Die Moskauer Sputnik Art Fair und der russische Kunstmarkt

Prada, Gucci und die Schnäppchenkunst

Valentin Diaconov
30. Dezember 2009
Wie muss man sich den Kunstmarkt vorstellen? In Russland ist so etwas eine philosophische Frage, und so gesehen muss man auch mit Antworten von Atheisten, Agnostikern und Gläubigen rechnen. Manche sagen, dass es in Russland überhaupt keinen Kunstmarkt gibt. Zumindest nicht im Bereich der Nachkriegskunst. Tatsächlich stehen die Sammler hier wahrlich nicht Schlange, um herausragende Werke zu erwerben. Es gilt schon als Erfolg, wenn ein Werk überhaupt einen Sammler findet. Und jeder Kunsthändler, der mehr als zehn Jahre im Geschäft ist, kennt sowieso jeden Sammler persönlich und hat eine sehr klare Vorstellung davon, wo er seine Künstler platzieren kann. Deshalb gehen die meisten auch auf Nummer sicher und zeigen Werke, die dem erfolgversprechenden Geschmack entsprechen. Experimentelles findet sich kaum, nichtkommerzielle Institutionen gibt es gar nicht. Eine optimistischere Auffassung meint dessen ungeachtet aber, dass der Kunstmarkt zur Zeit der hohen Ölpreise in Erscheinung getreten sei. Als dann die Rezession kam, wurde nicht allein dieser Markt wieder ausgebremst. Zwischen diesen Schulmeinungen stehen die Agnostiker. Sie sagen, solange ein Kunstwerk einen Preis habe, existiere auch ein Markt. Im Grunde aber gibt es in Russland nur für eine Handvoll Auserwählter einen Markt, für zwanzig, vielleicht dreißig Künstler, deren Handel über fünf, maximal zehn Galerien läuft. Das Interesse an diesen Künstlern und Galerien hat auch während der Rezession kaum nachgelassen. Demnach wären sie der Markt.

Vor diesem Hintergrund lässt sich schwer abschätzen, welche Auswirkungen die Rezession in Russland wirklich haben wird. Nie dringen verlässliche Informationen nach außen. Die Steuerfahndung ist der ärgste Feind des Händlers. Die meisten Geschäfte werden bar abgewickelt. Ohnehin wird hier nicht mit Verkäufen geprahlt. Und so waren auch die „guten“ Jahre offiziell nicht so toll, und als die Rezession das Land mit voller Wucht traf, waren die Galerien vorbereitet. „Erinnern Sie sich noch an die 90er?“, fragte ein erregter Galerist einst in kleiner Runde. „Wenn wir es durch diese Zeit geschafft haben, kann uns die Krise erst recht nicht kümmern!“ Eine solche Aussage muss man allerdings im Kontext sehen. Noch 2002 äußerte sich ein erfolgreicher Kunsthändler wie folgt: „Endlich geht es uns gut, weil wir jetzt Hochkarätiges verkaufen. Vor ein paar Jahren noch haben wir von Gutachten, Beratungstätigkeiten und Secondary Market-Deals gelebt – Ivan Aivazovsky-Gemälde aus dem 19. Jahrhundert zum Beispiel.“

Ein sicheres Indiz dafür, dass die Zeiten schlecht sind, ist ironischerweise das Aufkommen von „Graswurzel-Verkäufen“. Dieses Jahr fand der allererste Messe-Satellit zur Art Moscow statt, die Universam, und dies mit enormem Erfolg. Es war eine Messe von Künstlern für Künstler, auf der weniger bekannte Namen, aber auch wahrhaft obskure Talente, ihre Werke anboten – zu Preisen, die selten über 1.500 Euro lagen. Die Strategie ging auf. Hier konnte sich wirklich jeder Kunstinteressierte eine Arbeit mitnehmen, selbst die chronisch Unterbezahlten unter den Kunstinteressierten, und darunter im Speziellen die Kunstkritiker (auch wenn der Autor dieses Textes dann doch lieber auf den Winterurlaub gespart hat). Dennoch gab es auf der Universam so gut wie kein Laufpublikum: Es war die Zeit der Biennale, die Sammler waren in Hochstimmung und geradezu selig, so viele Schnäppchen machen zu können. Nun aber, wenige Tage vor den landesweiten Neujahrsfestlichkeiten, etabliert sich eine neue Initiative, die das Publikum mit eher dünner Geldbörse im Blick hat: die Sputnik Art Fair, die vom 21. bis zum 27. Dezember dauerte und im Tsum stattfand, einer Edel-Kaufhauspassage für die ganz Reichen.

Dabei ist das Tsum selbst so etwas wie eine kulturelle Institution. Das Nobelgeschäft führt Designer wie Prada oder McQueen und ist damit zu einem Symbol für Glamour und Luxus geworden. Auf Moskaus Straßen sieht man viele Mädchen, die eine Tüte des Tsum wie ein Accessoire mit sich herumtragen und damit suggerieren wollen, sie würden dort einkaufen. Das Tsum gehört zur Mercury Group, einem Importeur von Luxusmarken und seit gut einem Jahr Eigner von Phillips de Pury. Der Besitzer von Mercury, Leonid Fridlyand, ist selbst Sammler und wird regelmäßig auf internationalen Kunstmessen gesehen. Während der zweiten Moskauer Biennale im Jahr 2007 fand im Tsum eine Ausstellung amerikanischer Videokunst statt, die von Daniel Birnbaum und Hans Ulrich Obrist kuratiert wurde. Während der diesjährigen Biennale veranstaltete der Künstler-Kurator Oleg Kulik hier ein Projekt. Und nun zielt die Kunstmesse wohl auf die Stammkunden des Tsum, die Geschenke zu Weihnachten oder Neujahr suchen. Wenn die Reichen nicht zur Messe kommen, kommt die Messe eben zu ihnen. Außerdem reichen die Preise für Kunst hier lediglich von 200 bis 5.000 Euro, während das gängige Mode-Sortiment im Tsum, vor allem Designer-Stücke, oft deutlich teurer ist.

Die Sputnik wollte Künstler zeigen, die sonst keine Chance haben, in den Inner Circle zu dringen. Organisiert wurde die Messe von Christina Steinbrecher, die halb-deutscher, halb-russischer Abstammung ist und als Logistikexpertin in der Moskauer Filiale von Volker Diehl gearbeitet hatte. Sie lud alle ein – Galerien, Künstler, Händler, Kuratoren. Am Ende wurde die Ausstellungsfläche mit Werken von etwa 30 überwiegend jungen Künstlern und/oder Künstlern ohne Galerierepräsentanz bespielt. Die wenigen Berühmten machten zum Spaß mit, nicht wegen des Geldes. Der Maler Gosha Ostretsov beispielsweise, der mit zwei renommierten Moskauer Galerien zusammenarbeitet, meinte, dass selbst diese Galerien seine Kariere nicht wirklich vorantreiben können. „Die Macherinnen hinter der Sputnik sind nett, also bin ich dabei“, so Ostretsov. So waren bei der Eröffnung die Stände aus Spanplatten, entworfen von einem Künstler der MishMash-Gruppe, mit Werken gefüllt. Eine nachvollziehbare Strategie oder Ausstellungslogik suchte man vergeblich. Auf einer improvisierten Bühne spielte sich eine Post-Rock-Band die Seele aus dem Leib. „Sieht es hier nicht aus wie auf einer Ausstellung im Berliner Untergrund?“, fragte Christina Steinbrecher. Das tat es und zog auch gleich Kritik nach sich. Zeigt uns die Werke, hieß es von Seiten der Kunstbetriebler unisono, und zwar so, dass wir sie sehen können. Zur Hölle mit Konzept und Atmosphäre!

Die Ausstellungsfläche war der Messe von Mercury kostenlos zur Verfügung gestellt worden, und so umgab ein Hauch von Nichtkommerzialität die Veranstaltung. Es war die klassische Win-Win-Situation: Svetlana Marich, die Repräsentantin von Mercury, sagte zwar, die Messe sei eine Geste guten Willens und Mercury hätte nicht vor, daraus Kapital zu schlagen und entsprechend eine Beteiligung am Umsatz abgelehnt. Dennoch engagierte sie sich auf der Messe wie wahnsinnig und führte unermüdlich Kunden von Mercury und Phillips de Pury herum. Selbst wenn man auf Laufkundschaft abzielt, in der zeitgenössischen Kunstszene zählt am Ende doch, wen man kennt.

Im Vorfeld der Sputnik Art hörte man allerdings auch, dass einige Händler ausgesprochen verärgert über die Messe waren, weil sie direkt mit den Künstlern arbeitete. Dem widersprach Christina Steinbrecher und wies darauf hin, dass einige Galeristen ihre Künstler sogar zur Teilnahme ermutigt hätten. Man kann sich aber vorstellen, warum Galeristen diese Messe nicht behagt: Erstens werden die Geschäfte hier direkt mit den Künstlern ausgehandelt und die Preise unter den Arbeiten ausgehängt, worin viele einen gefährlichen Präzedenzfall sehen. Glücklicherweise waren die meisten Schilder kaum leserlich. Zweitens verlangt die Messe im Falle eines Verkaufs nur 25%, die Hälfte der üblichen Galeriekommission. Für die Künstler ist dies natürlich im Erfolgsfall ein gutes Modell.

Allerdings ist dieser Erfolg bislang keineswegs ausgemacht. Natürlich sind auch kleine Umsätze besser als nichts, besonders für die Künstler, die sonst keinerlei Repräsentation haben. Allerdings war der Zeitpunkt schlecht gewählt: Bei Tsum war Schlussverkauf, und da sind die Kunden nicht in Stimmung für Kunst. Oder vielleicht lautet die Lektion für Russland und darüber hinaus auch einfach, dass man Kunst nicht wie Modeaccessoires vermarkten kann – der Kunstmarkt kennt keine Laufkundschaft, und Spontankäufe sind meistens einmaliger Natur. Sammler sind Getriebene, sie wollen ihr Geld für Kunst ausgeben. Deshalb geht es den Galerien auch noch so gut: Sie wissen genau, wer angefixt ist, und die Zahl der Abhängigen wird sich in nächster Zukunft wohl nicht drastisch erhöhen. Noch ist es zu früh für ein abschließendes Urteil über die Sputnik Art, zu früh um zu sagen, ob es dieser Messe gelingen wird, sich ein Publikum „heranzuziehen“ oder ob sie nicht bloß eine Gelegenheit zum günstigen Kunsterwerb bleibt.



Die Lenin-Diät von Valentin Diaconov
Hin und Her auf dem russischen Kunstmarkt: Die Art Moscow schrumpft, obwohl sie dieses Jahr mit einem soliden Ergebnis endete.


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