7. März 2009
Sie gehörten zu den Spitzenlosen der Pariser Auktion von Antiquitäten des verstorbenen Modeschöpfers Yves Saint Laurent am vergangenen Wochenende bei Christie’s, die ursprünglich aus dem Sommerpalast des Kaisers in Peking stammenden Tierköpfe aus dem 18. Jahrhundert. Als die Bietgefechte um sie ein Ende fanden, war ihr Preis auf sagenhafte 31 Millionen Euro gestiegen. Der Käufer? Ein chinesischer Kunstliebhaber. Mittlerweile kennt jeder seinen Namen, denn Cai Mingchao, aus dem südchinesischen Xiamen, will nicht zahlen. Er sehe dies als patriotischen Akt, so Mingchao vor laufenden Kameras, schließlich seien die bronzenen Skulpturen eines Hasen und einer Ratte 1860 im Zweiten Opiumkrieg von britischen und französischen Truppen geraubt worden. Passenderweise ist Mingchao Berater des privaten chinesischen Fonds für Nationalschätze, der sich um die Rückkehr von Raubkunst nach China bemüht. Als solcher ist Mingchao auch schon vorher in Erscheinung getreten, sonst wäre er in Paris gar nicht erst als Bieter zugelassen worden. Die Frist für die Überweisung des Ersteigerungsbetrages ist am 4. März abgelaufen, ohne dass eine Einigung erzielt wurde. Schon im Januar hatte die chinesische Regierung gerichtlichen Einspruch gegen die Versteigerung der Bronzeköpfe erhoben. Das Auktionshaus Christie’s hatte dagegen erklärt, die Eigentumsrechte an beiden Objekten lägen einwandfrei beim Einlieferer der Arbeiten, Yves Saint Laurents langjährigem Lebensgefährten Pierre Bergé. Der hatte erklärt, China könne die Köpfe zum Preis der Unabhängigkeit Tibets zurückerhalten.
Sollte das Beispiel des widerborstigen Mingchao Schule machen, haben die Auktionshäuser in ohnehin friedlosen Zeiten demnächst ein Problem mehr. Wer dessen Reaktion nämlich für die eines einzelnen Trotzkopfes hält, verkennt die Gefahr, die sie birgt. Denn das offizielle China steht dem patriotischen Gehabe durchaus positiv gegenüber. So hatte ein Pekinger Parlamentssprecher die Tat als „Lektion für die ganze Welt“ gelobt. Früher war die Regierung selbst als Käufer aufgetreten und hatte das in alle Welt verstreute kulturelle Erbe ohne viel Aufhebens repatriiert. Mittlerweile ist das der Landesführung aber wohl kostspielig, denn sie konkurriert nicht nur mit den klassischen Sammlern der Alten Welt, sondern mit dem steigenden Wohlstand ihrer eigenen Bevölkerung vor allem mit potenten Einheimischen.
Hohe Zuschlagpreise chinesischer Bieter sind in der Auktionsrealität keine Seltenheit, eher im Gegenteil. Für die Spitzenstücke der Asiatika-Auktionen erhalten in den letzten Jahren oft sie den Zuschlag. Es scheint, als habe die lange Zeit der Entbehrung einen unstillbaren Hunger auf all das ausgelöst, was in europäischen und amerikanischen Sammlungen lange Zeit seiner Vergoldung harrte. Eine Entwicklung, die seit Jahren zu enormen Zuwachsraten auf dem Gebiet der entsprechenden Auktionen führt.
Der Auktionshandel selber verfügt in China indes über keine lange Tradition. Gegen Ende der 1950er Jahre besiegelte die Regierung im Rahmen der nationalen Neuordnung das Schicksal des nicht einmal 100 Jahre zuvor durch die Briten in Schanghai ins Leben gerufenen Auktionswesens mit der Schließung der letzten chinesischen Firmen. Erst 1986 wurde der Markt mit der Neueröffnung eines Kunstversteigerers in Kanton wieder belebt. Nach einer ersten Einführung von Gesetzen zur Regelung des Auktionswesens 1997 hat China Ende 2004 weitere von der WTO geforderte Kriterien erfüllt und den internationalen Häusern den Handel zugänglich gemacht. Seitdem ist es Auktionsfirmen ausländischer Eigner offiziell erlaubt, auf dem chinesischen Kontinent tätig zu werden. Doch während sich die Auktionen mit asiatischer Kunst weltweit zu Räumungsverkäufen entwickeln, zögern die internationalen Firmen immer noch, sich in China selber niederzulassen. Dass auch Jahre nach der Öffnung der Pforten keine der bedeutenden Firmen bisher tatsächlich eine Auktion außerhalb von Hongkong abgehalten hat, schuldet sich einfachen Gründen. Während das chinesische Wirtschaftsministerium die Tore für den ausländischen Handel im Lande öffnete, schränkt das Kulturministerium durch seine Gesetzgebungen im Bereich des Kulturgüterschutzes den freien Warenaustausch ein. Die bürokratischen Hürden zu Im- und Export der Güter sind hier hoch. Wirtschaftlich besteht meist kein Bedarf daran, den Ort der Auktionen zu verlegen. Die chinesischen Bieter kamen in den letzten Jahren auch so zuhauf aus China, Taiwan und Hongkong nach London, Amsterdam, New York und Paris. Dorthin wird von den internationalen Häusern gezielt all das geschafft, was das angereiste Publikum dankbar annimmt. Asiatischer Markenfetischismus macht auch vor den Namen Sotheby’s und Christie’s nicht halt.
Die Auktionen asiatischer Kunst bei Lempertz in Köln und Nagel in Stuttgart stehen ebenfalls auf der Reiseliste der Bietwilligen. Fast könnte man von Auktionstourismus sprechen. Die Zeiten allerdings, in denen chinesische Bieter während den Veranstaltungen ihr mitgebrachtes Mittagessen verzehrten oder tumultartig in den Saal riefen, sind schon lange vorbei. Man hat sich den Gepflogenheiten des Handels angepasst. Heute kommt es nur gelegentlich noch zu Missverständnissen zwischen den Kulturkreisen. Zum Beispiel dann, wenn einzelne Interessenten die Objektbeschreibungen in den Katalogen aufgrund fehlender Englischkenntnisse versehentlich falsch deuten. Auf der anderen Seite muss sich der westliche Auktionshandel mit der bedächtigen Rechnungsbegleichung der chinesischen Bieter einer Lektion in Sachen Gelassenheit unterziehen. Bei Lempertz und Nagel orientiert man sich an der Devise „Was lange währt wird endlich gut.“
Welche Personenkreise genau hinter den explodierenden Ankaufszahlen seit etwa 2004 stecken, ist manchmal schwer einzuschätzen. Zwar tauchen auf den internationalen Auktionen häufig dieselben Bieter auf, ob es sich dabei jedoch um Sammler oder Zwischenhändler handelt, wissen auch die Auktionshäuser oft nicht. Einige hochrangige Sammler sind selbstverständlich längst bekannt. Viele der unbekannten Interessenten sprechen jedoch wenig bis gar nicht über Sinn und Zweck der Käufe. Dafür legen sie großen Wert auf die Vorbesichtigung der Ware und wollen diese dort meist auch ausführlich haptisch erfahren. Es ist daher mittlerweile auch für deutsche Auktionshäuser üblich, zumindest die Spitzenstücke ihrer Auktionen in China auszustellen und grundlegende Informationen in den Katalogen auch in chinesischer Sprache abzudrucken.
Bourgeoise Sonderzubehöre wie der prestigeträchtige Kraftwagen und die Villa sind nicht mehr die einzigen eine neue chinesische Elite kennzeichnenden Insignien. Neuerdings gehört auch der Kauf von Kunst dazu. Die kann sich freilich nur ein sehr kleiner, wenn auch stetig wachsender Teil der Bevölkerung leisten. Der Geschmack Chinas neuer Reicher ist eher konventionell. Große chinesische Auktionshäuser offerieren in mehreren Auktionen jährlich klassische Tusche- und Ölmalerei des 20. Jahrhunderts, Kalligraphie und Kunsthandwerk. Hinter der Machtdemonstration einzelner Neureicher meint man gelegentlich etwas zu spüren, das seine endgültige Form noch nicht gefunden hat. Denn mit der Umwandlung vom Kommunismus zum Konsumismus haben sich zuweilen Gepflogenheiten eingeschlichen, die viele der jungen Erben der 5.000 Jahre alten Kultur als gnadenlose Imitatoren entlarven.
Der großen Begeisterungsfähigkeit für Luxusgüter aus dem Westen steht jedoch eine weitere wesentliche chinesische Haltung entgegen. Aus dem seit Jahrzehnten von Staatsseiten instrumentalisierten Gefühl der nationalen Schande (guochi) hat sich eine wahrhaftige Souveränitätsbesessenheit entwickelt. Auch in der Auktionslust der Bieter spielt das Argument der Demütigung Chinas durch das Ausland eine nicht unwesentliche Rolle. Schon im April 2005 kamen bei Christie’s in Hongkong Gegenstände zur Versteigerung, die im Zuge des zweiten Opiumkrieges 1860 von den Invasionstruppen aus dem alten Sommerpalast in Peking geraubt worden waren. Schon damals kam es zu Menschenaufläufen, die skandierten, die Würde des chinesischen Volkes würde mutwillig verletzt. Christie’s hielt an der Versteigerung fest. Viele der Stücke gingen für Millionenerlöse an eine staatliche Firma, deren Führung den Ankauf zur im Namen des chinesischen Volkes ausgeführten Handlung erklärte.
Andernorts soll das libidinöse Verlangen nach Kunst und Antiquitäten auch ein Gefühl der Unvollständigkeit ausgleichen. Denn in der altchinesischen Ständeordnung steht der Kaufmann an letzter Stelle. Feind der Volksrepublik war jahrzehntelang bekanntermaßen der Kapitalist. Dessen Rehabilitierung ist zwar öffentlich bereits erfolgt, so dass Prinzipien wie genügsame Lebensführung oder die Ablehnung jedes Gewinnstrebens sich als die Ideale tugendhaften Lebens überholt haben. Dennoch scheint es, als habe die Indoktrinierung einen mächtigen Zwiespalt hinterlassen.
Privatunternehmer mit immensen Sammlungen rühmen sich damit, aus patriotischen Gründen dem Kunstgenuss zu frönen. So wird der heißblütige Rückkauf oftmals als nationaler Akt angesehen. Keinesfalls im Ausland verbleiben soll, was durch Plünderungen den Weg in den Westen fand. Dass viele der angebotenen Stücke im Zuge friedlicher Auslands- und Handelsbeziehungen nach Übersee kamen, wird dort, wo man die Rückkehr des einzelnen Kunstobjektes als überfällig und bereinigend empfindet, häufig übersehen. Wenn die ersteigerte Kunst dann gar noch mit kaiserlichen Siegeln oder Marken versehen ist, strahlt sogar noch etwas ab vom Glanz vergangener Zeiten. Der Traum des Aufsteigers vom Adelsbesitz paart sich im Reich der Mitte mit ideologischen Machtansprüchen eines nationalbewussten Staates.
Bis heute ist nicht klar, wie bruchlos sich die Metamorphose vom Bauern- zum Industriestaat vollziehen wird. So wie in Pekings zu großen Teilen zerstörten Altstadtvierteln von einem auf den anderen Tag das Kreidezeichen zum Abriss an der Hauspforte stand, sind sich viele der zu Reichtum gekommenen Chinesen darüber bewusst, dass auch ihr Traum vom Glück schnell vorbei sein kann. Aus der Aufkaufhysterie spricht daher nicht nur die viel beschworene Wirtschaftswunderstimmung, sondern auch ein gewisser Fatalismus. Wer weiß schon, wie lange man noch teilhaben kann am großen Kuchen für eine kleine Anzahl Privilegierter.
Aber noch ein anderer Faktor ist für das Einkaufsverhalten der geschäftstüchtigen Chinesen von großer Bedeutung. Die Experten beim Kölner Kunstversteigerer Lempertz wissen zu berichten, dass für die chinesischen Bieter vor allem die Provenienz der Objekte wichtig ist. Die Herkunft aus alten europäischen Privatsammlungen wird zu Recht als Garant für die Echtheit der Ware angesehen. Denn mit einem blühenden Auktionsmarkt haben sich auch die Fälscher eingefunden. Die produzieren Nachbildungen, deren Qualität selbst dem langjährig geübten Experten Probleme bei der Bewertung bereitet. Bei Lempertz nimmt man daher so gut wie keine Kunstgegenstände an, die aus China direkt angeboten werden. Doch in nicht allzu weiter Ferne könnten die europäischen Quellen versiegt sein. Dieser Entwicklung wird mit gemischten Gefühlen entgegen gesehen. Während die eine Seite mit dem baldigen Kollaps des Marktes rechnet, vertraut die andere auf die Selbstregulierung des Marktes.
Europäischen Händlern und Sammlern bleibt derweil meist nur noch die Rolle des mit offenem Mund am Rand der Auktion stehenden Beobachters übrig. Gegen die finanzielle Übermacht der chinesischen Bieter ist selten ein Kraut gewachsen. Frustrationen sind längst gegenwärtig. Denn im Zuge der Auflösung vieler alter Sammlungen kommen Stücke auf den Markt, die wieder andere ergänzen könnten. So wie im Falle einer bei Christie’s in London im Juli 2005 versteigerten, kaiserlichen Lacktafel von 1788. Aus der Reihe von Tafeln historischer Schlachtenszenen der Ära Qianlong (1736 – 1795) besitzt das Museum für Ostasiatische Kunst in Berlin ein Gegenstück. Dessen ehemaliger Direktor, Prof. Dr. Willibald Veit, kann über die Frage, ob man in seiner Zeit über Ankäufe von Objekten zumindest nachgedacht habe, nur lachen. Solcherlei Überlegungen verursachten ihm Unwohlsein, weshalb er sie lieber gleich unterlasse. Bei einem Hammerpreis von in diesem Fall 628.286 Euro, die ein chinesischer Privatsammler bewilligte, blieb ihm da tatsächlich nicht viel anderes übrig. Seinen Nachfolgern auch nicht: 2009 würden die Tafeln vermutlich ein Mehrfaches kosten.