26. November 2009
Mögen Sie eigentlich Kunst? Immer noch? Und wenn, wissen Sie noch, warum? Sollten Sie mehr als dreimal in der Woche am Sinn und Zweck der Kunstgeschichte zweifeln oder die Kunst, die Sie lieben, sowieso schon immer hassen, dann sollten Sie
Michael Kimmelmans Verehrungsschrift
„Alles für die Kunst“ lesen. Bis Sie allerdings mit dem Autor erkennen, „wie tröstlich die Beschäftigung mit Kunst sein kann“, müssen Sie erst einmal mit ihm zum Schwärmer werden. Ab dem zweiten Kapitel hat sich Kimmelman dann aber beruhigt und unterhält den Leser mit einer Vielzahl von Fakten, Anekdoten und Ausflügen in die Philosophie. Kimmelman ist nicht irgendwer. Er leitet das Kunstressort der „New York Times“ und ist also einer der Glaubenswächter des Kunstbetriebs. Dafür aber sind die zehn Kapitel seines Kompendiums über Künstler, Sammler, Amateure und andere Besessene erstaunlich undogmatisch geraten. Das Spektrum reicht von
Pierre Bonnard und seiner Marthe – in Kimmelmans Augen eine Liebe so luftig wie die Gemälde selbst – über den Fernsehmaler
Bob Ross bis zu einem alpinistischen Selbstversuch. Denn welche Gipfel wollte ein Kunstkritiker erklimmen, wenn nicht
Petrarcas Mont Ventoux oder
Cézannes Montagne Sainte-Victoire? Kimmelman war oben und mag Sportsgeist in der Kunst. An
Charlotte Salomon oder
Eva Hesse lobt er Mut und Entschlossenheit.
Frank Hurley kommt wegen entbehrungsreicher Antarktisexpeditionen ins Pantheon. Der im Wunderkammerstil sammelnde Pharmaunternehmer
Albert C. Barnes hat immerhin ein „Mittel gegen Bindehautentzündung bei Neugeborenen“ erfunden und somit „das Sehen befördert“. Das erklärt nicht die Kunst, beweist aber, dass sie Zweifler mit ihrem Unterhaltungswert versöhnt. Am Ende kann man mit den Worten Reinhold Messners sagen, warum man den Berg hinauf beziehungsweise durch die Kunst hindurch kommen muss: weil beides halt da ist.
Ein ebenso leidenschaftlicher Verfechter der Kunst, wenn auch aus einer anderen Generation, ist der in diesem Jahr verstorbene Johannes Cladders, von 1967 bis 1978 Direktor des Städtischen Museums Mönchengladbach, in der Zeit vor dem Umzug in die Hollein’sche Renommierarchitektur. Zu Ehren und in Gedenken an Cladders hat das Museum nun eine Anthologie mit Eröffnungsreden und Einführungstexten aus Katalogen herausgegeben: „Johannes Cladders, Reden und Texte, 1967 – 1978, Eine Auswahl.“ Hier sieht man einen Museumsmann, dessen Verve und Empathie nicht zu Lasten seiner kunsthistorischen Sachkenntnis geht. Dem Leser wird auch ein Zeitgeist vermittelt, um das gespenstische Wort zu gebrauchen. Die Liste der vorgestellten Künstler beginnt mit Joseph Beuys und endet bei Jannis Kounellis, dazwischen liegt das Who‘s who der 1960er- und 1970er-Jahre. Gruppenausstellungen findet man keine. Der Freund kleiner Kunst-Häppchen hält sich fern von diesem Buch. Es ist für ernsthafte, interessierte Fleischfresser gemacht. Und unentbehrlich für alle, die Kunstgeschichte als Geschichte von Ausstellungen kennenlernen wollen.
Mike Kelley ist nicht nur ein Künstler mit drastischen Metaphern, sondern auch ein beherzter Kurator und umtriebiger Autor. Seit Oktober nun liegt die Ausstellungspublikation Mike Kelley: Educational Complex Onwards 1995 – 2008 vor, die mit ihren zahlreichen Abbildungen und ihrer Dokumentation auch kleinster Skizzen fast ein Catalogue Raisonné sein könnte. Die Publikation stellt die Genese der vielleicht wichtigsten Epoche im Œuvre des Kaliforniers dar. Es geht um den Educational Complex, Kelleys spezielles Forschungs- und Wissensprojekt, und unternimmt von dort aus den Exkurs zu weiteren wichtigen Werketappen. Diese stellen fast sämtlich die Frage nach der Verlässlichkeit von Erinnerungen und zerren das Verdrängte zurück ans Tageslicht. Die meisten hier präsentierten Werkgruppen erläutert Kelley erst einmal selbst, während am Schluss die Essays zweier Autoren folgen: Howard Singerman dividiert die Begriffe „Geschichte“ und „Erinnerung“ auseinander, während Diedrich Diederichsen über Ausbildungs- und Erziehungssysteme räsoniert. Dass er dort seinen Frust über deutsche Kunstakademien ablädt, macht den Beitrag für Kelley-Freunde nicht erhellender. Andererseits kann man mit selektiver Wahrnehmung auch Materialbände in „Bilderbücher“ verwandeln. Wem dies gelingt, der findet in diesem Buch eine perfekte Publikation.
Für den Rest der Welt hält der Bücherherbst noch jede Menge Anekdoten bereit. Eine besonders amüsante Variante dieses Genres ist Wolfgang Feltens „Die Sammlerfalle“. Der Jurist und (was sonst?) Sammler zeitgenössischer Kunst sowie südostasiatischer Skulpturen ist ein Kenner alten Schlages und beschreibt einfach seine Einkaufs-Reisen durch New York, Thailand, Burma oder Kambodscha. Dort hat er die schillerndsten Erlebnisse mit Militärs, Nabobs, windigen Händlern, Künstlern und deren Kindern. Felten ist Indiana Jones. Zugleich aber ist sein Buch die vergnüglich selbstironische Sektion einer Sammlerseele. Die Essenz der Khmer-Kunst, die er sammelt, beschreibt Felten eher zwischen den Zeilen in wenigen Sätzen. Anderswo behauptet er, dass buddhistische Skulpturen, sobald sie versehrt oder gar fragmentiert sind, ihren religiösen Status verlieren und daher unbedenklich gehandelt werden könnten. Jedenfalls hätte man sich die sympathische Distanz, die er zum sammelnden Selbst zeigt, auch beim Nachdenken über den Export südostasiatischer Kulturen in westliche Sammlungen gewünscht. Leser, die mit solcher Unbekümmertheit eher großzügig umgehen, werden durch einen kurzweiligen Reise-Tatsachen-Roman entschädigt. Da die stressverarbeitende Kunstwelt stets den preiswerten Kriminalroman der kunsthistorischen Abhandlung vorzieht, ist Feltens Buch eine hübsche Hilfestellung beim Aufbruch in die Wissenswelt. Abenteuer sind viel zu selten geworden.
Michael Kimmelman: „Alles für die Kunst“, aus dem Amerikanischen von Michael Bischoff, Berlin Verlag, Berlin 2009. 268 Seiten, div. s/w-Abbildungen, gebunden. ISBN 978-3-8270-0844-2, Euro 22,90
Museum Abteiberg (Hg.): „Johannes Cladders, Reden und Texte | 1967 – 1978, Eine Auswahl.“ Mönchengladbach 2009, 192 Seiten, ohne Abb., ISBN 978-3-924039-58-5, Euro 12,-- (im Museum), im Buchhandel evtl. anderer Preis
Mike Kelley: „Educational Complex Onwards 1995 – 2008“, herausgegeben von Mike Kelley und Anne Pontégnie. Hardcover, 344 Seiten. In engl. Sprache, 337 farbige Abbildungen. JRP | Ringier, Zürich 2009, ISBN 978-3-905829-80-8, Euro 48,--
Wolfgang Felten: „Die Sammlerfalle – Kunst – Sammeln – Reisen“, Buch&media, München 2009. 172 Seiten, ohne Abb., ISBN 978-3-86520-358-8, Euro 19,90