Die Filminstallationen der Skulpturprojekte Münster 2007

Geborgte Orte

Rainer Bellenbaum
31. Juli 2007
„skulptur projekte münster 07“, Münster. 17. Juni bis 30. September 2007

Es sind außergewöhnliche Orte, an denen die vier als Film oder Filminstallation konzipierten Beiträge für die Skulpturprojekte Münster zur Vorführung kommen. In der Regel spielen dort andere Dinge eine Rolle. Etwa die Verwaltung von Steuern im Finanzamt, wo Guy Ben-NerI'd give it to you if I could, but I borrowed it zeigt. Der Präsentationsraum von Valérie JouvesMünsterlands dient eigentlich als Fußgängerunterführung. Und Eva Meyer und Eran Schaerf haben für Sie könnte zu Ihnen gehören den Konferenzraum eines Hotels gewählt. Nur Clemens von WedemeyersVon gegenüber läuft standesgemäß in einem Bahnhofskino, das allerdings – vom Abriss bedroht – seinen Betrieb zuvor  eingestellt hatte.

Dass alle vier Filme die Frage nach der Ortsspezifik, jenem für die Münsteraner Skulpturenausstellung so zentralen Produktionsbegriff, ganz besonders herausfordern, liegt nicht zuletzt daran, dass Filme und erweiterte Skulpturen hinsichtlich ihrer örtlichen Strukturen nahezu entgegen gesetzte Entwicklungen aufweisen. Bezogen sich etwa die vor 30 Jahren für Münster ausgewählten Exponate noch vorwiegend auf reale, klar umrissene Standorte, so kennzeichnet die aktuellen Werke eher eine deterritorialisierende Strategie. Statt auf erdgebundene Markierungen oder baubezogene Installationen zielen Künstlerinnen und Künstler  zunehmend auf die transitorischen Funktionen des Ortes. Schaut man dagegen in die Filmgeschichte, sind gerade die traditionellen Erzeugnisse von der Virtualität der Räume geprägt, vom Zwiespalt zwischen Studio-Drehort und dem davon verschiedenen Schauplatz der dargestellten Handlung sowie den verstreuten Kinos, in denen der Film am Ende zur Aufführung kommt. Erst mit dem Neorealismus fallen Drehort und Schauplatz öfter zusammen. Und nur im Extremfall können sich überdies beide mit dem Ort der Vorführung decken.

Unter den in Münster gezeigten Filmen wird diese extreme Übereinstimmung weitgehend bei Clemens von Wedemeyers Projekt erreicht. Drehort und Schauplatz der Handlung sind dabei der lokale Hauptbahnhof und seine Umgebung, in der sich auch das aufführende Kino „Metropolis“ befindet. So betrachtet das Publikum auf der Leinwand dieselbe Szenerie, die es draußen vor dem Kino sehen kann: die Schnittstellen von Nah- und Fernverkehr, die Gemengelage aus Eiligen und Anliegern, Imbissbuden, Marktschreier, Demonstranten und auch Wohnungslose, die im anonymen Getriebe des Bahnhofs eine Nische suchen. Spannend wird Von Gegenüber dort, wo die direkte Beobachtung des viel genutzten Ortes in einzelne szenische Interventionen übergeht. Indem der mit dokumentarischem Gestus gedrehte Film seine Handlung teils subtil, teils deutlich als Spiel zu erkennen gibt, weckt er die Ahnung davon, dass auch das Geschehen draußen im Bahnhof auf einer Bühne spielt. Das Kinopublikum spekuliert darüber, welche der Leinwandfiguren schauspielert und welche unabhängig vom Film am Drehort anwesend war. Entsprechend fragt man sich draußen, inwieweit das vermeintlich authentische Bahnhofsleben ebenfalls inszeniert ist und von wem.

Expliziter noch rekonstruieren Eva Meyer und Eran Schaerf solche dem medialisierten Stadtbetrieb eingeschriebene Fiktionalität. Ihr Film Sie könnte zu Ihnen gehören beginnt mit Aufnahmen im leeren Publikumsraum des Münsteraner Stadttheaters. Einziger Gast ist eine extravagant gekleidete Frau (Carola Regnier), die – statt eines Schauspiels – die Innen- und Außenwelt des 1950 erbauten  Theatergebäudes betrachtet. Ihre Gänge durch den Saal, das Foyer, auf den Treppen, dem Dach oder dem Balkon wirken genauso streng gemessen wie die dabei von ihr vorgetragenen literarischen Reflexionen über die „Vielzeitigkeit“ der Gegenwart: „Wenn Sie das lesen, bin ich bereits in einem anderen Film!“ Und wie beim Wort genommen, unterbrechen Ausschnitte aus historischen, in Münster gedrehten oder dort spielenden Kinofilmen die Streifzüge der theatralen Flaneurin. Fast wirkt es so, als werde ihre Rolle gegen die Protagonistinnen jener Szenen getauscht: gegen Sabine Sinjen als heimliche Geliebte in dem 1960er-Jahre-Streifen Alle Jahre wieder; gegen eine deutsche Widerstandskämpferin, wie sie in Hollywoodkulissen von Nancy Coleman in Desperate Journey interpretiert wurde, oder gegen die von einem Dokumentarfilm porträtierte Louise Gumprich, die während der 1930er-Jahre in Münster einen jüdischen Tennisclub gegründet hatte.

Dabei prallen Melodram, Essay und Reportage, Schwarzweiß und Farbe, Literatur und Architektur spröde aufeinander. Nur selten sind die Brüche durch sich bietende Anschlusskonventionen, wie etwa Schuss-/Gegenschuss-Einstellungen geglättet. Jede Szene – nicht nur jede Protagonistin – kommt wie aus einer anderen Welt, trotz des gemeinsamen Schauplatzes „Münster“. Geistreich fokussiert Sie könnte zu Ihnen gehören die Stadt aus der Besucherperspektive und die Aufführung im Hotel unterstreicht es: Der medialisierte Ort wird zum Refugium für die von der Synchronizität historischer Repräsentationen zugewiesenen Gastrollen.

Besucherinnen und Besucher sind es auch, die Valérie Jouve in ihrem Film Münsterlands spazieren gehen lässt. Drei Personen gelangen auf unterschiedlichen Verkehrswegen in die Stadt: ein Mann kommt als Arbeiter auf einem Frachtkahn und nimmt Landurlaub; anderswo steigt eine Frau aus der Regionalbahn; eine weitere Frau kommt als Mitfahrerin per Auto. Was die drei in Münster vorhaben, ist kaum zu erkennen. Eher irrlichtern sie, jeder für sich, über Böschungen, Felder, Autobahnbrücken, Seitenstraßen, kurz: durch die Peripherie der Stadt. Wenn zwei der Reisenden sich unterwegs treffen, erscheint dies genauso zufällig, wie wenn sie zwischendurch an jener Unterführung vorbei kommen, welche die Regisseurin ihrerseits für die Vorführung des Films ausgewählt hat. Fluchtpunkt, Passage, Vorführraum – mit der Gleichzeitigkeit seiner drei verschiedenen Funktionen gewinnt der Fußgängertunnel hybriden Charakter. Zwei kleine Stuhlreihen markieren für die Zeit der Ausstellung das provisorische Kino.

Daneben, im Dunkeln, steigern kaum sichtbar aufgehängte Fotoserien den Sinn fürs Schattendasein. Wie eindringlich Jouve sich die transitorischen Gegebenheiten des Ortes zunutze macht, lässt sich vor allem auch daran erkennen, dass sie einen wohnungslosen Münsteraner, der die Unterführung zuvor als „Wohnzimmer“ genutzt hatte, als vierten Spaziergänger in ihr Projekt integriert hat. Als Pfandflaschensammler hat der Mann für seine Wege im Film offenbar dringlichere Gründe als die drei Reisenden. Gleichwohl fehlt auch ihm der feste Stützpunkt. Zumindest hat er für die Zeit des „Kinos“ sein „Wohnzimmer“ im Tunnel aufgegeben. Fragt sich, ob die künstlerische Umfunktionalisierung eines öffentlichen Ortes dessen Betrachter zum Anlieger mit mehr Berechtigung macht als denjenigen, der hier dysfunktional seine Notunterkunft sucht?

Weniger eine Umfunktionalisierung als einen metaphorischen Eingriff stellt dagegen Guy Ben-Ners Fahrrad-Installation I'd give it to you if I could, but I borrowed it dar. Kernstück ist ein Video, in dem der israelische Künstler sich selbst und seine beiden Kinder als Kunst-Dekonstrukteure inszeniert. Gemeinsam nehmen sie berühmte Fahrrad-Skulpturen auseinander – DuchampsFahrrad-Rad, PicassosStierschädel, TinguelysCyclograveur und BeuysZerstörte Batterie –, um daraus ein verkehrstüchtiges Fahrrad herzustellen, mit dem sie schließlich durch die Stadt fahren.

Die Reflexivität auf die Spitze treibend, installiert Ben-Ner sein Video so auf dem Fahrrad eines Heimtrainers, dass man die eigene Tretkraft aufbringen muss, um das Video vorwärts oder rückwärts in Gang zu setzen, zu beschleunigen oder zu bremsen. Humorvoll und virtuos reflektiert solche Partizipation (wie auch die Appropriation von Seiten des Künstlers) den im selben Haus stattfindenden Finanzamt-Betrieb, ohne diesen allerdings zu stören. Untergebracht in einem Vorbau des Hauses mit extra eingerichtetem Treppenzugang, verweist auch I'd give it to you if I could, but I borrowed it nicht zuletzt auf die Vielzeitigkeitdes Ortes, in diesem Fall auf die unterschiedlichen Besuchszeiten für Kunstpublikum und Steuerpflichtige.


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