26. April 2007
documenta 12, Kassel. 16. Juni bis 23. September 2007.
Sieben Gründe, warum die documenta 12 eine Revolution werden wird, sind seit zwei Wochen offiziell bekannt. Hanno Rauterberg veröffentlichte sie in der „Zeit“ und rühmte vor allem, dass Kunst endlich wieder Kunst sein darf. Aber so einfach ist es dann doch nicht. Es gibt noch eine achte Tatsache, die es verdient, revolutionär genannt zu werden – nämlich die Neubestimmung des Begriffes „offiziell“. Die „offizielle“ Künstlerliste der documenta 12 wird – wie schon 1997 und 2002 – erst kurz vor der Eröffnung bekannt gegeben werden. Bis dahin werden seitens des documenta-Büros nur drei Teilnehmer bestätigt: Ferran Adriá, Artur Zmijewski und Ricardo Basbaum.
Trotzdem gibt es eine Reihe kursierender Namen und über einige documenta-Beiträge wurde schon umfassend berichtet, vor allem über die Aktion des Chinesen Ai Wei Wei. Offizieller documenta-Künstler ist er dennoch nicht. Dieser Unterschied ist nicht leicht zu vermitteln, wie mir neulich erst wieder deutlich wurde, als ich während der Art Cologne mit Künstlern, Galeristen und Sammlern beim Abendessen saß. Es dauerte einige Zeit, bis ich die Runde von der mir bekannten offiziellen Beschränkung der offiziellen documenta-Künstler überzeugen konnte.
Um die Kommunikation zu erleichtern, schlage ich an dieser Stelle eine begriffliche Differenzierung vor: Künstler, von deren Teilnahme jeder weiß, die aber nicht offiziell bestätigt werden, nennen wir „öffentliche“ documenta-Künstler. Es ist öffentlich bekannt, dass Ai Wei Wei 1001 chinesische Bürger nach Kassel einlädt und dass Sanja Ivekovic auf dem Friedrichsplatz, der derzeit wie eine große Baustelle abgesperrt ist, ein Mohnfeld pflanzen lässt – aber eben nicht „offiziell“.
Eine Variante der „öffentlichen“ Teilnehmer könnte man als „stille Teilnehmer“ bezeichnen. Jeder weiß, dass sie dabei sind, ihre Namen werden auch veröffentlicht, doch niemand schreibt über sie. Ein Beispiel dafür ist Imogen Stidworthy, von deren Teilnahme von Anfang an die Rede war, allerdings scheint sich niemand dafür zu interessieren. Eine andere Kategorie stiller Teilnehmer sind diejenigen, deren Teilnahme zwar bekannt ist, deren Namen jedoch nicht einmal öffentlich genannt werden. Zoe Leonards Name tauchte erstmals diese Woche im Informationsdienst Kunst auf. Dabei war ihr Beitrag zur documenta 1992, als sie Bilder weiblicher Genitalien zwischen die Rokoko-Gemälde der Neuen Galerie hängte, noch fast ein Skandal gewesen. Die documenta-Teilnahme Monika Baers, einer der derzeit interessantesten deutschen Malerinnen, war bisher offenbar nur ihrer Galerie eine Veröffentlichung wert.
Dann gibt es noch die „wahrscheinlichen“ Teilnehmer. Es handelt sich um alle Künstlerinnen und Künstler aus den 1960er und 1970er Jahren, die in Kurzporträts im ersten bisher erschienenen „documenta 12 magazine“ vorgestellt wurden, und alle Beteiligten an der von Buergel/Noack kuratierten Ausstellung „Die Regierung“, sofern ihre documenta-Teilnahme nicht sowieso schon Anfang März vom Wiener „Standard“ veröffentlicht wurde.
Offiziell heißt also im weitesten Sinne so etwas wie „bestätigt“. Auch die öffentlichen und stillen Teilnehmer werden sicher „amtliche“ Bestätigungen durch die documenta erhalten haben, die aber nicht öffentlich kommuniziert werden. Insofern sind sie eigentlich offizielle, in diesem Sinne aber dann doch stille Teilnehmer. Und dann gibt es noch Künstlerinnen und Künstler, deren Namen nicht offiziell bekannt gegeben werden können, weil niemand sie kennt – so zum Beispiel ein anonymer persischer Miniaturmaler aus dem 14. Jahrhundert. Aber vielleicht meldet er sich ja selbst noch, denn jedem documenta-Teilnehmer steht es offiziell frei, seine Teilnahme öffentlich zu kommunizieren.
Dass bei so wenig Geheimhaltung dann doch so viele Namen bisher unveröffentlicht blieben, grenzt fast an ein Wunder. Offenbar ist es gar nicht so interessant, sie jetzt schon zu kennen. Das kann eigentlich nur an einer Tatsache liegen, die den Kuratoren – nimmt man die öffentlichen Plädoyers für viel Muße bei der Kunstbetrachtung ernst – eigentlich gefallen sollte: Für die hitzige Gier des Marktes scheint die documenta nur begrenzt interessant zu sein. Aber da sich unsere Berichterstattung nicht nur an die Vertreter des kommerziellen Kunstbetriebs richtet, stellen wir unsere inoffizielle Künstlerliste trotzdem vor und bitten unsere Leser, sie zu vervollständigen und uns auch auf mögliche „Enten“ hinzuweisen. Da können wir gegebenenfalls auch schnell reagieren, ohne dass wir das erst offiziell bestätigen lassen müssen.
Die Liste