25. Februar 2009
Noch ist sie keine Touristenattraktion wie das Pekinger
798. Die ehemalige Textilfabrik in Xi’an, im Nordwesten Chinas, wo sich ein Großteil der dortigen und ausgesprochen regen Künstlerszene niedergelassen hat.
Yue Lu Ping, 33, wurde das Gebäude vor nunmehr fast zwei Jahren von der Stadt zur Verfügung gestellt, um zusammen mit einigen Gleichgesinnten hier einen Raum für die, wie er betont, keineswegs freie Künstlerszene Xi’ans aufzubauen. „Sie ist nicht frei“, sagte Yue, „weil hier eigentlich niemand allein von seiner Kunst leben kann.“ Nichtsdestotrotz sind es inzwischen fast 100 Künstler, die sich hier einen Atelierraum gemietet haben, für 20.000 Yuan Jahresmiete, umgerechnet knapp 2.000 Euro. Bedenkt man, dass das monatliche Gehalt eines Hochschullehrers in Xi’an zwischen 1.500 und 3.000 Yuan beträgt, versteht man, warum viele der hier arbeitenden Künstler ihre Ateliers auch zugleich als Wohnung benutzen.
Yue betont ausdrücklich, dass es der Textilfabrik nicht darum gehe, ein Xi’aner 798 zu werden, wie es etwa im Artikel einer lokalen Zeitung geheißen hatte. „Das 798 kann längst nicht mehr so frei arbeiten wie früher oder wie wir. Es steht im Rampenlicht, Touristen kommen dorthin, es ist längst zu einer Sehenswürdigkeit geworden.“ Die Produktion von Kunst rücke dort immer weiter in den Hintergrund, Vorrang hätten die Präsentation und der Verkauf. „Die Textilfabrik ist noch eine Art kleines Gewächshaus, in dem die Künstler in Ruhe wachsen können“, sagt Yue.
Zu den bekanntesten Bewohnern des Xi’aner Kunstkomplexes gehört Gao Lei, von Yue nur die „First Lady“ der Textilfabrik genannt. Tatsächlich bewohnt Gao Lei zusammen mit ihrem Mann eines der größten Ateliers der Fabrik. Es ist ein hoher, heller Raum, überall Leinwände, auf der Staffelei ein Bild mit den Köpfen von Barack Obama und Che Guevara, darunter verwischtes Blau. Ob sie und ihr Mann von der Kunst leben können? „Nein“, ist die lakonische Antwort. Ihr Mann verkaufe gelegentlich einige seiner Bilder, doch ist das Paar vor allem auf das Gehalt Gao Leis angewiesen, die als Dozentin für Design an der Xi’aner Kunsthochschule arbeitet. Doch auch dies ermöglicht nur einen bescheidenen Lebensstil. Der Traum, von der Kunst zu leben, so Gao, rücke gerade in Zeiten der Finanzkrise in weite Ferne. Der wirtschaftliche Abschwung und die daraus resultierende Zurückhaltung inländischer wie auch westlicher Käufer droht für die Textilfabrik zu einer Existenzfrage zu werden. Denn unter diesen Umständen werden sich viele Künstler überlegen, ob sie sich noch ein Atelier in den Fabrikgebäuden leisten können. Auf Zuschüsse der Stadt oder der Provinz Shaanxi kann die Textilfabrik jedenfalls nicht zurückgreifen. Andererseits, so Yue, sei die Gleichgültigkeit der Stadt und der Provinz „aber schon eine Art Unterstützung“. Wo kein Geld fließt, wird auch nicht so genau hingeschaut.
Eine für den Fortbestand der Textilfabrik ganz konkrete Bedrohung ist in den letzten Wochen eingetreten. Das Gelände der alten Fabrik wurde an einen neuen Eigentümer verkauft, der mitgeteilt hat, die Mieten um bis zu 40 Prozent erhöhen zu wollen. Dies wäre für die meisten Künstler auf Dauer kaum tragbar. Bricht dann auch noch der jetzt schon überschaubare Kunsthandel ein, müssen die Künstler gleich an zwei wirtschaftlichen Fronten kämpfen.
So wie Gao Lei und auch Yue Lu Ping selbst arbeiten viele Künstler der Textilfabrik als Dozenten oder Assistenten an der Kunsthochschule, die meisten haben dort auch studiert. Allein dadurch ergibt sich ein enger Austausch dieser beiden für Xi’an wichtigen Kunstinstitutionen. Yue hofft, auf diesem Wege auch die seiner Meinung nach verkrusteten Strukturen und Ausbildungsmethoden der Kunsthochschule aufzubrechen. „Wir können weitaus progressiver sein und dadurch auf die Hochschule Einfluss nehmen, damit sie sich für neue Methoden öffnet.“ Dies, so Yue, sei eines der grundlegenden Probleme der Xi’aner Kunst. Sie biete einer jungen und modernen Szene nur wenige Möglichkeiten. Die Stadt sei zwar Kulturstandort, konzentriere sich aber zu sehr auf die eigene Geschichte. „Fake Dynasty“ nennt Yue das und meint damit eine Entwicklung, die in den letzten Jahren überall in Xi’an zu beobachten war: dass im Stile der alten Tang-Dynastie Gebäude und ganze Straßenzüge renoviert oder neu errichtet werden. Denn dabei gehe es gerade nicht darum, etwas Neues zu erschaffen, sondern darum, das Gefühl zu erzeugen, sich im Alten zu befinden. „Die Folge ist ein Tang-Themenpark“, so Yue, nicht eine moderne, lebendige Stadt.
Doch gerade diese chinesische Disney-Version zieht die westlichen Touristen an. Sie kommen, um die alten oder scheinbar alten Schätze der Stadt zu sehen, um neben der berühmten Terrakotta-Armee in der Nähe der Stadt auch die Produkte der „Fake Dynasty“ zu besichtigen. Auf das Gelände der Textilfabrik verlaufen sie sich jedoch kaum. Überhaupt sind die Besucherzahlen noch recht überschaubar. Dabei sind die dortigen Künstler sehr umtriebig und bemühen sich durch Großveranstaltungen wie Konzerte und auch im Netz um Öffentlichkeit für ihr Projekt. Auf der chinesischsprachigen Internetseite der Textilfabrik sind neben Computeranimationen und Videocollagen auch die aktuellen Ausstellungen in der Textilfabrik zu sehen. Dennoch kamen nur geschätzte 100.000 Menschen im letzten Jahr dorthin, wobei darunter etliche Wiederholungstäter sein mögen. Zwar hat die Textilfabrik einen durchaus beachtlichen Kreis treuer Besucher, doch einem breiten Publikum – auch in der Stadt – ist sie bislang noch nicht bekannt.
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