29. September 2005
Vergangenes Jahr um diese Zeit schrieb ich in meinem Artikel
Super Babylon, dass die Kunstwelt in etwas übergangen sei, was ich als „Zeit der Super-Paradigmen“ betitelte. Damit meinte ich eine Phase des stetigen Wachstums. Das gilt auch heute noch. Tatsächlich ging die Kunstszene nie so locker mit Geld um, wie es derzeit der Fall ist. Es gibt fast 300 Galerien in Chelsea, 30 weitere ziehen noch in dieser Saison dorthin. Ein Galeriegebäude mit 20 Geschossen befindet sich im Bau, Matthew Marks eröffnet die vierte Galerie, Perry Rubinstein die dritte, Pace die zweite; Marianne Boesky baut gar ihr eigenes Domizil. Niemand befindet sich in der Lage, schließen zu müssen. Weiterhin gibt es hunderte zeitgenössische Galerien außerhalb von Chealsea. Damit ist New York wahrlich die Kunststadt, oder nicht?
Trotz dieses Trubels befinden wir uns in einer schlimmen Lage. Teilweise kommt das daher, dass diese Hochphase immer mehr Künstlern erlaubt, schnell auszustellen. Das setzt Kunst auf ihren Tauschwert herab. Popularität und Marktfähigkeit sind Maßeinheiten für Qualität. Dinge werden als erfolgreich angesehen, wenn sie sich verkaufen und verkaufen meint hier verkaufen im großen Stil. Folglich macht das System den Leuten Angebote, die sie nicht ablehnen können, während es ihnen doch Angebote machen sollte, die sie nicht verstehen. Doch zu viele haben zu viel in das System investiert, als dass man es änderte oder anzweifelte. Gleichgültigkeit hat sich festgesetzt in dem wirksamen Model, was eine Galerie ist.
Locker oder nicht, die Menschen sind frustriert. Im Vertrauen sagen die meisten, dass die Ausstellungen, die sie besuchen, unbedenklich und konservativ seien. Dennoch sind die meisten Kritiken enthusiastisch oder bestenfalls beschreibend. Zu viele Kritiker handeln wie Cheerleader, Reporter oder angesagte Metaphysiker. Inmitten der Kunstmessen-Ekstase, der Auktions-Tollheit, der Geldgier und des Marktrummels, zwischen Galerien, die sich in Verkaufsmaschinen verwandeln, wo Gequatsche als Kritik durchgeht und Kunst zu einem guten Job wird, fühlt sich das System gestört, ja sogar unecht, während es eigentlich gut funktioniert.
Vielleicht war das immer so, aber heute scheint es mehr denn je so zu sein. Jetzt gleicht das System Gegebenheiten ab, mit denen es vertraut ist, es verhält sich nachlassend gegenüber bekannten Positionen, produziert Pathogene seiner selbst. Es weiß, dass Kunst eine gute Investition ist und traditionell von Männern gemacht wird; daher stellen mehr Männer aus und verkaufen gleichzeitig, während weniger Frauen überhaupt ausstellen. Der Anteil von „Ein-Frauen-Ausstellungen“ in New Yorker Galerien von heute bis Weihnachten beträgt bedauerliche 17 Prozent. So rührt der Diskurs von einem Ort her, der Unterschiede unterdrückt. Dieses System muss in Unterwerfung gedrängt oder geändert werden.
Die gute Nachricht ist, dass viele Leute bereit zu sein scheinen, etwas gegen die Situation zu unternehmen, anstatt da bloß irgendwie durch zu kommen. Die Dinge brodeln. Mehr und mehr Künstler, Galeristen und Kuratoren, vom Status Quo gestört, nehmen die Dinge in die Hand. Es muss aber noch viel mehr passieren. Künstler sollten Ausstellungen initiieren, darüber schreiben und ihre eigenen Veröffentlichungen machen. Das Programm sollte von Künstlern gemacht werden, nicht vom Markt. Das Angebot-und-Nachfrage-Denken sollte sich verschieben, hin zu Produktions- und Erfahrungsdenken. Kleine Künstlergemeinschaften, Kuratoren und Kritiker sollten sich zusammentun, Positionen ergreifen, stichhaltige Argumente liefern und damit an die Öffentlichkeit kommen. Sollten diese Positionen einander feindlich gegenüber stehen, prima; in der Kunst geht es nicht darum, sich zu vertragen. Widerspruch und Kritik sind Wege, um der Kunst Respekt zu zollen.
Jeder behauptet, da sei ein neuer Gehalt. Sollte das so sein, dann sollte es auch neue Formen geben, diesen Gehalt aufzunehmen. Wir müssen uns wieder erinnern, was eine Galerie ist. Galerien sollten nicht vornehmlich als Geschäfte oder Verkaufsräume gesehen werden, sondern als Probierflächen und Archen. Einige Galeristen sind Fleisch fressende Monster, die nur Kunst verkaufen wollen, die meisten wollen jedoch Kultur formen. Viele sind verärgert darüber, dass sie nur als Manager auf den Markt treten. Galerien sollten einen frechen Standpunkt haben. Die meisten haben immerhin eine Einstellung. Diese Einstellungen müssen aufgestockt und betont werden, denn dann kann daraus ein frecher Standpunkt entspringen.
Andere nicht für den Profit gemachte oder Profit machende Modelle müssen berücksichtigt werden. Alternativen sollten getestet werden. Einzelgänger und Eigenbrötler können eigene Stellungen beziehen, Galerien könnten sich zusammentun. Nachdem sein Mietvertrag ausgelaufen war, eröffnete Andrew Kreps auf drei Etagen vorübergehende Ausstellungsräume, deren Programmgestaltung großenteils von Künstlern durchgeführt wird. Mittlerweile können alternative Aussteller tatsächlich aufsteigen. Einige sind es schon. In Chelsea ist „The Kitchen“ unter der Führung von Debra Singer entstanden, während der dynamische Chef von White Columns, Matthew Higgs, erklärt, dass er die New Yorker Kunstwelt in 24 Stunden verändern wolle. Das ist eine frecher Standpunkt. Die jüngste Pressemitteilung von Galeristin Michelle Maccarone beginnt so: „Maccarone ist fuckin’ begeistert, ihre Anthony Burdin Ausstellung anzukündigen“.
Wir müssen zugeben, dass ein großer Teil der Werke, die wir in New York sehen und über die wir reden, nur dort ein Gesprächsthema sind und nur dort angeschaut werden. Dieser Provinzialismus könnte Schwierigkeiten verursachen, obwohl Berlin, London und Los Angeles interessanterweise auch auf dem besten Wege sind, provinziell zu werden. Vielleicht ist dies das Typische an dem Super-Paradigma. Vielleicht werden sich diese Regionalismen miteinander vermischen oder bekriegen. Ich befürworte keine Moral der Negativität oder des Widerstandes. Die Kennzeichnung „Radikalismus“ ist erstarrt. Rebellion wäre vielleicht der passendere Ausdruck. Was auch immer, Kunst sollte jedenfalls nicht nur von zwickenden Mittelklasse-Werten oder vom Kritisieren oder Wiederherstellen der Kunstwelt handeln.
Die New Yorker Kunstszene birgt außergewöhnliche Menschen. Sie bietet die Infrastruktur, um erstaunliche Dinge zu tun. Ich denke, dass diese Dinge gerade passieren und dass die Schlacht um Babylon beginnt.
Jerry Saltz ist Kritiker der New Yorker Village Voice, wo dieser Artikel erstmals erschien. Übersetzung von Verena Weber.
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