6. August 2010
Manchmal macht Verzweiflung kreativ, manchmal macht Kreativität auch verzweifelt. Bei den deutschen Galerien scheint im Moment beides der Fall zu sein, darauf deutete zuletzt eine Broschüre des Bundesverbandes Deutscher Galerien und Editionen e.V. (BVDG) hin. In ihr schlagen die Verbandsvertreter vor, die steigenden Produktions- und Marketingkosten der Galerien von den Künstlern bezahlen zu lassen (artnet berichtete). Gemeint ist nicht ein Solidarzuschlag künstlerischer Besserverdiener für notleidende Galeristen. Die erfinderischen Lobbyisten dachten vielmehr an eine Art Sondereinkommenssteuer auf Messeverkäufe und kostspielige Skulpturen und Installationen. Statt der gewohnten Hälfte bekäme der Künstler dann lieber nur 40 Prozent vom Erlös. So bliebe die Galerie vom Ruin noch einmal verschont.
Was sich wie eine Posse um den Einfallsreichtum listiger Kaufleute liest, hat jedoch einen ernsthaften Hintergrund. In einer Branche, in der man auf einer einzigen Messe schon mal die Jahreskosten wieder hereinholen kann, sind Messesteuern und Lehenspflichten der falsche Weg, um höhere Produktionsaufwendungen zu kompensieren. Wichtig ist aber die Feststellung, dass der Berliner Verband auf einen Strukturwandel reagiert, der von Politik und Öffentlichkeit geflissentlich übersehen wird. Denn tatsächlich wird ein großer Teil junger, innovativer Kunst heute nur noch in den Galerien und Kunstvereinen gezeigt. Die Gleichförmigkeit der Museen, ihr von der Politik gesteigerter Hunger nach dem touristischen Massenpublikum, haben zu einer Ausstellungslandschaft geführt, in der die Arbeit mit dem künstlerischen Nachwuchs, die Produktion komplexer und kostspieliger Werke, die Vermittlung dessen, was morgen in Großausstellungen gefeiert werden wird, dem privaten Sektor und kleineren Institutionen überlassen bleibt. Den Löwenanteil der Investitionen finanzieren dabei zunächst die Galerien. Wer, fragt man sich da, fördert eigentlich dieses öffentliche Engagement?
Damit ist nicht der Ruf nach Subventionen für gewinnorientierte Kaufleute gemeint. Man darf aber fragen, warum nach all den Sonntagsreden zur Kreativwirtschaft keine effiziente Strukturförderung bei den Galerien ankommt. Weil Galeristen in Fernsehfilmen als schwerreiche Bohèmiens gezeigt werden? Oder weil es in Miami feuchtfröhliche Pool-Parties gibt? Eine realistischere Sicht der Dinge müsste eine Antwort auf die Frage finden, wo eigentlich das kunstinteressierte Publikum in Köln oder Berlin das größte Gegenwartskunstmuseum findet. Antwort: Über die Stadt verteilt als Netz der zeitgenössischen Galerien. Dort und in einigen Projekträumen und dem einen oder anderen lokalen Kunstverein findet die Kunst statt, die Museumskuratoren zu schwierig, kleinteilig, neu, aufwendig oder gremienuntauglich ist. Dort wird schnell und kompromisslos das gezeigt, was der Staat sich nicht mehr leisten will. Dort wird aber auch Standortpolitik gemacht, die Grundlage für künstlerische Existenzen gelegt, dem Publikum erklärt, was es sonst nur mit großer Verspätung erführe. Dort wird die Stadt kulturtauglich gemacht. Dort werden die Events geschaffen, auf denen man mehr als das längst Etablierte erlebt. Dort reden Künstler mit dem Publikum. In genau dieser Szene wird also die Stadt kulturell attraktiv.
Fraglos trifft diese Beschreibung nicht für jeden Kunstverein und auch nicht jede Galerie zu. Es sind die besseren Galerien und Galeristen, die der Kunstszene heute jene Nachhaltigkeit erwirtschaften, für die der öffentlichen Hand längst der Sinn abhanden gekommen ist. Wenn also ratlose Galeristen sich ihre Refinanzierung aus dem Geldbeutel derjenigen holen wollen, deren Kreativität sie immerhin ausbeuten, hilft nicht der Spott über die untaugliche Idee. Man sollte vielmehr die Galerien (und nicht nur die im Verband zusammengeschlossenen) dazu anstiften, dass Länder und Bund sich gerade für jene Galerien stärker einsetzen, die programmatisch Künstler aufbauen und langfristig Œuvres zu entwickeln helfen. Warum werden kreative Projekte wie die Temporary Gallery Cologne nicht schneller und wirksamer von der Politik unterstützt? Warum sind deutsche Kommunen so entsetzlich schwerfällig, wenn es gilt gemischte privat-öffentliche Standorte zu schaffen, an denen das Publikum zwischen Handel und Institutionen ohne Schwellenangst wechseln kann? Warum werden keine Entwicklungszonen geschaffen, in denen sich junge Galerien mit anspruchsvollen Programmen bevorzugt ansiedeln können, so dass die Öffentlichkeit auch dann, wenn sie (noch) nicht sammelt, die Kunst von heute sehen und erkunden kann?
Wer die Sparbeträge kennt, mit denen Kommunen Kultur- und Projektförderung betreiben, fragt ernstlich wie eine föderale Kulturlandschaft in Deutschland erhalten bleiben soll. Abwarten hilft da nicht. Galeristen sind Kuratoren geworden. Nun müssen sie auch Kulturpolitiker sein. Die Verbände, aber auch die etablierten, sachkundigen Individualisten, die seit Jahren erfolgreich mit Kunst handeln, müssen sich öffentlich Gehör verschaffen. Sie verdienen in guten Jahren gut an der Kunst, das war immer so. Sie bringen der Gesellschaft heute aber Zusatzdienste, an die vor einigen Jahren noch überhaupt niemand zu denken wagte. Gerade hat der Berliner Bürgermeister Wowereit wieder einmal gebetsmühlenartig wiederholt, dass die Stadt eine Kunsthalle brauche. So gieren die Kommunen nach neuen Häusern, für die es doch an schlagkräftigen Konzepten fehlt, seitdem die Kulturförderung mehr und mehr den Populismus betont. Die Temporäre Kunsthalle hat auf dem Berliner Schlossplatz gezeigt, wie erbarmungswürdig eine Institution scheitern kann, die keine Vision mitbringt, sondern nur eine leere Hülle bleibt. Erfolgreiche Galerien sind keine leeren Hüllen, sonst überleben sie nicht. Vielleicht schauen sich die Politiker bis hin zum Staatsminister Bernd Neumann um und überlegen, wie beispielsweise in der Technologie- und Wissenschaftsförderung privater und öffentlicher Sektor kooperieren. Vielleicht denkt auch der BVDG daran, wie man statt Künstler zu schröpfen die Kommunen auf ihre Bringschuld hinweisen kann. Die Lage ist nämlich schlimmer als bekannt. Die Kunstvereine bluten längst finanziell aus. Projekträume überleben nur durch Selbstausbeutung. Die Politik hat an vielen Orten den Kontakt zur globalisierten Kunstszene fast völlig verloren. Der private Sektor darf deshalb nicht länger in die Pflicht genommen werden, ohne dabei strukturelle Unterstützung zu erhalten. Wenn Politik und Verwaltung sich nicht endlich bewegen, verarmt die Kunst. Genau hier für einen Aufbruch zu werben, wäre ein ganzes Dutzend Verbandsbroschüren wert.