14. August 2010
Der Begriff der Zombie-Bank ist relativ neu. Gemeint sind damit Geldinstitute, die von anderen Geldinstituten eigens gegründet werden, um „toxische Wertpapiere“ aufzunehmen. Papiere also, deren drastischer Wertverlust die Liquidität ihrer Besitzer wie im Fieber aufzehrt, oder die so undurchschaubar kompliziert gestaltet sind, dass sie lebensgefährliche Risiken wie Krankheitskeime in die Bücher der Bank übertragen. Mit burschikosem Humor hat der Markt die neuen Entsorgungsstätten für die alten Giftanlagen „Bad Banks“ genannt. Dabei sind die Zombie-Institute eigentlich gar keine Banken, sondern bloß Zwischen- und Endlager für die Bilanzrisiken ihrer Mutterhäuser. Sie wurden nur geboren, damit man sie einsam und unsichtbar würde sterben lassen können. Damit hatte die Finanzindustrie ihre Leichen aus dem Haus geschafft und der Staat konnte ungestört seine Wiederbelebungsversuche beginnen. In der freien Wirtschaft aber war der Zombie unvermittelt zur Alltagsmetapher geworden. Nicht sterbende Leichen gehörten zum kollektiven Unbewussten, wie man bis heute am Beispiel Lehman Brothers sehen kann: an jener Bank also, deren Insolvenz an den Märkten zum Schneeballeffekt wurde. Lehman hatte mit der Risikobewertung Roulette gespielt und die Banker konnten nicht glauben, dass man sie fallen lassen würde. Lehman ist ein Zombie bis heute.
Denn ein Teil dieses einstmals so glamourösen Geldhauses ist immer noch auf Wanderschaft. Nachdem zuerst Tassen, Golftaschen, Mützen und anderes Merchandise-Material für kleines Geld unter die Leute gebracht wurde, wird jetzt die Kunst feilgeboten. Und wie es sich für einen ehemals global aufgestellten Finanzkonzern gehört, hat der Konkursverwalter, die Wirtschaftsprüfungsgeselleschaft PriceWaterhouse Coopers, gleich mehrere Distributionskanäle bedient. Einen Bankleichnam fleddert man global, wenn es noch etwas zu fleddern gibt, und teilt ihn professionell nach ertragreichen und weniger ertragreichen Klassen auf. Bankkunden kennen das schon länger.
Die prestige- und gewinnträchtigste Tranche kommt bei Sotheby's in New York unter den Hammer. Rund 400 Lose mit einem Schätzwert von rund 10 Millionen US-Dollar bilden die retrospektive Leistungsschau bankerischen Kunstverstandes. Denn mit Neuberger Berman hatten die Investmentbanker 2003 nicht nur ein edles Geldhaus übernommen, sondern auch eine Kunstsammlung, die den Unternehmensgründern ein besonderes Anliegen war. Sammlungsgegenstand waren „emerging“ und „mid-career artists“, die danach zum Teil steile Karrieren hingelegt haben. Einige Werke tragen dabei Titel, die sich im Nachhinein wie ein ironischer Kommentar auf das Schicksal der Bank lesen. Damien Hirsts We’ve Got Style etwa gehört dazu. Erworben wurde die Vitrine mit jeder Menge Porzellan, das sich leicht zerschlagen lässt, 1994, nur ein Jahr nach ihrem Entstehen. Und wohl kaum jemand dürfte vergessen haben, dass es gerade die Hirst-Auktion war, die am Vorabend der Lehman-Pleite den Tanz ums Goldene Kalb am krassesten zelebrierte. Wem Neo Rauchs Einbruch aus dem Jahr 1999 (erworben 2000) zu kryptisch ist, der sieht sich von Liu Yes melancholischem The Long Way Home von 2005 (erworben im selben Jahr) in eine Kinderbuchtraumwelt versetzt. Haben sich die Banker so etwas über den Schreibtisch gehängt? Haben Sie damit ihre Kunden gerührt? Haben Sie ihren globalen Qualitätsbegriff zur Schau stellen wollen? Oder hat man allein auf Wertsteigerung spekuliert? Jedenfalls verstand Neuberger Berman auch in der Kunst etwas vom Geschäft. Bei den Kollegen von Lehman Bros. ging es eher um freundliche Dekoration.
Dort diente Kunst hauptsächlich zum Schmuck der Büros. Die Verwertung dieses Teils der Sammlung wurde dem in Philadelphia ansässigen Auktionshaus Freeman's übertragen, die bereits im Herbst und Winter 2009 in drei Auktionen Arbeiten aus diesem Bestand verkauft hatten. Bei der ersten Veranstaltung mit den besseren Stücken wurden mit über 400 Losen bis auf ganz wenige Ausnahmen Preise im niedrigen vierstelligen Bereich erzielt, insgesamt jedoch immerhin 1,35 Millionen US-Dollar, deutlich mehr als die Schätzpreissumme. Am 7. November sind noch einmal 250 Objekte aus den Büros in London, Philadelphia, Chicago, Los Angeles, und San Francisco an der Reihe. Es mag dann zum Nervenkitzel des Sammlers beitragen, dass sein Werk einem Derivathändler oder Risk-Manager beim Orientierungsverlust über die Schulter geschaut hat. Leise lacht die Ästhetik über die Kunstfehler der Finanziers. Wer bei Madoff und Lehman alles verloren hat, findet hier Trost. Die Repräsentationsgesten der Banker sind heute für kleines Geld zu haben.
Aber man kann auch im Gemischtwarenladen kaufen. Zwischen dem Sotheby’s- und dem Freeman-Termin hat auch Christie's in London noch ein Stück vom Kuchen abbekommen. „Lehman Brothers: Artwork and Ephemera“ heißt die Veranstaltung am 29. September. Das ikonische Werk des Londoner Teils der Sammlung ist Andreas Gurskys großformatiger Blick auf das Innenleben der Finanzwelt am New York Mercantile Exchange. Der wird allerdings nicht im Lehman-Themenpark, sondern im Rahmen der regulären Post-War and Contemporary Evening Auction angeboten. Ein Werk solchen Kalibers möchte man einfach nicht zwischen Teewagen und Zigarrenkisten sehen und irgendwie auch von der Plakette fernhalten, die der damalige Schatzkanzler Gordon Brown 2004 bei der Eröffnung der Lehman-Büros in der Canaray Wharf angebracht hat.
Mit dem letzten Fall des Hammers jedenfalls ist dieses Kapitel der unendlichen Lehman-Pleite endgültig beendet. Es wird sich wieder einmal zeigen, dass Unternehmenssammlungen keine gute Investition sind, wenn sie breit und seelenlos, ohne wirkliche Expertise angelegt werden, auch wenn die Auktionen aus der Sicht der Konkursverwalter ein Erfolg werden könnten. Die Lehman-Banker jedenfalls haben von Kunst nicht viel verstanden, was deutlich beruhigt, wenn ihnen ihre Bücher am Ende doch auch nicht mehr recht begreiflich waren. Neuberger Berman hat es besser gemacht. Gründer Roy Neuberger, der letzten Monat 107 Jahre alt geworden ist, hatte schon in früheren Jahrzehnten Museen großzügig mit Schenkungen bedacht. Sein ehemaliges Unternehmen ist 2009 von ehemaligen Angestellten aus der Insolvenzmasse herausgekauft worden und hat sich in diesem Jahr einen kleinen Teil der Sammlung von Lehman gesichert. Zum Ende des ersten Quartals 2010 managte die Vermögensverwaltung schon wieder rund 180 Milliarden US-Dollar. Vielleicht sollte man seinen Anlageberater also durchaus nach dessen Kunstgeschmack auswählen.