Die Entwicklung des Kunsthandels nach 1945. Teil 5

Der neue Sammler

Rudolf Zwirner
15. Juni 2006
Im letzten Kapitel seines Rückblicks auf die Entwicklung des Kunsthandels seit 1945 widmet sich Rudolf Zwirner der Figur des Sammlers. Auch sie hat sich in den Jahren gewandelt. Die neuen Vertriebswege im Internet, Online-Plattformen des Kunsthandels, erlauben dem Sammler rund um die Uhr, jeden Tag im Jahr, seiner Leidenschaft nachzugehen.

Schon Peter Ludwig und nach ihm Karl Ströher erkannten durchaus die Kosten sparende und Wert steigernde Möglichkeit der musealen Präsentation ihrer großen Sammlungsbestände. Sie beide hatten aber das erklärte Ziel, ihre Sammlungen der Öffentlichkeit zu stiften, was in Darmstadt nur auf Grund der Borniertheit der Wiesbadener Landesregierung verhindert wurde. Während Peter Ludwig als Sammler alter Schule Weltkunst vom Mittelalter bis zur Neuzeit für die Museen sammelte und dabei als erster großer Sammler auch die Pop Art für das Walraff-Richartz Museum in Köln kaufte, setzt Saatchi die Museen bisher unverhohlen in den Dienst seiner Marktstrategien. Während er 1987 als Mitglied im Ausstellungsausschuss der Tate Gallery tätig war, wurden dort Teile seiner damaligen Sammlung ausgestellt, kurz bevor sie dann verkauft wurden.

Als Inhaber einer erfolgreichen Werbeagentur erkannte er wie kein anderer, wie sich die Nachfrage für zeitgenössische Kunst durch das Prestige anerkannter Museen steigern lässt, die er allerdings nicht mehr als Endstation anvisiert, sondern als Wert steigernde Durchgangsstationen für die erfolgreiche Vermarktung auf Auktionen oder im Handel. Mit Charles Saatchi kam in den 1980er Jahren ein neuer, ganz auf zeitgenössische Kunst spezialisierter Sammlertypus in die Kunstszene, der seine Erwerbungen unter marktstrategischen Gesichtspunkten tätigte und Ateliers, Galerien sowie Auktionshäuser in seine Strategien mit einbezog. Zusammenfassend lässt sich eine enorme Vergrößerung, Beschleunigung und Globalisierung des Kunstmarktes seit den 1960er Jahren konstatieren.

Die Pop Art, besonders aber der Medienstar Andy Warhol hat den Kunsthandel durch das öffentliche Interesse an seiner Person und seinem Werk mehr verändert, als irgendeine Kunstrichtung oder ein Künstler je zuvor. Die revolutionäre Erweiterung des Kunstbegriffs durch Marcel Duchamp beeinflusste nur die Fachwelt, der radikal veränderte Kunstbegriff Andy Warhols hingegen eine breite Öffentlichkeit. Die Pop Art und in ihrem Gefolge die Kunstmärkte erreichten neue Sammler und Märkte besonders in den USA. Noch bis 1960 war der Kreis der Künstler, Händler und Sammler sehr, sehr klein, der Dialog unter ihnen jedoch umso intensiver. Die rasante Professionalisierung des Kunsthandels und mit ihr die neuen technischen Errungenschaften wie die schnellen und bequemen Flugverbindungen in alle Welt, das Faxgerät und der Computer sowie Internet und Website beschleunigten in den 1980er Jahren den Kunsthandel zusätzlich.

Darüber hinaus erzeugten und erzeugen die Möglichkeiten der Datenverarbeitung und des Informationsservice durch Computer und Internet hohe Erwartungen an neuartige Vermittlungs- und Vermarktungsformen. So verlegte die Frankfurter Galerie Hans Neuendorf ihr Geschäft ganz vom traditionellen Kunsthandel weg zur Aufbereitung von Daten des Kunsthandels wie zum Beispiel Auktionsergebnissen sowie zum Anbieten und Suchen von Kunstwerken über Internet. Das von Hans Neuendorf ins Leben gerufene artnet speichert alle Daten von Kunstwerken inklusive ihrer Abbildungen, die durch Auktionshäuser weltweit seit 1985 verkauft worden sind. Hierbei werden auch kleinere und weniger bekannte Auktionshäuser erfasst, sofern sie Kataloge publizieren. Bereits über Tausend Kunsthändler und Galeristen offerieren oder annoncieren im artnet Kunstwerke oder Ausstellungen. Jeder Kunsthändler und Sammler kann heute in Sekundenschnelle Farbabbildungen mit genauen Daten und Preisen von Werken bestimmter Künstler auf seinem PC abrufen.

Somit ist es heute nicht nur den Auktionshäusern mit ihren eigenen Informationssystemen, sondern jedem Händler oder Sammler möglich, sich über Preisveränderungen, erfolgte Verkäufe oder zukünftige Angebote zu informieren. Die Galeristen können ihr Lager oder Teile davon bzw. Installationsaufnahmen ihrer Ausstellungen über artnet anbieten oder auch bestimmte Werke suchen. Wird aber der Galerist oder Kunsthändler im kommenden Jahrhundert den Konkurrenzkampf mit den immer stärker werdenden Auktionshäusern bestehen können? Der Ausverkauf der Moderne, der in den 1970er und 1980er Jahren zu immer größeren Umsätzen und gigantischen Preisen führte, und in den 1990er Jahren eine erhebliche Rezession und Preiskorrektur erfuhr, wird trotzdem auch in Zukunft vor allem von den Auktionshäusern übernommen.

Bereits Peter Wilson von Sotheby’s und auch nach ihm andere Auktionatoren haben schon lange das Ende der Galerien vorausgesagt. Zu Unrecht, wie ich glaube. Schon allein deshalb, weil auch die Auktionshäuser die Mitarbeit der Händler und der Galeristen für ihre eigene Zukunft brauchen. Noch stärker als bisher wird die Professionalität des Galeristen gefordert sein, um den globalisierten Konkurrenzkampf bestehen zu können. Die allgemeine Verfügbarkeit von Informationen führt zu einem Verlust an Informationsvorsprung, der noch zu meiner Zeit ein wesentliches Kapital des Kunsthändlers darstellte und der heute nur durch eine zunehmend spezialisierte Serviceleistung kompensiert werden kann. Intensive Künstler- und Kundenbetreuung etwa auch im Bereich der neuen Firmenkunden, die Entwicklung von maßgefertigten Sammlungskonzepten sowie Verträge mit Künstlern gehören zu den Möglichkeiten, mit denen sich Galerien von den Auktionshäusern absetzen können.

Gleichzeitig aber setzt der globalisierte Markt die Verbindung mit gleich gesinnten Kollegen im europäischen und außereuropäischen Ausland, besonders aber in den USA voraus, um weltweit exklusiv die eigene wie auch die Ware der befreundeten Kollegen anbieten zu können. Ein Partner im außereuropäischen Ausland erscheint mir heute bereits zwingend für deutsche Händler und Galeristen, da alle Kommissionsgeschäfte in Deutschland neben allen anderen Steuern allein mit 5 Prozent Folgerecht plus MwSt. belastet werden, die Vermittlungsprovision im Allgemeinen jedoch nur 10 Prozent beträgt.

Nur, wenn der Kunsthandel die Konditionen der Auktionshäuser unterbietet und mehr Service als sie leistet, kann er die Sammler wieder stärker an sich binden. Dabei wird entscheidend sein, ob trotz immer stärker werdender europäischer Reglementierung die europäischen Galerien mit den amerikanischen Schritt halten werden. Voraussetzung dafür ist der Aufbau eines größer werdenden Eigenlagers, um den Konkurrenzkampf mit den Auktionshäusern auch in Zukunft zu bestehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bildete der Dialog mit Amerika die entscheidende Herausforderung für den europäischen und damit auch den deutschen Kunsthandel. Heute gilt es für die Galerien, wie für alle anderen Bereiche der Wirtschaft, den Prozess der Globalisierung zu akzeptieren, indem sie sowohl ihr Profil als lokale Keimzelle künstlerischer Vermittlung wahren als auch sich international vernetzen.


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