Die Entwicklung chinesischer Kunst im Ausland

Der lange Marsch

Andreas Schmid
19. August 2008

Außerhalb Chinas waren die Entwicklungen der experimentellen Gegenwartskunst in den 1980er Jahren von der internationalen Kunstszene und den Medien kaum wahrgenommen worden. Die wichtige Ausstellung „China/Avant-Garde“ im Februar 1989 nahmen überregionale deutsche Zeitungen nur wegen der Schließung durch die Behörden in Folge einer Kunstaktion zur Kenntnis (die Künstlerin Xiao Lu hatte in einer provokativen Aktion auf ihre Arbeit geschossen). Über die Schließung wurde in wenigen Zeilen als Fakt berichtet, jedoch nicht über die Kunst. Auch innerhalb der deutschen Kunstszene gab es wenig Interesse: 1991 war z.B. im Horlemann-Verlag ein kleines Buch „Gebrochene Bilder –Junge Kunst aus China - Selbstdarstellungen“ erschienen, in dem zum allerersten Mal europäische Experten wie Hans van Dijk, Martina Köppel-Yang, Eckard R. Schneider und junge chinesische Ausstellungsmacher wie Fei Dawei und Hou Hanru einen konzentrierten Blick auf die chinesische Gegenwartskunst warfen und den damaligen Diskussionsstand vorstellten. Leider blieb das Buch in Deutschland nahezu unbeachtet. Es erschien einfach Jahre zu früh im „falschen“ Verlag. Seine Autoren, obwohl allesamt kenntnisreich - waren im deutschen Sprachraum nicht bekannt genug, um beachtet zu werden. Arroganz und Ignoranz verhinderten ein Interesse wie eine angemessene Bewertung durch Medien und die Kunstwelt.

In Frankreich hatte der Leiter des Pariser Centre Pompidou Jean-Hubert Martin immerhin drei chinesische Künstler, Huang Yongping, Yang Jiechang und Gu Dexin zu der im Juni 1989 stattfindenden Ausstellung „Zauberer der Erde“ (Magiciens de la Terre) eingeladen. Es war das erste Mal, dass chinesische Gegenwartskünstler in Europa in einem offiziell bedeutenderen Rahmen vorgestellt wurden. Zudem zählte Frankreich aufgrund seiner historisch gewachsenen starken kulturellen Beziehungen zu den bevorzugten Gastländern chinesischer Exil-Künstler und -Künstlerinnen. Nach den Ereignissen blieben nicht nur Huang Yongping und seine Frau Shen Yuan in Paris; mit Fei Dawei und Hou Hanru trafen im selben Jahr zwei junge und sehr aktive Kunsthistoriker in Paris ein, die in der Folgezeit mit selbst organisierten Ausstellungen chinesischen Künstlern im Westen eine Plattform zu geben suchten. 1990 organisierte Fei Dawei in Südfrankreich die Ausstellung „Chine Demain Pour Hier / Art Chinois“ 1990 mit ausschließlich im Ausland lebenden chinesischen Künstlern (darunter der Komponist Chen Qigang). Alle Bildenden Künstler, Gu Wenda (USA), Huang Yongping, Chen Zhen, Yan Pei Ming, Yang Jiechang (alle in Frankreich) und Cai Guoqiang (Japan) erarbeiteten in Südfrankreich ortsbezogene große Installationsprojekte. Außerdem wurde unter internationaler Beteiligung ein Symposion zur zeitgenössischen chinesischen Kunst abgehalten. Es war der Beginn erster größerer Projekte chinesischer Gegenwartskunst in Europa. Obwohl die Ausstellung abseits der großen Kunstzentren stattfand, wurde zum ersten Mal auch in französischen Kunstzeitschriften (und später auch in chinesischen) darüber berichtet.

Im Juni 1993 zeigte David Elliott im Museum of Modern Art Oxford eine ähnlich kleine, ebenfalls feine Schau mit beinahe denselben chinesischen Künstlern (Gu Wenda, Huang Yongping, Cai Guoqiang, Yang Jiechang, Xi Jianjun (Großbritannien), Guan Wei (Australien) und einem Pekinger Kollegen, Wang Luyan. Die vier in Paris lebenden chinesischen Künstler Chen Zhen, Yan Pei Ming, Huang Yongping und Yang Jiechang wurden zusammen mit ihrem Kollegen Zhang Peili von Hou Hanru 1994 in Finnland vorgestellt.

In Deutschland hatten zunächst die, als Folge der Ereignisse auf dem Platz des Himmlischen Friedens  bestehenden, starken Widerstände in den offiziellen Ausstellungshäusern gegen jede Form einer Zusammenarbeit jegliche künstlerische Präsentation mit chinesischem Zusammenhang verhindert. Kontakte oder Projekte mit der VR China galten auch in progressiven Ausstellungshäusern nach Juni 1989 als „politisch nicht korrekt“. Dennoch arbeitete der Autor dieses Textes 1991/92 zusammen mit dem Niederländer Hans van Dyjk und dem Experten Jochen Noth an einer ersten umfassenden Präsentation chinesischer Gegenwartskunst. Alle Beteiligten hatten zuvor mehrere Jahre in der VR China gelebt und gearbeitet. Nach mehreren Absagen entschloss sich erst das Haus der Kulturen der Welt in Berlin mutig zu dieser Ausstellung, die völlig undercover durchgeführt werden musste, da die chinesische Kulturbürokratie diese Kunst bekämpfte. Gegen die Ausstellung selbst wurde noch vor Eröffnung im Januar 1993 durch den Botschafter der VR China in Deutschland persönlich protestiert. Die Ausstellung, als Remineszenz ebenfalls „China-Avantgarde“ genannt,  zeigte vornehmlich Positionen im Land lebender Künstler: Es waren  vorwiegend Vertreter der 1985er-Bewegung (u.a. Zhang Peili, Geng Jianyi, Wu Shanzhuan, Ni Haifeng) und der jungen Generation des  „Zynischen Realismus“ oder des „Politischen Pop“ (u.a. Yu Youhan, Yu Hong, Zhao Bandi ) sowie Arbeiten des Kantonesen Lin Weimin (Lin Yilin) von der unlängst gegründeten „Großschwanzelefantengruppe“ aus Guangzhou. Die Ausstellung wanderte nach den Niederlanden, Dänemark und England. Daneben fanden dank der Struktur des Hauses Literaturlesungen, Rock-Konzerte und Aufführungen zeitgenössischer chinesischer Musikkompositionen statt. In Hong Kong wurde nur wenige Tage nach der Berliner Ausstellung eine im Zeitrahmen sehr ähnliche, jedoch wesentlich umfangreichere Ausstellung zeitgenössischer chinesischer Kunst eröffnet, die der Galerist und Kunsthändler Chang Tsong-Zung (Johnson Chang) organisiert hatte. Dieser hatte sich schon seit Jahren für die zeitgenössische chinesische Kunst in der VR China interessiert und verschiedene Künstler wie Künstlergruppen (z.B. „The stars-10 years“, 1990) in Hong Kong erstmals vorgestellt. Seine neue Ausstellung reiste nach Australien und tourte in den USA.

Folgen

Die oben genannten Ausstellungen finden deshalb so ausführliche Erwähnung, da sie ein ungeheueres Echo hervorriefen. Nun war die chinesische Gegenwartskunst nicht länger zu ignorieren, auch wenn sie nicht von allen verstanden wurde. In der Folge wandten sich verschiedene Sammler und Galeristen aus Asien, den USA und Europa der chinesischen Kunst zu. Das Interesse an chinesischer Gegenwartskunst und Kultur insgesamt wurde geweckt. So kaufte der Sammler Peter Ludwig mehrere Arbeiten aus der Ausstellung in Berlin, ähnliches geschah in Hong Kong mit asiatischen und in den USA mit amerikanischen Sammlern und Museen. Auch die Auktionshäuser wie Christie’s horchten auf. Der Kunstmarkt begann, aktiv mitzumischen. Natürlich schlugen die medial am attraktivsten und scheinbar am leichtesten lesbaren Arbeiten der jüngeren Generation des „Zynischen Realismus“ und des „Politischen Pop“ am meisten durch und wurden Verkaufsschlager.

In den Jahren 1994 bis 1997 fanden besonders in Europa und in den USA einige Ausstellungen statt, die verschiedene Aspekte der sich nun zeitgleich in China mit immer größerer Geschwindigkeit  entwickelnden Kunst im Westen vorstellten. Besonders positiv sind hierbei zwei Ausstellungen in den Niederlanden zu nennen: In der Ausstellung „Heart of Darkness“ (Dezember 1994) wurden durch die Kuratorin Marianne Brower vier chinesische Künstler zusammen mit einigen prominenten Künstlern anderer Nationalitäten ausgestellt, wodurch Qualität auf Augenhöhe demonstriert wurde. Die engagierte Kuratorin zeigte in Breda 1996 explizit konzeptionelle Installations- und Performancekunst von chinesischen Künstlerinnen und Künstlern, um dem Mainstream des „Political Pop“ aus ihrer Warte etwas entgegenzusetzen. Ebenfalls 1996 organisierte die chinesische Künstlerin Qiu Ping zusammen mit dem leider als Ort nicht besonders förderlichen Frauenmuseum Bonn eine umfassende Schau chinesischer Künstlerinnen mit taiwanesischer Beteiligung.

Es gab somit besonders in der Frühphase Ausstellungen, die erstmalig Positionen bekannt machen wollten und später dann auch solche, in denen schon arrivierte Positionen, besonders von im Ausland lebenden Künstlern wie z.B. Chen Zhen, Huang Yongping oder Gu Wenda zusammen mit arrivierten internationalen Künstlern gezeigt wurden. 1997 organisierten Hou Hanru und Hans Ulrich Obrist die hochkarätige und erfolgreiche Ausstellung „Cities on the Move“, in die auch viele chinesische Künstlerinnen wie Yin Xiuzhen, Shen Yuan und Ellen Pao (HK) und Künstler wie Zhang Peili, Zhen Guogu, Wang Du, Zhu Jia und Oscar Ho (HK) unterschiedlicher Generationen erfolgreich eingebunden waren. 1998 kuratierte der nach 1989 in die USA emigrierte Kunsthistoriker Gao Minglu für das San Francisco Museum of Modern Art und die Asia Society mit dem  P.S.1  in New York eine große weitere Sammelausstellung chinesischer Gegenwartskunst in den USA, die nicht nur einen äußerst qualitätvollen Einblick in den gegenwärtigen Stand bis 1995 ermöglichte, sondern auch einen wissenschaftlich sehr gehaltvollen Katalog lieferte.

Immer häufiger wurden nach 1993 chinesische Künstler und Künstlerinnen bevorzugt aus der VR China zu allen möglichen Ausstellungen, Artist in Residencies, zu Biennalen in Ost und West eingeladen, die wiederum ihre Erfahrungen nach Hause brachten. Einige Künstler, die in den 1980er Jahren ins Ausland gegangen waren, gelang in den 1990ern die erfolgreiche Integration in die internationale Kunstszene (Huang Yongping, Gu Wenda, Chen Zhen, Qin Yufen, Yang Jiechang, Yan Pei Ming, Cai Guoqiang u.a.). Nur im eigenen Land zeigte man sich noch zugeknöpft. Während Taiwan aus politischen Gründen zunächst nur wenig beachtet blieb, gelang es KünstlerInnen aus Hong Kong bis auf einzelne Ausnahmen nicht, sich qualitäts- und standortmäßig zu platzieren.

Eine besonders wichtige Rolle spielten vor allem Mitte der 1990er Jahre die Biennalen, allen voran die von Venedig, Sao Paolo und Kwangjiu. Sie waren für viele chinesische Künstler damals das Ziel ihrer Träume. Im Jahr 1984 gelang es Chang Tsong-Zung, vier Künstler der „zynischen Realisten“ (Fang Lijun, Zhang Wei) und des „ Political Pop“ (Yu Youhan und Wang Guangyi) offiziell in der Biennale von Sao Paolo vorzustellen, indem er die Tochter von Deng Xioping mit ausstellte. Großes Aufsehen erregte im gleichen Jahr Benito Olivar, der eine ganze Reihe von chinesischen Künstlern als Gäste auf die Biennale in Venedig einlud. Endgültig geadelt wurde die chinesische Gegenwartskunst dann durch die erstmalige Teilnahme von Wang Jianwei und Feng Mengbo an der documenta 1996 durch Catherine David wie auch durch Harald Szeemann auf der Venedig Biennale von 1999. Szeemann stützte sich in seiner großen  Auswahl ganz auf den Sammler und Schweizer Botschafter in der VR China, Hans Ulrich Sigg. 1997 wurden erstmalig in einer größeren Ausstellung Fotografien chinesischer (inklusive Hong Kong) Künstler und Künstlerinnen in Berlin gezeigt. Vorher war Fotografie aus der VR China eher nur am Rande zu sehen gewesen. Ende der 1990er Jahre aber begann der Boom chinesischer Künstlerfotografien. Besonders in New York etablierten sich Galerien für dieses Marktsegment (z.B. Max Protech).

Seit Mitte der 1990er Jahre nahmen mehr und mehr Galerien im Westen chinesische KünstlerInnen in ihr Programm - wie die Galerie Urs Meile in Luzern - oder spezialisierten sich gar auf Asien, wie die Berliner Galerie Pruess & Ochs. Einige machten ab Mitte der 1990er Jahre als Pioniere den mühsamen, jedoch erfolgreichen Versuch, sich in der VR China niederzulassen: so einer der Hauptkuratoren der Berliner Ausstellung, Hans van Dijk, der als internationaler Berater und Archivar ab 1995 erfolgreich in Beijing operierte und für viele internationale Museen und Kuratoren die erste Anlaufstelle war; oder der Schweizer Lorenz Helbling, der sich zur gleichen Zeit in Shanghai als Galerist niederließ und heute eine der erfolgreichsten und qualitätvollsten Adresse in Shanghai ist.

Auch wenn es Mitte der 1990er Jahre noch wenige Galerien gab, verbesserte sich die Situation für Künstler und ihre wirtschaftlichen Möglichkeiten in der VR China zumindest in den großen Zentren und Städten immer mehr. Von den chinesischen Künstlern, die ins Ausland gegangen waren, zogen ab 1994 etliche wieder in die VR China zurück (z.B. Ai Weiwei und Yan Li aus New York, Huang Rui aus Japan; Liu Wei und Tan Ping aus Deutschland) oder pendelten, wie Zhu Jinshi, Qin Yufen, Yuan Shun oder Xu Bing zwischen Gast- und Geburtsland. Viele der Rückkehrer erhielten trotz der offiziellen Politik Professuren an den Akademien. Ende der 1990er Jahre war damit die chinesische Kunst auf dem internationalen Kunstparkett angekommen.


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In den 1990er Jahren blühte die chinesische Gegenwartskunst voll auf - eine gewaltige kreative Explosion und Vorlauf einer Geschichte des Erfolges.



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