinge, anders als auf der Hauptmesse.“ Zudem beginnen die Preise schon auf Taschengeldniveau. 250 US-Dollar kosten bei der Non-Profit-Galerie White Columns die Xerox-Editions in einer 50er-Auflage, aktuell collagierte Farbkopien von Rita Ackermann. Kleinformatige Gemälde sind für 750 US-Dollar zu haben. Für Matthew Higgs funktioniert die Plattform hervorragend: „Wir sind hier seit fünf Jahren und haben in der Zeit zehn unserer Künstler an gute Galerien vermittelt.“ Der Deutsche Thomas Erben, der schon länger eine Galerie in New York betreibt, hat seit einigen Jahren nicht mehr an Messen teilgenommen und ist jetzt hier, „weil die Auswahl am stringentesten erscheint.“ Ausgerechnet mit der Wahl der Location hat die NADA jedoch nicht das glücklichste Händchen bewiesen. Zwar bietet das Deauville Hotel mit seinem Großformatplüschambiente, dem Pool direkt neben der Kunst und dem Strandzugang das passende Setting für eine hippe Youngster-Messe. Und seit dem Umzug hierhin ist sie auch der letzte verbliebene Satellit in Miami Beach. Doch die Lage in North Beach ist abgelegen, der Standort bietet keine Wachstumsmöglichkeiten, und das Ambiente wirkt etwas improvisiert.

Vielleicht hätte man also den allseits beliebten Ice Palace an der Grenze zwischen Downtown Miami und Warehouse District nicht an die Pulse abgeben sollen, die hier eine ausgesprochen gute Figur macht. Auch auf dieser Messe ist Einiges zu sehen, das Rätsel über die anvisierte Kundschaft aufgibt. Die Mischung ist insgesamt jedoch ausgewogen, sowohl inhaltlich als auch geografisch. Das wird von Sammlern durchaus geschätzt. Stefan Röpke aus Köln, von Anfang an dabei, weiß vom Eröffnungstag zu berichten, dass es ab 10 Uhr gut besucht gewesen sei, unter anderem von allen wichtigen einheimischen Sammlern. Das heißt jedoch nicht, dass den Ausstellern die Kunst von den Wänden gerissen wird. Am Stand der Galerie Römerapotheke ist kein einziger roter Punkt zu sehen. „Die klebe ich erst ab fünf oder sechs Stück“, erklärt Philippe Rey. Sonst sehe es so leer aus. Patrick Heide aus London bestätigt, dass die Sammler zahlreich erschienen, aber „eher vorsichtig“ seien. „Aber ich kann mir vorstellen, dass sie wiederkommen.“ An den Ständen reihum sind aber durchaus Entdeckungen zu machen. Nicht wenige Arbeiten haben sich in Europa bereits in hochkarätigen Ausstellungen bewährt. Auf keiner anderen Messe hätte es der amerikanische Sammler leichter, aufregende, aber bereits gut etablierte europäische Positionen kennenzulernen. Nicht alle, aber viele Galerien unterstützen diese Programmatik durch eher mutige Standpräsentationen. Zu den Gründen, warum unter Messegängern durchweg die Pulse an erster oder zweiter Stelle genannt wird, erklärt Direktorin Helen Allen: „Wir waren einer der ersten Satelliten hier. Wir haben eine Geschichte und treue Kunden auf beiden Seiten.“ Der Konsolidierung in ihrem Metier sieht sie gelassen entgegen: „Ich glaube, dass nur die Messen mit einer starken Identität überleben werden.“ Das wäre wirklich ein Segen.

Red Dot Art Fair, Wynwood Art District. Vom 2. bis 6. Dezember 2009
Scope Miami, Soho Studios Miami. Vom 2. bis 6. Dezember 2009
Asian Art Fair, Soho Studios Miami. Vom 2. bis 6. Dezember 2009
Photo Miami, Wynwood Art District. Vom 1. bis 6. Dezember 2009
NADA, The Deauville Beach Resort. Vom 3. bis 6. Dezember 2009
Pulse, The Ice Palace. Vom 3. bis 6. Dezember 2009


Mehr im Dossier  Art Basel Miami Beach 2009

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