25. Juni 2010
Es hätte so schön werden sollen! Auf die umsatzstärksten und glorreichsten Auktionen impressionistischer und moderner Kunst überhaupt hatten sich Sotheby‘s und Christie‘s in London gefreut. Doch daraus wurde nichts. Mit beschämenden Quoten von jeweils rund 75 Prozent (Christie‘s) und 70 Prozent (Sotheby‘s) nach Losen absolvierten die beiden Auktionshäuser ihre Impressionist & Modern Art Sales. Grund war offensichtlich nicht nur die schwache Nachfrage, sondern waren die überzogenen Taxen. Kaum hatte sich der Markt nach einer langen Schwächephase robust im Verlangen nach hoher Qualität gezeigt, gab es auch endlich wieder Einlieferungen, die 2009 fast völlig weggebrochen waren. Allerdings hatten die Einlieferer jetzt deutlich übertriebene Preisvorstellungen.
Die Quittung: Ganze 16 von 51 angebotenen Losen fielen bei Sotheby‘s am Dienstag durch, immer noch 15 von 63 tags darauf bei Christie‘s. Die Auktionshäuser selbst sind daran nicht ganz unschuldig, hatten sie doch durchaus Mittelmäßiges mit erstklassigen Schätzpreisen in den Katalog gehoben. Einige Beispiele: Was mag Sotheby‘s etwa bewogen haben, Kees van Dongens durchschnittliches Portrait L'Amie de Mrs Edwards auf zwei bis drei Millionen Britische Pfund zu taxieren? Das Gemälde war zuletzt im Frühling des Boomjahres 2007 für 1,3 Millionen Britische Pfund inklusive Aufgeld versteigert worden. Die zugegeben immerhin lebensgroße Méditation. grand modèle von Auguste Rodin, von Sotheby‘s in einem Guss von 1982 und mit einer Taxe von 1,25 bis 1,8 Millionen Britische Pfund offeriert, blieb ohne Gebot. Kein Wunder: Am nächsten Tag gab es bei Christie‘s einen kürzlich aus Berlin restituierten Lebzeitguss der berühmten Figur L'Âge d'airain, mit 1 bis 1,5 Millionen Britische Pfund sogar noch günstiger vorbewertet. Der brachte prompt 3.401.250 Britische Pfund. Christie‘s seinerseits wollte wohl von den jüngsten Rekorden von Alberto Giacometti profitieren und schickte eine posthum gegossene kleine Büste seines Bruders Diego Giacometti ins Rennen, mit einer Taxe von 700.000 bis eine Million Britische Pfund. Die Rechnung war schon zuvor bei Sotheby‘s mit einem vergleichbaren Lebzeitguss nicht aufgegangen.
Und nur weil einige Händler seit einigen Jahren mangels Nachschub versuchen, das Spätwerk Pablo Picassos zu propagieren, ist der Markt noch lange nicht gewillt, zweite Qualität aus dieser Zeit zu spekulativen Preisen aufzunehmen – wie es jetzt bei Sotheby‘s mit Femme au Chat assise dans un Fauteuil (bei einer Taxe von vier bis sechs Millionen Britische Pfund) versucht wurde. Eine leichte Enttäuschung erlebte auch Christie‘s mit seinem Toplos vom selben Künstler. Das Portrait von Angel Fernández de Soto aus dem Jahr 1903 sollte schon einmal vor drei Jahren versteigert werden, mit der damals exorbitanten Schätzung von 40 bis 60 Millionen US-Dollar, nachdem Andrew Lloyd Webber es 1995 für 29.152.500 US-Dollar gekauft hatte. Damals hatten jedoch die Erben von Paul Mendelssohn-Bartholdy Restitutionsansprüche angemeldet. Nachdem die Streitigkeiten beigelegt wurden, sollte das Bild jetzt laut Schätzung mindestens 30 Millionen Britische Pfund einbringen. Dass man mehr erwartete, war ein offenes Geheimnis. Tatsächlich war ein Bietschritt über der unteren Taxe Schluss. Richtig schlimm erwischte es eine Nympheas-Version von Claude Monet: Das Bild sollte ebenfalls für 30 bis 40 Millionen Britische Pfund gut sein – das aber war im Umfeld des bisherigen Auktionsrekords wohl offensichtlich etwas zu viel für ein Gemälde, das in der Farbigkeit nicht völlig überzeugen konnte und unverkauft blieb.
Hochwertigere Ware wurde hingegen goutiert. Édouard Manets etwas altmeisterlich wirkendes Portrait de Manet par lui-même, en buste konnte bei Sotheby‘s trotz Rekordtaxe immerhin noch zum unteren Schätzpreis von 22.441.250 Britische Pfund inklusive Aufgeld abgesetzt werden. Nur wenn Qualität, Preis und Provenienz ein attraktives Gesamtpaket bildeten, zeigten sich die Bieter großzügiger. Das war zumeist bei niedrigpreisigen Werken der Fall. Eine der wenigen Ausnahmen bildete bei Sotheby‘s André Derains Landschaft Arbres à Coillure aus dem Jahr 1905, von der Familie des Vorbesitzers bei Ambroise Vollard gekauft. Unter diesen Voraussetzungen konnte aus dem Schätzpreis von neun bis 14 Millionen Britische Pfund der Rekordzuschlag von 16.281.250 Pfund brutto werden. Christie‘s punktete mit einem Frauenbildnis von Gustav Klimt. Das Portrait Ria Munks III war erst im Jahr zuvor den Erben der Dargestellten zurückerstattet worden und wechselte jetzt für 18.801.250 Britische Pfund knapp unterhalb der oberen Schätzung den Besitzer.
Beide Auktionen hinterlassen einen gleichermaßen gemischten Eindruck. Die Pressemitteilung von Sotheby’s bettet das – gemessen am Angebot – bescheidene Gesamtergebnis von 112.101.350 Britischen Pfund inklusive Aufgeld, das damit am Rand der unteren Schätzpreissumme liegt, denn auch lieber in die bisherige Auktionssaison ein, die dank der starken Frühjahrsauktionen auf Rekordkurs liegt. Bei Christie‘s konnte man sich bei vergleichbar mäßiger Performance bei einer Zuschlagssumme von 152.595.550 Britischen Pfund trotz Verfehlen der unteren Schätzpreissumme immerhin über die höchste Gesamtsumme freuen, die in Großbritannien je mit einer Kunstauktion erzielt wurde. Ein fader Beigeschmack bleibt trotzdem. Die Auktionshäuser werden sich fragen müssen, ob es langfristig strategisch klug ist, den Markt immer wieder aufs Neue mit Schätzpreisen jenseits der Schmerzgrenze zu strapazieren.