20. Oktober 2009
Ideen, die gestorben sind, soll man begraben. Es hilft nicht, sie künstlich zu konservieren, die Leiche barock zu schmücken oder die sterblichen Überreste aus reiner Ehrerbietung künstlich beatmen zu wollen. Und so muss man auch einsehen, dass es der Berliner Kunstszene nicht helfen wird, eine Kunsthalle, die nicht länger mehrheitsfähig ist, in ein Wunder wirkendes Werkzeug der Kreativstandortpflege umzudeklarieren. Obwohl Senat und Kulturverwaltung mit ihr geliebäugelt haben, hatte die Politik im Grunde stets etwas anderes gewollt. Sie hatte nämlich nicht vor, Berlin eine wirklich neue Institution zu erfinden und ihr zweckmäßigerweise erst anschließend den passenden Namen zu geben. Eine Institution etwa als Netzwerk der vielen exzellenten Künstler und ihrer Galerien. Eine Institution, die dem Kunstmarkt von morgen inhaltliche Impulse bringen würde. Eine Institution, die uns jenseits der Disney-World internationaler Kunstmessen Wege eröffnen würde, die Kunst neu zu erfinden. Die Politik hatte die viel schlichtere Ambition, Berlin einen Bilbao-Effekt einzukaufen, das heißt eine Signature-Architektur als Schaukasten prominenter Kunstbetriebsnamen aufzubauen. Eine Staatsoper für die bildende Kunst sollte die Kunsthalle stets werden. Nicht mehr und nicht weniger und nichts sonst.
Dieses Projekt ist gescheitert. Zum Glück. Der unfreiwillige experimentelle Nachweis für die völlige Haltlosigkeit der fixen Kunsthallen-Idee wurde auf dem Berliner Schlossplatz geführt. Zunächst demonstrierten dort in der Temporären Kunsthalle Berlin langweilige Solo-Ausstellungen prominenter Kunstbetriebs-Größen, welches Schicksal einer Kunsthalle droht, die einfach nur Stars einkauft und sich selbst überlässt. Sie wird zu einer bloßen Kopie existierender profilloser Institutionen und berauscht sich am unqualifizierten Massenbesuch. Braucht man nicht, hat man schon. Die Berliner Museen praktizieren dieses Verfahren zur Genüge. Wer reformieren will, reformiert deshalb lieber bestehende Institutionen und spart sich die kostspielige neue Architektur.
Zuletzt hatte die Halle am Schlossplatz dieses Problem sogar verstanden und wollte, wie schon ganz am Anfang des Projekts, zum getreuen Spiegelbild der hiesigen Szene werden. Die Kunsthalle als Künstlerverein. Das ist schon eine bessere Idee, weil man sich nicht mehr mit vorhersehbaren Ausstellungen langweilen muss. Aber auch sie braucht weder eine neue Architektur noch Generaldirektoren und Kuratoren. Die letzte erfolgreiche Ausstellung dieser Art hatten nämlich Berliner Künstler im Palast der Republik inszeniert, ein Erbe, auf das sich die Temporäre Kunsthalle nun wieder beruft, für das man aber genug bespielbaren Raum irgendwo im Wedding oder in Tempelhof findet. Natürlich gibt es solche Ausstellungen auch längst. Aber ebenso natürlich kann Berlin ein paar mehr davon vertragen, bessere vielleicht, mit klareren Förderbedingungen. Man kann über alles reden und streiten – eine Kunsthalle jedoch, das kann inzwischen jeder erkennen, braucht man für gerade diesen Ansatz nicht. Spräche man einem solchen Projekt übereilt das Recht auf Verstetigung zu, geschähe das vermutlich sogar zum Schaden des Experiments. Neue wagnisreiche Ansätze in schneller Folge, orientiert an einem international etablierten Qualitätsbegriff, wären der bessere Weg. Man muss solche Ansätze nicht verfrüht in Beton gießen, bevor sie sich überhaupt bewähren konnten. Anders gesagt: Wie groß wäre die Blamage, hätte man dem kopflosen Team der Temporären Kunsthalle ungedeckt durch jede Erfahrung eine ständige Kunsthalle zugesprochen? Die Zeit wird zeigen, was die Stadt aus sich selbst heraus Besseres entwickeln wird.
Wenn Berlin aber weder eine Künstlervereinshalle noch ein Star-Theater braucht, was braucht es dann? Hört man sich in der Stadt um, vernimmt man die abenteuerlichsten Hypothesen, denen nur gemein ist, dass sie noch schwerer zu beweisen sind als die String-Theorie in der Physik. Manches weist in die richtige Richtung, verfehlt aber jede Anbindung an die bestehende Realität. Da wird beispielsweise mit gewichtigen Leistungsdaten der Kreativwirtschaft argumentiert, als fänden 600 Galerien und 6.000 Künstler in der Kunsthalle ein neues Zuhause. Oder die Kunsthalle soll „Offenheit“ demonstrieren, also eine Botschafterfunktion nach außen wahrnehmen, als wäre das nicht einfacher und wirksamer mit dem klassischen Instrument des Kulturaustauschs zu erreichen (wie ihn einige europäische Nachbarländer vorbildlich zum hoch effizienten Werkzeug ihrer eigenen nationalen Kreativszenen ausgebaut haben). Schließlich, heißt es, solle die Kunsthalle den Blick über Europa hinaus öffnen. Das wenigstens ist ein überfälliger Gedanke, ein verdienstvolles Projekt, von dem aber niemand sagen kann, warum es nicht mit den bestehenden Berliner Institutionen zu leisten wäre. Freilich dürfte man diese Institutionen dann nicht länger verhungern lassen, ihnen die Mittel für Öffentlichkeitsarbeit stehlen, sie an einer modernen Personalentwicklung hindern. Man müsste Führungspositionen internationaler besetzen, Standortvorteile evaluieren, Synergien schaffen. Den leer gewordenen Begriff „Kunsthalle“ wie ein Mantra zu wiederholen, erfüllt all diese Anforderungen jedenfalls nicht. Manchmal fragt man sich sogar, ob die Hallen-Idee so populär geworden ist, weil sie davon ablenkt, an wie vielen Missständen die Berliner Kultur-Institutionspolitik leidet. Ist Sanieren nicht besser als langfristig neue Ausgaben zu schaffen? Wie lange schon hat man versäumt, dieser Stadt einen Masterplan für ihre Institutionen zu entwickeln, der von den Eigenheiten der deutschen Hauptstadt und ihrer historischen Entwicklung handelt?
Es wäre deshalb eine wirkliche Erleichterung, geradezu eine Erlösung, wenn bei Strafe einer amtlichen Geldbuße für mindestens 18 Monate der Gebrauch des Wortes „Kunsthalle“ verboten würde. Statt die Variable in jedem Quartal beliebig neu zu interpretieren, sollten sich alle Beteiligten die Köpfe darüber heißreden, warum die Wissenschaft Wissenschaftszentren kennt, die den internationalen Austausch der Koryphäen und Querdenker pflegen. Warum gibt es dort Exzellenzförderung und Grundlagenforschung? Vielmehr: Warum gibt es das in der Kunst nicht? Warum kein Kompetenz- und Exzellenzzentrum Gegenwartskunst unter Einbindung des DAAD und mit Wiederbelebung des darbenden Künstlerhauses Bethanien? Warum kein modernes Markenkonzept, wenn man Strahlkraft sucht, für die junge Garde und ihre Ausstellungsstätten? Ist die Rotterdamer Designszene etwas durch eine Designkunsthalle marktführend geworden oder nicht vielmehr durch eine intelligente städtische Standortpolitik? Nein, Kunst ist keine Kreativindustrie. Kunst ist Kunst. Wissenschaft ist aber auch Wissenschaft, und trotzdem fördert man emsig, was aus der Wissenschaft in den Markt hinüberdringt. Bildende Kunst geht nicht automatisch im Kunsthandel auf. Sie lebt davon, dass sie sich unter neuen Bedingungen neu erfindet, dass sie Impulse von außen erkennt, dass sie einem überschaubaren, aber äußerst interessierten, offenen und wagnislustigen Publikum mit einem Mal, innerhalb einer Sekunde die Welt auf den Kopf stellen kann. Das ist so ernst zu nehmen wie Mathematik oder Physik, Chemie oder Biogenetik, nur in einer autonomen, intuitiv argumentierenden, anschaulich begreifbaren Sprache formuliert.
Kunst ist so etwas wie Grundlagenforschung an unserem Selbstverständnis. Das heißt aber nicht, dass es in der Kunst keine Insider, keine Experten, keine Planer, Vordenker, Netzwerker und Makler gäbe. Jeder kann in der Kunst Erleuchtung finden, wenn man ihn nicht mit den immer gleichen Standards abspeist. Wie aber erzieht man Liebhaber, Sammler, Denker, Praktiker und die ebenfalls unverzichtbaren Manager des Kunstbetriebs? Durch die Heiligsprechung eines tourismuswirksamen Ausstellungsbetriebs? Kunst braucht in Berlin ein Denkzentrum mit Netzwerkfunktion, ein Labor nach innen und außen, einen Ort, an dem systematisch die Zukunft einer Kunstszene im Umbruch entwickelt werden kann. Wie viel sehen wir von den weltweiten neuen Ansätzen in den Galerien und Projekträumen! Wie wenig aber sehen wir in den aktuellen Ausstellungshäusern, denen von der Politik nur noch zukunftslose, popularisierende Profile auferlegt werden.
Also, hören wir mit der Begriffsfälscherei und den sinnlosen, praxisfernen Abstraktionen auf und nennen das neue Ding, das der Senat uns schenken soll, Kompetenz- und Exzellenzzentrum Kunst. Das ist ein wirklich hässlicher Name. Dafür aber steht er nicht unter Populismusverdacht. Er klingt nach Schweiß und Arbeit und Max-Planck-Gesellschaft. Er zeigt nach innen und außen, dass diese Stadt nicht von einer schön schimmernden Museumshallenarchitektur leben wird, sondern von den Ideen, für die sie ein Nährboden ist. Bitte schön. Dann muss das neue Ding eben ein Gewächshaus werden. Es ist nicht an ein Gebäude gebunden. Es kann aufsaugen, was es gibt, und das Gegebene kultivieren und zu neuem Wachstum führen. Wir müssen der Berliner Kunst kein MoMA bauen, keine Kunsthalle, keinen wohlklingenden Humbug. Baut Berlin lieber ein MIT, ein Bell Lab, ein Palo Alto für die Kunst. Alles andere, liebe Kulturpolitiker, professionelle oder Dilettanten, verlangt bitte den bestehenden Häusern ab. Sie können Anregungen gebrauchen. Zeitgemäßere Budgets häufig auch.