„Die Kunst der Entschleunigung“ im Kunstmuseum Wolfsburg

Alles zu seiner Zeit

Annika Karpowski
13. Februar 2012

Die Kunst der Entschleunigung. Bewegung und Ruhe in der Kunst von Caspar David Friedrich bis Ai Weiwei“ – Kunstmuseum Wolfsburg. Vom 31. Oktober 2011 bis 9. April 2012

Das Kunstjahr 2012 hat etwas von einem Teilchenbeschleuniger: Es kann einem schwindelig werden bei all den Veranstaltungen. Biennalen in Berlin, New York und Sydney, documenta in Kassel, Manifesta in Genk, Retrospektiven von Gerhard Richter und Gustav Klimt, und gefühlte 300 Kunstmessen hetzen die Gemeinde in diesem Jahr kreuz und quer über den Globus. Ein Wunder, wenn man da nicht in Stress gerät. Die Lifestyle-Attitüde heißt Multitasking – ständig online, immer in Bewegung, Parallelwelten-Seiltanz. In einem Anfall von Selbstanalyse hat die Welt ein passendes Modewort erfunden, das nun als Appell an die Lässigkeit überall aufpoppt: Entschleunigung.

„Stresstest“ ist denn auch Wort des Jahres 2011, ein Kunstverein plant im Herbst die Ausstellung rund um das derzeit vielzitierte Burnout-Syndrom, und das Verb „downshiften“ – „sich mäßigen, zur Ruhe kommen“ wurde vor wenigen Jahren in den Duden aufgenommen. Beinahe zu Plattitüden verkommen, zeigen die Modewörter als Sprach-Seismografen die mutmaßlichen Feinde unserer Gesellschaft: „Depression“ liefert in 20 Sekunden über 250 Millionen Einträge bei Google.

Nun hat sich auch das Kunstmuseum Wolfsburg der Sache angenommen. In der aktuellen Ausstellung untersucht es Bewegung und Ruhe in der Kunst. Markus Brüderlin, Kurator und Direktor des Museums und gebürtiger Schweizer, hat sich damit ein Thema auf die Fahnen geschrieben, das nicht nur als perfekter Gegenpol zu Volkswagen (dem Unternehmen gehören übrigens mehrere Werke der Schau) und der Autostadt passt, sondern vor allem der Generation Yoga auf der Seele brennt. Brüderlin dreht am großen Rad, wenn er es im Katalog zur Ausstellung gleich mit mehreren zentralen Begriffen und Diagnosen zum Thema aufnimmt. Herausgekommen ist eine durchaus inspirierende, streckenweise aber auch abwegige Ausstellung, die so manches Klischee einfach durch ein anderes ersetzt.

Zunächst fällt auf: Was brandaktuell angelegt ist, denkt Brüderlin aus der Vergangenheit heraus. Für seine kuratorische Grundthese, dass die Moderne neben der Avantgarde der Beschleunigung immer auch eine der Entschleunigung hervorbrachte, leisten ihm 85 Künstler aus Romantik, Klassischer Moderne und Gegenwart ihre Dienste. 15 ehrgeizige Stationen wurden dafür errichtet, ein schwungvoller Wandaufbau (den man allen Ernstes „Speedline“ getauft hat) und kontemplative Kojen ersonnen. Außerdem sollen zwei unterschiedliche Farben für Klarheit sorgen – auf den hellgrauen Wänden befinden sich die Werke, die eher der Bewegung zuzuordnen sind, auf den weißen die der Stille.

Einigermaßen chronologisch aufgebaut, startet der Parcours Ende des 18. Jahrhunderts mit der Gegenüberstellung von James Watts Dampfmaschine und einer Kopie von Johann Heinrich Wilhelm Tischbeins berühmtem Gemälde Goethe in der Campagna (1787). Der umtriebige Dichter, damals gerade auf seiner Italienreise in Rom angekommen, sinniere, so Tischbein einst, „über das Schicksal der menschlichen Werke“. Um die Werke der Natur geht es dagegen bei William Turners wirbelnden Wassermassen Rough Sea with Wreckage (1840/1845) und Caspar David Friedrichs romantischem Meeresufer im Mondschein (1835/36). Eine dankbare Wahl und beispielhaft für die Dialektik von Bewegung und Ruhe, auch wenn die beiden großformatigen Gemälde sich mit ihren dramatischen Wolkenformationen ungewollt vereinigen. Die „Heiligkeit des Rades und der Schienen“, die „Schönheit der Geschwindigkeit“ feierten dann in den 1910er- und 20er-Jahren die Futuristen, während, und hier die These der Ausstellung, Landsmann Giorgio de Chirico in Florenz präsurreale Stadtfluchten entwirft. Mit ihm gründete wenig später Carlo Carrà, tempomüder Futurist, die Scuola metafisica – und vereint so beide avantgardistischen Strömungen.

Auch Stanley Kubricks Klassiker 2001 – Odyssee im Weltraum wird einmal mehr aufs Tapet geholt. Die vier Millionen Jahre andauernde Irrfahrt ohne Ziel versinnbildlicht wohl am offensichtlichsten den von Geschwindigkeitsforscher Paul Virilio beschriebenen Zustand des „rasenden Stillstandes“. An die Endlichkeit des Erdendaseins als Grund unserer Eile mahnt auch Sam Taylor-Wood in ihrem Film A Little Death: Wenn man so will, ein stark reduziertes Stillleben, auf dem in Zeitraffer ein erlegter Hase binnen vier Minuten verwest. Memento mori auch bei Roman Opałkas Selbstporträt-Reihe „Opałka 1965/1-8“: Der Künstler, der letztes Jahr 80-jährig starb, lichtete sich über viele Jahrzehnte in immer gleichem weißem Hemd abends vor der Leinwand ab.

Im Bogen läuft man weiter, wie bei einem Frage-Antwort-Spiel. Karl Otto Götz‘ informeller Leinwand mit typisch gestischem Rakel steht Franz Gertschs sechs Meter langes Triptychon aus der Schwarzwasser-Serie zur Seite – ein fotorealistischer Holzschnitt, dem ein mehrmonatiger Arbeitsprozess vorausging. Mit Bruce Naumans Neon-Installation Marching Man von 1985 blinken nervös Arm, Bein und Penis durch den schwarzen Raum, eine Tür weiter glimmt James Turrells LED-Projektion Moenkopi in meditativen Regenbogenfarben.

Dagegen lässt treppauf Julius Popps bereits vielfach gezeigte, doch immer wieder kongeniale Textmaschine Wasser zu Wörtern formen und fallen: Was kurz zu lesen ist, entscheidet ein Computerprogramm, das Schlagwörter aus Internetnachrichten zieht – eine elegante Metapher für rasenden Informationsfluss. Ähnlich sinnbildlich ruhen Ai Weiweis Reisschalen mit tausenden Perlen am Boden. Wirklich ästhetisch eindrucksvoll wird es dann aber in einem der letzen Räume, dem vielleicht besten der Ausstellung: Hier stehen sich Anselm Kiefers düsterer Stapel 20 Jahre Einsamkeit, das Großformat Fruchtbarer Halbmond und Zhou Xiaohus Parade aus Miniatur-Tonfiguren gegenüber, die auf dem Weg in die Zukunft sind: Eine tragisch-utopische Spanne, die mehrere Jahrzehnte umfasst.

Insgesamt bleibt von der Schau jedoch ein unruhiger Eindruck: Ständig kommt es zu streitbaren Spurwechseln. Werke werden assoziativ und scheinbar beliebig kombiniert. Die formalen Kriterien für die dialektische These schalten häufig und in unklarer Weise um. So treten als Symbole für Rasanz unter anderem Cy Twombly und Jackson Pollock mit ihren expressiven Strichführungen auf – sie stehen ebenso für den Abgesang auf die alte Welt wie die kinetischen Objekte von Jesùs Rafael Soto oder die auf der Netzhaut flimmernde Leinwand von Bridget Riley. Auch Andreas Gurskys Turboexpansion in Dubai oder die Nonsens-Maschinen von Jean Tinguely oder Panamarenko fallen ins Temporaster, während Gerhard Richter zwei rasende Fiats auf seiner schwarz-weißen-Momentaufnahme einfriert. Adolph Menzel fertigte Studien zum Hochrad an, Naum Gabo bastelte das Modell eines Monuments für einen Flughafen – den Speed-Faden könnte man endlos weiterdenken. Fehlt eigentlich nur noch Carsten Höllers Rutsche als Beispiel für Kunst, die den Betrachter auch physisch in Fahrt bringt. Stellvertretend für Stillstand funktionieren dagegen geruhsame Gesten von Aristide Maillol, Mark Rothko oder Joseph Beuys. Doch wie auch immer, langsam oder schnell: Die beiden Kategorien behindern die Wahrnehmung. Man fragt sich, ob nicht eigentlich jedes Bild bewegt sein kann und nicht jedem kreativen Prozess Kontemplation vorausgeht.

Die Ausstellung, und das ist die eigentliche Erkenntnis, bezeugt die berühmte Gleichzeitigkeit des Ungleichen. Der Wunsch nach Ruhe entspringt von jeher dem Bedürfnis, der zunehmenden Bewegung Muße entgegenzusetzen, allerdings ohne auf das jeweils andere zu verzichten. Auch auf der Rezeptionsebene betreiben die Bilder Multitasking, denn, „es ist sinnlos“, so der Kulturwissenschaftler Hartmut Böhme im Katalog, „Langsamkeit und Geschwindigkeit gegeneinander auszuspielen.“ Doch warum die Bilder dann gegenüberstellen – sie einteilen in den einen oder anderen Zustand? Tragen die Werke nicht alle diese Ambivalenz in sich? Und noch ein bisschen spitzer formuliert – ist nicht jedes Bild durch seine massenmediale Reproduktion zum Stillstand verdammt und dennoch immer in Bewegung?

In diesem Sinne ist der Stein des guten Glücks (1777) – eine Kugel, die nach einem Entwurf von Goethe auf einem Quader ruht, als Metapher für die Union von Ruhe und Bewegung – vielleicht die prägnanteste Arbeit, um Brüderlins These Halt zu geben: Das eine geht nicht ohne das andere.


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