27. Dezember 2011
Diese Geschichte ging um die Welt: Nach der spektakulären Entführung seiner eigenen Tochter wurde Clark Rockefeller, bis dato vermeintlicher Spross einer der berühmtesten amerikanischen Großfamilien, 2008 auf der Flucht festgenommen. Was für das FBI und die Polizei als profaner Fall von Scheidungsstreitigkeiten und Kindesentführung begann, endete in der Aufdeckung einer Karriere als Hochstapler, die ihresgleichen sucht. Denn die Liebe zur Tochter, dem im Nachhinein wohl einzig Wahrhaftigen, das der Festgenommene jemals produziert hatte, wurde ihm zum Verhängnis: Nach der Befreiung des Kindes durch die Polizei zerbrach die Welt eines Betrügers, ein Kosmos an Lügen, Täuschungen und Manipulationen.
Geboren als Christian Karl Gerhartsreiter im bayerischen Siegsdorf, wanderte er 1978 als gerade Siebzehnjähriger nach Boston, Massachusetts, ein. Der ruhmsüchtige junge Mann, in Bayern galt er als Sonderling, avancierte hier schnell zum – in höchsten Kreisen anerkannten – Salonlöwen. Mal gab sich Gerhartsreiter als britischer Adliger aus, mal als Filmstudent oder Investmentbanker, mal becircte er betagte Witwen in reichen New Yorker Vororten oder junge Unternehmensberaterinnen, die ihm fortan den Lebensunterhalt heranschafften. Von Christopher Chichester wurde er quer durch die Bundesstaaten zu Cristopher Crowe, zu Cristopher Mountbatten zu Chip Smith, bis er zuletzt unter dem Namen Clark Rockefeller als angesehener Spross der Dynastie in New York durch die dortige Gesellschaft tourte.
In Kürze beginnt in den USA ein Prozess, in dem die Frage im Mittelpunkt stehen wird, ob Gerhartsreiter in den 1980er-Jahren zudem zum Mörder seines Vermieters wurde. Die Beweise gegen ihn sind erdrückend. Vermeintlich zur Nebensache gerät da ein Aspekt im Leben des falschen Fuffzigers, der im eben auf Deutsch unter dem Titel „Der Mann, der Rockefeller war“ erschienenen Buch zum bayerischen Hochstapler in Amerika eine wichtige Rolle einnimmt: Die aufsehenerregende Kunstsammlung des Clark Rockefeller, deren Verbleib bis heute unbekannt ist. Der Autor des Buches, der US-amerikanische Journalist Mark Seal, stand artnet für Fragen zur Verfügung.
artnet: Herr Seal, in Ihrem Buch beschreiben Sie, wie Christian Gerhartsreiter 1992 als „Clark Rockefeller“ die New Yorker Bühne betritt. Plötzlich nennt er eine multimillionenschwere Kunstsammlung mit Werken von Mark Rothko, Jackson Pollock, Cy Twombly oder Piet Mondrian, sein eigen, die er angeblich von seiner verstorbenen Großtante geerbt hat?
Mark Seal: Diese Sammlung hat den falschen Rockefeller erst zu einem vermeintlich echten Rockefeller gemacht, sie war maßgeblich für die Legitimation seiner neuen Rolle. ‚Er hat diese Kunst. Er muss ein echter Rockefeller sein’, so dachten alle, die die enorme Ansammlung an Kunstwerken sahen. Ich meine, es handelte sich schließlich um eine vermeintlich museale Sammlung. Die Kunst gab dem Hochstapler Glaubwürdigkeit.
Sie haben das Leben von Christian Gerhartsreiter bis ins Detail recherchiert. Lediglich die Jahre 1988 bis 1992, die Jahre vor seinem Auftauchen als „Rockefeller“ mit wichtiger Kunstsammlung in New York, bleiben im Dunkeln. Selbst die Ermittler wissen bis heute nicht eindeutig, was der Hochstapler in diesen vier Jahren anstellte. Haben Sie zu diesem Zeitraum neue Ideen und Erkenntnisse? Er saß wohl kaum im geheimen Atelier um seine Meistersammlung zu erschaffen?!
Ein Ermittler sagte mir tatsächlich, er glaube, Gerhartsreiter habe in dieser Zeit die Gemälde selber gemalt. Das geht mir ein bisschen zu weit. Wo genau er sich aufhielt, ist allerdings fraglich. Manche Leute bestehen darauf, dass er die gesamte Zeit über im Apartment eines New Yorker Freundes gelebt habe, um sich auf seine größte Rolle vorzubereiten: den Clark Rockefeller.
In Ihren Beschreibungen der Kunstsammlung gehen Sie spürbar vorsichtig vor. Ist denn nicht auszuschließen, dass es sich bei den Bildern um Fälschungen handelte?
Der Polizei gegenüber hat Gerhartsreiter damals ausgesagt, alle Bilder seien Fälschungen. Woher er sie dann aber hatte und wer all diese angeblichen, zum Teil großformatigen Meisterwerke schuf, bleibt ein Rätsel. Ich hoffe sehr, es noch lösen zu können. Bisher bin ich trotz weitgehender Recherchen nicht zu einem Ergebnis gekommen. Manche Menschen - und ich spreche von angesehenen Protagonisten der Kunstwelt - bestehen immer noch darauf, alle Bilder seien echt gewesen. Aber wie gesagt: Gerhartsreiter selbst sagt, sie seien es nicht.
Sie zitieren einen ehemals engen Freund „Rockefellers“, der sagt, er habe die Sammlung nie angezweifelt, schließlich seien wichtige Kuratoren und Galeristen völlig begeistert von ihr gewesen. Wer war das genau?
Die Kuratoren, Galeristen, Kunsthändler und Künstler, mit denen der falsche Rockefeller in Kontakt stand, sind in meinem Buch alle namentlich genannt oder beschrieben. Darunter waren zum Beispiel Martha Henry von Martha Henry Inc. Fine Arts, die Gagosian Gallery oder auch die Galerie Knoedler.
Die Galerie Knoedler hat vor kurzem hastig geschlossen, offiziell aufgrund der Finanzkrise. Inoffiziellen Vermutungen zufolge hat das Ganze mit angeblich auf den Markt gebrachten Fälschungen von Jackson Pollock zu tun, derentwegen zurzeit ermittelt wird.
Davon habe ich auch schon gehört. Interessant…
Gibt es eigentlich Fotografien der Sammlung von „Clark Rockefeller“?
Nicht, dass ich bisher wüsste.
Sind jemals Werke aus der Sammlung im internationalen Handel oder in Auktionen aufgetaucht?
Nicht, dass ich bisher welche ausfindig gemacht hätte.
Was wissen Sie über den Verbleib der Bilder nach der Verhaftung Gerhartsreiters 2008? In Ihrem Buch ist immerhin die Rede von einem Keller, in dem Sie im Zuge Ihrer Recherchen die „irdischen Güter“ des Christian Karl Gerhartsreiter zu sehen bekommen hätten. Die großen Kunstwerke, beispielsweise das drei Meter lange Bild, das angeblich von Barnett Newman stammte, befanden sich offenbar nicht dort?
Nein, derzeit ist der Verbleib dieser Bilder unbekannt und ungeklärt.
Das FBI ermittelt zurzeit in einem der größten amerikanischen Fälschungsskandale. Es stehen mutmaßlich gefälschte Bilder von Künstlern im Fokus, deren Namen auch in der Sammlung von „Clark Rockefeller“ auftauchten. Sehen Sie Verbindungen zwischen den Fällen?
Ich habe bereits mit Informanten gesprochen, die der Sache nahestehen, aber soweit ich es bisher nachvollziehen kann, besteht keine Relation zwischen beiden Fällen. Allerdings würde ich es sehr begrüßen, wenn sich all diejenigen bei mir melden würden, die weiteres Licht ins Dunkel bringen können. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.